Zusammenfassung

- Der neue Coach setzt vor allem aufs Kollektiv

- Dadurch soll der Erfolg nach Leverkusen zurückkehren

- Herzlicher Empfang auf allen Vereinsebenen

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Leverkusen - Nach der enttäuschenden Vorsaison ist bei Bayer 04 Leverkusen mit der Verpflichtung von Heiko Herrlich der Glaube an eine erfolgreiche Zukunft zurückgekehrt. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der neue Trainer über den Fußball, den seine Mannschaft spielen soll, über Stefan Kießling und Julian Brandt sowie über den Trainer, der ihn menschlich am meisten beeindruckt hat.

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bundesliga.de: Herr Herrlich, im Sport im Allgemeinen und im Fußball im Besonderen werden Emotionen und Gesten häufig überstilisiert. Darf man dennoch sagen, dass Bayer 04 Leverkusen, einst Ihre erste Profi-Station, für Sie mehr ist als „nur“ ein weiterer Job?

Heiko Herrlich: Ja, das ist sicher so. Ich habe hier in Leverkusen meine ersten Schritte im Profifußball gemacht, bin als damals 17-Jähriger hierher gekommen. Wenn man so will, hat bei Bayer 04 alles erst richtig angefangen. Und jetzt komme ich zurück und stelle fest, dass hier teilweise immer noch dieselben Leute arbeiten wie damals, zwei Zeugwarte zum Beispiel oder manch eine Sekretärin, Leute vom Sicherheitsdienst. Darüber habe ich mich sehr gefreut und auch über die freundliche Aufnahme durch alle anderen Mitarbeiter, denen ich mich bei meinem Antrittsbesuch vorstellen durfte.

"Wir erfahren hier in Leverkusen in den ersten Tagen eine wahnsinnige Unterstützung von allen Seiten!" Heiko Herrlich

bundesliga.de: Hinter Bayer 04 liegt eine turbulente und sicherlich enttäuschende Saison. Welche Gefühlslage haben Sie bei Verantwortlichen und Spielern vorgefunden?

Herrlich: Ich habe festgestellt, dass hier eine große Entschlossenheit herrscht, es besser zu machen als in der vergangenen Saison. Allen voran bei den Spielern und im Management. Aber eben auch bei den Leuten im Hintergrund. Wir erfahren hier in Leverkusen in den ersten Tagen eine wahnsinnige Unterstützung von allen Seiten, auch von den Fans. Das motiviert ungeheuer, und wir fühlen die Verpflichtung, diesen Antrieb aufzunehmen, ihn in positive Energie umzuwandeln und letztlich als Team auf den Platz zu bringen.

Video: Herrlichs Traumtor für Bayer

bundesliga.de: Egal wer in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren Trainer in Leverkusen war, es wurde meist ein sehr attraktiver, offensiver Fußball gespielt. Welche Art Fußball schwebt Ihnen vor?

Herrlich: Mit dieser Spielanlage kann auch ich mich natürlich identifizieren. Wir wollen unsere Fans, die Zuschauer im Stadion begeistern, ihnen glaubhaft vermitteln, dass wir wirklich alles geben, um erfolgreich zu sein. Dann wird auch der Funke überspringen. Die Leute sollen zufrieden nach Hause gehen können, selbst dann, wenn der Gegner besser war und wir verdient verloren haben. Aber in solch einem Fall muss eben immer sichtbar gewesen sein, dass wir alles unternommen haben, das zu verhindern.

bundesliga.de: Sie trainieren die Mannschaft nun ungefähr eine Woche. Auch wenn noch einige Spieler fehlen: Wie ist Ihr Eindruck von der fußballerischen Qualität des Teams?

Herrlich: Wir haben sehr viel Qualität im Kader. Er wurde ja auch vor einem Jahr für die Champions League zusammengestellt. Jetzt, wo wir international nicht dabei sind, wird der Konkurrenzkampf größer. Wir haben sehr gute Spieler für alle Positionen.

 bundesliga.de: Gibt es einen Punkt, beim dem Sie dringenden Handlungsbedarf sehen?

Herrlich: Ich denke, dass der Teamgedanke ein wesentlicher Aspekt unserer Arbeit ist. Darauf baut alles andere auf. Die Mannschaft ist ja grundsätzlich, ich sagte es schon, von hoher Qualität. In vielerlei Hinsicht geht es nicht um Grundsätzliches, sondern um Nuancen. 

Quiz: Wie gut kennst du Bayer 04 Leverkusen?

bundesliga.de: Wie schwierig ist es für Ihre Planung, dass Sie noch nicht wissen, ob Sie neben Hakan Calhanoglu weitere kreative und torgefährliche Spieler wie Kevin Kampl und Chicharito verlieren?

Herrlich: Hakan hat natürlich Qualität, genau wie Kevin oder Chicharito sie haben. Aber letztlich ist doch wichtig, dass die Spieler, die man zur Verfügung hat, sich zu 100 Prozent mit dem Verein identifizieren. Die Dinge werden sich bald klären – dann sehen wir weiter.

bundesliga.de: Dürfte man einen Torgaranten wie Chicharito überhaupt abgeben, wenn man, wie vorgegeben, zurück ins internationale Geschäft will?

Herrlich: Ich glaube, ein Verein wie Bayer 04 Leverkusen wird sich nie in die Abhängigkeit eines einzelnen Spielers begeben. Chicharito hat hier in zwei Jahren tolle Leistungen abgeliefert. Aber das haben viele andere natürlich auch. Erfolge holst du nur als Team.

