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München - 108 Tore in 204 Bundesligaspielen, in fünf Saisons knipste er 17 Mal oder öfter. Klaus Toppmöller war in der Bundesliga ein Angreifer der Extraklasse. Einen Knipser wie ihn könnte Bayer Leverkusen sicherlich gebrauchen - die Rheinländer haben in der Bundesliga erst zehn Saisontore erzielt.

Doch der Ex-Bayer-Coach hat Vertrauen in die Offensive des Vizemeisters: "Das Potenzial im Angriff ist absolut vorhanden. Ich finde Eren Derdiyok sensationell gut", sagt Toppmöller, der 2002 "Trainer des Jahres" wurde - in Diensten von Bayer Leverkusen. Unter seiner Führung erlebte Leverkusen mit Platz 2 in Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal die beste Saison seiner Geschichte.

Im exklusiven Gespräch mit bundesliga.de spricht Toppmöller über die ansteigende Form der "Werkself", gibt eine Prognose für Bundesliga und Champions League ab und bewertet die Personalien Michael Ballack und Bernd Leno.

bundesliga.de: Herr Toppmöller, Bayer Leverkusen hat einen eher durchwachsenen Saisonstart hingelegt und sucht weiter nach der nötigen Konstanz. Wie bewerten Sie den bisherigen Verlauf der Spielzeit?

Klaus Toppmöller: Sie haben dumme Spiele verloren. Aber ich glaube trotzdem, dass Bayer die Champions League erreicht. Vom Potenzial her hat Leverkusen sicherlich eine sehr, sehr gute Mannschaft.

bundesliga.de: Nach den bitteren Niederlagen im Derby gegen den 1. FC Köln (1:4) und beim FC Bayern München (0:3) hat sich die "Werkself" zuletzt mit Siegen in der Champions League gegen den KRC Genk (2:0) und in der Bundesliga gegen den VfL Wolfsburg (3:1) wieder gefangen. Ist das die endgültige Trendwende?

Toppmöller: Ich glaube schon, dass das die Trendwende war. In der Champions League und vor allem in der Bundesliga sind sie mit das Beste vom Besten.

bundesliga.de: Nachdem die Offensive in den vergangenen Jahren eigentlich immer das Prunkstück gewesen ist, hat die Mannschaft von Trainer Robin Dutt nun an den ersten acht Spieltagen nur magere zehn Tore erzielt. Woran liegt das?

Toppmöller: Das wird mit Sicherheit besser werden. Gerade im Mittefeld und im Sturm ist die Mannschaft sensationell gut besetzt. Vielleicht hakt es eher noch in der Abwehr. Sami Hyypiä hat aufgehört, es bleiben junge Leute, die erst noch Erfahrung sammeln müssen. Hier ist die Achillesferse für mich. Das Potenzial im Angriff ist absolut vorhanden. Ich finde Eren Derdiyok sensationell gut, und auch Stefan Kießling. Dazu komme viele gefährliche Mittelfeldspieler wie Michael Ballack, Renato Augusto, Sidney Sam oder Gonzalo Castro. Das sind sensationelle Spieler. Vom Potenzial her müssten einige Punkte mehr haben. Das erwarte ich jetzt in der Folgezeit - den Sprung ganz nach oben.

bundesliga.de: Sie erwähnten Michael Ballack. Nach vielen Verletzungsproblemen scheint auch er allmählich seinen Platz im Team gefunden zu haben. Was trauen Sie Ihm noch zu?

Toppmöller: Micha ist taktisch und fußballerisch immer noch ein sensationeller Spieler. Er ist auch weiterhin enorm torgefährlich - ich traue ihm noch einiges zu in diesem Jahr.

bundesliga.de: Zu den größten Überraschungen bei den Leverkusenern dürfte sicherlich der erst 19-jährige Bernd Leno gehören, der den verletzten Nationalkeeper Rene Adler bislang bestens vertritt. Wie sehen Sie seine Entwicklung?

Toppmöller: Rene Adler fehlt natürlich. Aber Leno ist ein fantastischer Torwart. Er muss sicherlich seine Erfahrungen noch sammeln, macht noch den einen oder anderen Fehler, aber spielt insgesamt schon sehr, sehr gut. Wir haben in Deutschland zum Glück so viele extrem starke Torhüter, und da gehört Leno mit Sicherheit auch dazu.

bundesliga.de: In der Tabelle stehen die Rheinländer momentan nur auf Platz 9. Wo landet der Vize-Meister denn am Saisonende?

Toppmöller: Ich glaube, dass sie auf Platz 2 landen, hinter den Bayern.

bundesliga.de: In der Champions League dürfte der FC Chelsea in der Gruppe E klarer Favorit sein. Dahinter streiten wohl Bayer und der FC Valencia ums Weiterkommen. Wie stehen Leverkusens Chancen in der "Königsklasse"?

Toppmöller: Zumindest müssen sie die Gruppenphase überstehen und das werden sie auch. Valencia ist nicht mehr so stark wie in den vergangenen Jahren. Klar, Chelsea ist der absolute Topfavorit. Die Spiele gegen Valencia werde dann entscheidend sein, ob Leverkusen weiter kommt. Das Ausscheiden wäre schon eine Riesenenttäuschung. Ist das geschafft, ist vieles möglich, wenn sich die Mannschaft findet. Ich traue ihnen das Viertelfinale zu.

Das Gespräch führte Christoph Gschoßmann


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