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Hamburg - Bei der Frage nach dem bekanntesten Brasilianer der Bundesliga-Geschichte wird sein Name vermutlich in neun von zehn Fällen genannt: Giovane Elber. 260 Mal schnürte er in der Bundesliga für den VfB Stuttgart, den FC Bayern München und zuletzt Borussia Mönchengladbach die Fußballschuhe, 133 Mal trug er sich dabei in die Torschützenliste ein.

Nach seiner aktiven Karriere arbeitete der 40-Jährige unter anderem als Scout für die Bayern - und da vor allem auf dem südamerikanischen Markt. Die Spieler von FC Shakhtar Donetsk, Borussia Dortmunds Achtelfinal-Gegner in der Champions League, sind ihm wohl auch deshalb ein Begriff.

"Die meisten Spieler, die in die Ukraine wechseln, spielen entweder nicht in den großen brasilianischen Clubs oder, wenn doch, dann spielen sie dort nur die zweite Geige", sagt Elber im Interview mit bundesliga.de. Chancenlos sieht der ehemalige Stürmer die Samba-Truppe der Ukraine dennoch nicht.

bundesliga.de: Herr Elber, bei Shakhtar Donetsk stehen gleich acht Brasilianer im Kader. Nimmt man davon in Ihrer Heimat Notiz?

Giovane Elber: Shakhtar war bis vor wenigen Jahren in Brasilien völlig unbekannt. Erst als mit Brandao 2002 der erste Brasilianer nach Donetsk wechselte und es in der Folge immer mehr Landsleute wurden, interessierte man sich auf einmal für diesen Club. Und jetzt ist Shakhtar natürlich immer mal wieder ein Thema in den Nachrichten.

bundesliga.de: Der Schritt nach Europa ist für einen Brasilianer schon kein einfacher. Aber ein Wechsel in die kalte Ukraine? Welchen Anreiz gibt es dafür?

Elber: Das Geld spielt die entscheidende Rolle. Die meisten Spieler, die in die Ukraine wechseln, spielen entweder nicht in den großen brasilianischen Clubs oder, wenn doch, dann spielen sie dort nur die zweite Geige. Da fällt es leichter, das Risiko eines Wechsels einzugehen. Da die brasilianische Gemeinschaft vor allem in Donetsk schon sehr groß ist, ist man als neuer Spieler auch nicht isoliert.

bundesliga.de: Und kann sich ein Brasilianer denn mit dieser ganz anderen Mentalität arrangieren?

Elber: Viele wollen vielleicht nur ein oder zwei Spielzeiten dort bleiben und dann am liebsten wieder zurückkommen oder zu einem anderen großen Verein in Europa wechseln. Die Teilnahme an der Champions League macht die Sache aber interessant. Und wenn es läuft und der Vertrag gut dotiert ist, bleiben sie da.

bundesliga.de: So wie Mittelfeldspieler Fernandinho, der schon seit 2005 bei Shakhtar kickt.

Elber: Ja, ich kenne Fernandinho. Er ist auch in meiner Heimat Londrina geboren. In der Ukraine hat er es sogar in die Selecao, die brasilianische Nationalmannschaft, geschafft. Ich hatte ihn als Scout des FC Bayern sogar mal auf meinem Zettel. Aber es wurde nicht konkret. Als ich ihn mal persönlich traf, erzählte er mir außerdem, dass er sich in Donetsk sehr wohl fühlt und es ihm dort Spaß macht. Also ganz so schlecht kann es dort nicht sein.

bundesliga.de: Dennoch schaffen es nur wenige dieser Profis in die brasilianische Nationalmannschaft. Woran liegt das?

Elber: Diese Spieler haben keine Lobby. Wenn sie eingeladen werden und nicht sofort einschlagen, sind sie raus. Spieler aus Barcelona, Madrid, Manchester oder München haben da schon einen Bonus von ein paar Partien, wenn es nicht sofort läuft.

bundesliga.de: Mit dem Ball können sie wahrlich alle umgehen. Muss Dortmund auf die brasilianischen Spieler besonders aufpassen?

Elber: Ganz bestimmt. Borussia Dortmund hat sicherlich eine sehr starke Mannschaft. Aber wenn sie die Brasilianer gewähren und ins Spiel kommen lassen, dann wird es auch für den BVB richtig schwierig, Shakhtar zu bezwingen.

bundesliga.de: Hat Donetsk also eine echte Chance?

Elber: Die Chance ist in diesen K.o.-Spielen immer da. Ich glaube aber, dass Dortmund den Heimvorteil im Rückspiel nutzen wird.

bundesliga.de: Alleine in Donetsk spielen acht Brasilianer, in der Bundesliga nur noch insgesamt 20. Woran liegt es, dass nicht mehr so viele Ihrer Landsleute in Deutschland dem Ball nachjagen?

Elber: Die Bundesliga ist in Brasilien sehr populär. Jedes Wochenende werden drei Spiele live gezeigt. Die Bundesliga ist auch sehr viel stärker als vor zehn, 15 Jahren. Die Qualität ist größer und diese Qualität müssen brasilianische Spieler erst einmal mitbringen, damit sie für die Bundesliga-Clubs interessant werden.

bundesliga.de: Wird sich das in naher Zukunft ändern?

Elber: Ja, das ist in meinen Augen nur eine Phase. Es ist wie bei der Selecao. Da ist ja auch gerade ein wenig Sand im Getriebe. Ich bin mir aber sicher, dass das wieder besser wird. Und dann sehen wir auch bald wieder mehr Brasilianer in der Bundesliga.

Das Gespräch führte Michael Reis