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München - Wie verzwickt die Lage von Robert Lewandowski ist, das wurde gleich zum Saisonauftakt deutlich. Jede Menge Vorschusslorbeeren, dazu eine stattliche Ablösesumme - die Hypothek war riesig, als der junge Pole zum ersten Mal in einem Bundesligaspiel das schwarz-gelbe Leibchen überstreifte.

65 Minuten waren gespielt, als Jürgen Klopp seinen neuen Offensivstar beim Stand von 0:2 gegen Leverkusen einwechselte. Allerdings nicht als Stürmer sondern als offensiven Mittelfeldspieler im 4-2-3-1. Der Pole blieb blass, fand keine Bindung zum Spiel, mit hängenden Köpfen und der ersten Saisonpleite in den Knochen schlichen Lewandowski und seine Mitspieler 25 Minuten später vom Rasen.

Klopp: "Ändern nicht wegen eines Akteurs unser System"

Als ein eigens angereister polnischer Journalist anschließend forsch fragte, warum der gelernte Stürmer denn auf einer Position eingesetzt wird, die ihm nicht liege, reagierte Klopp schroff: "Weil wir nicht wegen eines Akteurs unser System ändern", so die Erklärung des Übungsleiters.

Klopp hielt an seiner Taktik fest und behielt Recht, kein Spiel mehr verlor der BVB danach. Keine Partie von Beginn an bestritt weiterhin Lewandowski.

Der Pole war in der Systemfalle gefangen - und steckt dort bis heute fest. Die Planstelle im BVB-Sturm besetzt mit Lucas Barrios einer der treffsichersten Stürmer der Liga, im offensiven Mittelfeld wirbelt Shootingstar Shinji Kagawa und auf den Außenbahnen sind Kevin Großkreutz und Mario Götze gesetzt. Für den Polen bleibt die Rolle des Einwechselspielers. Vier Tore hat er bislang als "Joker" erzielt. Dabei war das polnische Ausnahmetalent mit ganz anderen Ansprüchen nach Dortmund gekommen - war er doch im vergangenen Jahr noch einer der prägenden Spieler der polnischen Liga.

"So wichtig wie Wayne Rooney für Manchester United"

Mit 18 Toren wurde er im Trikot von Lech Posen Torschützenkönig der Ekstraklasa. Lewandowski sei "so wichtig wie Wayne Rooney für Manchester United", sagte der damalige Posen-Coach, Jacek Zielinski.

Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc hatte bereits in den Jahren zuvor ein Auge auf den flexibel einsetzbaren Stürmer geworfen, als er in der dritten polnischen Liga und ein Jahr später in der zweiten Spielklasse Torschützenkönig wurde. "Er hat sich in den letzten beiden Jahren sehr positiv entwickelt, ist viel robuster geworden und hat ausgezeichnete technische Fähigkeiten", sagte Zorc.

Vereine aus England, Italien, Spanien und Frankreich jagten den polnischen Nationalspieler deshalb im Sommer, zumindest laut Lewandowskis Berater Cezary Kucharski. Nach zähen Verhandlungen klappte es schließlich mit dem BVB.

"Natürlich will ich länger Spielen"

Dort bleibt dem flinken Angreifer bislang nichts anderes übrig, als die Füße still zu halten, sich in Geduld zu üben und seine Chance bei Kurzeinsätzen zu nutzen.

Ein Lautsprecher sei er ohnehin nicht, Skandalgeschichten brauche man nicht erwarten, das hatte Lewandowski bereits im Sommer klargestellt. "Wir sind nicht die Beckhams Polens", sagte Lewandowski, als er frisch in Dortmund angekommen vom Boulevard auf seine bildhübsche Freundin Anna Stachurska, eine bekannte Karate-Kämpferin, angesprochen wurde.

Für Schlagzeilen will er nur auf dem Sportplatz sorgen. Wie beim packenden Duell gegen den SC Freiburg am 13. Spieltag, als er nach seiner Einwechslung das Spiel zu Gunsten der Dortmunder drehte. "Natürlich will ich länger spielen, doch ich bin zufrieden, wenn ich der Mannschaft helfen kann", sagte er nach der Partie auf polnisch, sein Landsmann Lukasz Piszczek übersetzte für ihn.

"Torgefahr büßt er dabei auch keine ein"

Lewandowski ist es offenbar einerlei, auf welcher Position er eingesetzt wird, Hauptsache er spielt. Er habe bei Posen "mal zentral hinter der Spitze, aber auch mal Linksaußen gespielt", sagte der Stürmer bereits im Sommer.

Zwar sieht ihn auch Klopp im offensiven Mittelfeld nicht auf seiner Traumposition, doch er könne auch dort spielen, "weil er am Ball sehr gut ist und sich auch wohlfühlt, wenn er auf die Abwehr zugehen kann. Torgefahr büßt er dabei auch keine ein", so der 43 Jahre alte Coach.

Dem polnischen Medienvertreter auf der Pressekonferenz nach dem ersten Saisonspiel gab Klopp übrigens noch eine Botschaft mit auf den Heimweg: "Ihr in Polen wisst gar nicht", sagte der Trainer, "wie gut der Junge sein kann."

Andreas Messmer