ANZEIGE

München - Für BVB-Coach Jürgen Klopp war es Routine. Für seine Trainerkollegen womöglich ein Umstand, der sie vor Neid platzen lässt. In der 67. Minute nahm er den überragend agierenden Ilkay Gündogan aus der Partie und brachte den nicht minder begabten Sven Bender.

Der Rest ist knapp eine Woche später Bundesligageschichte. Nach einer völlig verrückten Schlussphase trennten sich . Es ist müßig darüber zu diskutieren, ob der BVB mit Gündogan die scheinbar sichere 2:0-Führung über die Zeit gebracht hätte. Dennoch unterstreicht es vor allem eines: Der 21-Jährige ist endgültig in Dortmund angekommen.

Neuer Fixpunkt im Dortmunder Mittelfeld



Geschickt zog Gündogan im defensiven Mittelfeld die Fäden. Immer wieder initiierte er die Angriffe der Dortmunder - bedächtig und unaufgeregt. Er bereite vier Torabschlüsse vor, schoss fünf Mal selbst aufs Gehäuse und leitete mit seiner Übersicht das 1:0 durch Shinji Kagawa ein. Auch die im Klopp'schen System unabdingbare Defensivarbeit verrichtete der Nationalspieler mit Bravour. Bis zu seiner Auswechslung spulte er 9,4 Kilometer ab.

"Mir wurde häufig gesagt, dass mehr von mir kommen muss und dass mehr von mir erwartet wird - im Spiel nach vorn und im Spiel gegen den Ball mit diesem für Dortmund typischen Gegenpressing, das in der Liga nur wenige so hinbekommen wie wir. Mittlerweile fällt es mir viel leichter, auf dem Platz zu zeigen, was von mir erwartet wird", erklärte Gündogan gegenüber dem "Kicker".

Umstellung nach Wechsel



Die Umstellung vom 1. FC Nürnberg hin zu Borussia Dortmund war groß. Der Wechsel in eine neue Mannschaft, die neue Taktik, der harte Konkurrenzkampf beim Meister. Und auch der von einigen Medien lancierte Vergleich mit dem abgewanderten Nuri Sahin machte dem gebürtigen Gelsenkirchener zu schaffen.

"In den letzten Wochen und gerade in der Rückrunde trainiere ich richtig gut und es läuft gut. Ich habe immer mehr in die Mannschaft hineingefunden nach der Hinrunde, die für mich mit Sicherheit nicht die leichteste war", spricht er offen über seine anfänglichen Probleme: "Aber das gehört zu einem Lernprozess dazu. Ich habe auch Tiefen durchgemacht, ernte jetzt aber die Früchte, dass ich nie an mir gezweifelt oder aufgegeben habe. Ich bin immer drangeblieben. Es ist einfach schön."

Anhaltend starke Form



In den letzten drei Bundesligaspielen stand Gündogan immer in der Startelf und zahlte das ihm geschenkte Vertrauen zurück. Bei den überzeugenden Siegen gegen den 1. FC Köln (6:1) und Werder Bremen (2:0) erzielte er ein Tor und legte zwei Treffer auf. Im DFB-Pokalhalbfinale gegen die SpVgg Greuther Fürth löste er durch seinen Fernschuss in der 120. Minute das Ticket für Berlin. Nach dem Spiel bezeichnete Coach Klopp seinen Schützling als "fantastischen Fußballer".

Gündogan weiß um die Besonderheit seines Trainers. In der Zeit, in der er sich immer wieder auf der Bank wiederfand, redete Klopp ihm Mut zu. Seine Ehrlichkeit und der offene Konkurrenzkampf innerhalb der Mannschaft beeindrucken den 21-Jährigen: "Jeder muss kämpfen, um in der ersten Elf zu stehen, um seinen Platz zu verteidigen, oder zu erobern. Alle sind gleichberechtig und werden gleich behandelt. Wenn ich spiele, versuche ich, meine Aufgabe optimal zu erfüllen. Wie der Trainer das dann beurteilt, ist seine Sache."

Hält Gündogan sein Form, bleibt Klopp kaum etwas anderes übrig, als auf den defensiven Mittelfeldspieler zu setzen - und das künftig auch über die 67. Minute hinaus.

Sebastian Schramm