"Ein Verein wie Bayer 04 Leverkusen wird sich nie in die Abhängigkeit eines einzelnen Spielers begeben. Erfolge holst du nur als Team." Heiko Herrlich

bundesliga.de: In der vergangenen Saison fehlte es dem Team bisweilen an den Eigenschaften, die nach Ihrer Philosophie unabdinglich für Erfolg sind, an der Bereitschaft sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen und an unbedingter Siegermentalität. Lässt sich so etwas aber überhaupt "erlernen"?

Herrlich: Ich habe bei allen Mannschaften, die ich bisher trainiert habe, versucht, diese Dinge in den Vordergrund zu stellen. Der Spieler muss wissen, dass er alles geben muss, um zum Erfolg des Teams beizutragen. Man muss sein Ego zurücknehmen und kapieren: Der Verein ist immer wichtiger als ich. Das Vereinswappen vorne auf dem Trikot ist immer wichtiger als der Spielername hinten drauf. In 20, 30 Jahren stehen da andere Namen. Aber das da vorne, das bleibt immer. Wenn ich mich in den Dienst einer Sache stelle, zusammen mit anderen, dann kommt diese Gier auf gemeinsamen Erfolg automatisch.

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bundesliga.de: In Julian Brandt steht ein hochveranlagter Fußballer zur Verfügung, der sein großes Potenzial aber noch nicht konstant abrufen kann. Wie muss man einen solchen Spieler "anfassen"?

Herrlich: Zunächst mal muss ich ihn ja erst mal persönlich kennenlernen. Aber Julian ist ein Spieler, der mir super gefällt. Und Rudi Völler und Jonas Boldt haben mir sehr viel über ihn erzählt. Bei ihm mache ich mir keine großen Gedanken. Er wird - auch durch seine Teilnahme am Confed-Cup - einen weiteren Sprung machen in seiner Entwicklung und eine tolle Saison bei uns spielen.

bundesliga.de: Was erwarten Sie in diesem Zusammenhang von Stefan Kießling, der trotz der für ihn enttäuschenden vergangenen Saison ein weiteres Jahr zur Verfügung steht?

Herrlich: Ich habe großen Respekt für das, was er in all den Jahren für Bayer Leverkusen geleistet hat. Eine Identifikationsfigur wie Stefan Kießling ist ganz wichtig. Er hat das verinnerlicht, wovon ich eben sprach: Er sieht den Verein als das Wichtigste, nicht sich selbst. Von der Art und Weise, wie er diese Tugend lebt, und von seiner sportlichen Größe her, müsste er absoluter Stammspieler sein. Aber er weiß natürlich auch, dass er mit 33, 34 Jahren vielleicht nicht mehr jedes Spiel von Beginn machen kann auf höchstem Niveau. Was er immer kann, ist in unserem Sinn in die Mannschaft hineinzuwirken. Als verlängerter Arm, wenn Sie so wollen.

bundesliga.de: Wen nehmen Sie neben Kießling und Mannschaftskapitän Lars Bender in Sachen Führungsqualität ebenfalls in die Pflicht?

Herrlich: In der Pflicht sind alle. Jeder soll, jeder muss seinen Beitrag leisten.

bundesliga.de: Ihre eigene aktive Karriere liegt 13 Jahre zurück. Lässt man die höheren Transfersummen und die größere Athletik außen vor, haben sich die Bundesliga und das Spiel per se seitdem auch in weiteren Bereichen verändert?

Herrlich: Natürlich. Der Fußball hat sich extrem zum Umschaltspiel entwickelt, es ist fast wie beim Handball. Alle greifen gemeinsam an, alle verteidigen gemeinsam. Eine gute Balance zwischen Offensive und Defensive ist deswegen immer wichtiger geworden. Mit Spielern, die ihr Augenmerk schwerpunktmäßig auf ihre Angriffsaktionen legen und keinerlei Affinität fürs Verteidigen entwickeln, kommt eine Mannschaft in Schwierigkeiten. In Spielen gegen ganz starke Teams besteht eine Partie manchmal zu 60, 70 Prozent aus Arbeit gegen den Ball. Du musst Räume zulaufen, verschieben, Ballverluste kompensieren. Da muss jeder Einzelne defensive Qualitäten abrufen. Das ist genauso bedeutsam wie eine gute Technik, Schnelligkeit und offensive Durchschlagskraft. 

"Ottmar Hitzfeld? – Seine Bescheidenheit und seine Menschlichkeit haben mich sehr beeindruckt.“ Heiko Herrlich

bundesliga.de: Sie haben damals Trainer wie Ottmar Hitzfeld, Udo Lattek, Matthias Sammer oder Berti Vogts erlebt. Wer hat Sie fußballerisch am stärksten geprägt?

Herrlich: Sie werden das vielleicht als Standardantwort empfinden, aber so ist es nicht: Ich habe von jedem meiner Trainer etwas mitgenommen. Ich war immer sehr offen für konstruktive Kritik. Gerade weil ich in meinen Mannschaften eher selten zu den Häuptlingen gehörte, aber doch wohl meistens ein guter Indianer war, habe ich immer gut zugehört und beobachtet. So habe ich von den jeweiligen Stärken meiner Trainer auch persönlich profitiert. Zunächst als Spieler. Und heute auch als Trainer.

bundesliga.de: ...und wer in der Menschenführung?

Herrlich: Wenn Ottmar Hitzfeld, einer der erfolgreichsten Trainer der Welt, etwas gewonnen hatte, dann musste er aufpassen, dass er bei den Feierlichkeiten nicht hinten vom Podest herunterfiel. Vorne standen immer seine Spieler. Seine Bescheidenheit und seine Menschlichkeit haben mich sehr beeindruckt.

Das Interview führte Andreas Kötter