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München - Es sind unangenehme Tage an der Säbener Straße in München. Die Eiseskälte der ersten Februartage ist zwar gewichen und die Sonne spitzt nach letzten Schneefällen wieder zwischen den Wolken hervor - doch selbst der landestypisch weißblaue Himmel kann das Umfeld des FC Bayern in diesen Tagen nicht besänftigen.

Zu sehr schmerzt noch das torlose Unentschieden beim SC Freiburg vom vergangenen Samstagabend, durch das der Rekordmeister mittlerweile vier Punkte hinter Tabellenführer Borussia Dortmund liegt und auch deren Namenscousine aus Mönchengladbach vorbeiziehen lassen musste.

"Wir sind unter gewaltigem Druck"

Satte acht Zähler lag der FCB nach dem 7. Spieltag vor dem BVB - und auch nach dem 12. Spieltag waren es immerhin noch fünf Punkte. Die Trendwende zum Schlechteren erfolgte mit der 0:1-Heimniederlage im Spitzenspiel gegen Dortmund: Seit Mitte November ging es tendentiell abwärts, denn die Münchner holten in den letzten zehn Begegnungen nur 17 der 30 möglichen Punkte und damit deutlich weniger als die Konkurrenz aus Dortmund (26), Gladbach (23) und Schalke (22).

Der Plan sah ganz anders aus: Nach dem "besten Trainingslager aller Zeiten" (Trainer Jupp Heynckes) in Doha wollte man durchstarten und den schmalen Vorsprung auf die Konkurrenz ausbauen. Das Gegenteil trat ein - von drei Auswärtspartien holte das Star-Ensemle von der Isar nur zwei Punkte. Entsprechend missmutig und sorgenvoll beobachtet Bayerns Sportdirektor Christian Nerlinger die Entwicklung seines Teams. "Wenn wir so weitermachen, werden wir mit der Meisterschaft nicht viel am Hut haben", sagte der ehemalige Nationalspieler nach dem mageren Remis in Freiburg. "Wir waren vor dem Spiel unter Druck, nach dem Spiel sind wir unter gewaltigem Druck."

Heynckes kündigt "knallharte Analyse" an

Auf der Suche nach den Ursachen für die enttäuschenden Leistungen nach der Winterpause fischen die Verantwortlichen allerdings im Trüben. Zwar kündigte Heynckes bereits kurz nach Spielschluss an, vor allem die schwache erste Hälfte "knallhart" zu analysieren, doch für die offenkundigen Symptome (Nerlinger: "Alle grundlegenden Elemente haben gefehlt - Leidenschaft, Einstellung, Aggressivität, Laufbereitschaft") gibt es noch keine eindeutige Diagnose.

Die Tatsache, dass die Heynckes-Truppe erneut wochenlang auf den verletzten Bastian Schweinsteiger verzichten muss, trägt sicher zum Negativtrend bei - kann aber kaum als alleiniger Grund für den Leistungseinbruch herangezogen werden. Immerhin stand der "Bayern-Motor" bei den zwei Auswärtsspielen in Gladbach (1:3) und Hamburg (1:1) noch auf dem Platz. Viel mehr kommt zu Tage, dass die Mannschaft zu wenige Lösungsansätze parat hat, wenn der Gegner sich auf die Stärken der Münchner eingestellt hat.

Das dominante Spiel der Heynckes-Elf ist vornehmlich auf Ballbesitz angelegt, während Überraschungsmomente größtenteils fehlen. Sind die Außenstürmer (Franck Ribery, Arjen Robben und Thomas Müller) erst einmal ausgeschaltet, tun sich die Bayern schwer, die Deckung des Gegners aufzureißen und zu Torchancen zu kommen. Erschwerend kommt hinzu, dass es scheinbar auch an der Einstellung mangelt: "Man muss mit hundert Prozent auf dem Platz stehen. Und das war gegen Freiburg in der ersten Halbzeit sicherlich nicht der Fall", monierte etwa Philipp Lahm.

Wo ist die Leichtigkeit geblieben?

Die nackten Zahlen belegen die Worte des Bayern-Kapitäns eindrucksvoll, denn zuletzt verschliefen die Bayern regelmäßig die ersten 45 Minuten eines Spiels: In den vergangenen zehn Partien gelangen nur vier Tore vor der Pause, in den ersten zwölf Saisonspielen schoss der FCB noch 18 Treffer in Halbzeit eins. In fünf der letzten zehn Spiele gerieten die Bayern in Rückstand, das war bis Mitte November nur in zwei der zwölf Begegnungen passiert.

Auch vorne hapert es immer öfter: In den ersten zwölf Spielen erzielten die Münchner satte 32 Tore und kassierte nur vier Gegentore. In den vergangenen zehn Partien gelangen dagegen nur 17 Tore - bei zehn Gegentreffern. Auch im Herausspielen von Großchancen tun sich die Bayern mittlerweile schwer: Was in den ersten beiden Dritteln der Hinrunde scheinbar mühelos klappte, ist mittlerweile längst nicht mehr ein Selbstgänger. In den ersten zwölf Spielen hatte der FCB 39 Großchancen (im Schnitt über drei pro Spiel), danach waren es nur noch 18 Großchancen in zehn Spielen.

Und auch die Trefferquote wurde schlechter: Zu Saisonbeginn durften die Bayern im Schnitt nach jedem sechsten Torschuss jubeln, zuletzt dann nur noch nach jedem neunten. Die spannende Frage vor dem Spitzenspiel gegen den FC Schalke 04 am kommenden Sonntag lautet, ob die Münchner den Trend erneut umkehren können? Knapp zehn Grad sind dann in der bayerischen Landeshauptstadt angesagt - eigentlich ein guter Zeitpunkt, um mit einem Ausrufezeichen den Winter und die trübe Stimmung aus den Klamotten zu schütteln.

Johannes Fischer