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Vor überdimensionalen Weißbiergläsern musste sich Louis van Gaal am Samstag noch nicht in Acht nehmen, seiner ersten Getränkedusche als Trainer des FC Bayern München konnte der Niederländer trotzdem nicht entgehen.

Auf dem Rasen der Allianz Arena beließen es seine Spieler nach dem vorentscheidenden 3:1 (2:0)-Erfolg gegen den VfL Bochum bei verhaltenen Feierlichkeiten der nur noch rechnerisch nicht feststehenden Meisterschaft, und van Gaal konnte sie entspannt vom Spielfeldrand aus mit den Händen in den Hosentaschen beobachten. In den Katakomben ging es dann aber anders zu, statt Weißbier wurde kurzerhand Champagner zur "Erfolgstaufe" des Coaches eingesetzt.

"Jetzt wollen wir noch mehr gewinnen"

"In der Kabine haben der Trainerstab und der Vorstand eine ordentliche Dusche abbekommen", berichtete Holger Badstuber. Lediglich die Erzählungen, wer sich gewagt habe, van Gaal mit Schampus zu bespritzen, variierten. Bastian Schweinsteiger und Mark van Bommel kamen auf etwa gleich viele Nennungen, vielleicht waren sie es ja auch gemeinsam.

Dem begossenen van Gaal konnten sie nicht die Laune verderben, ganz im Gegenteil. Geradezu hymnisch feierte der bestens aufgelegte Fußballlehrer, erster niederländischer Meistertrainer der Bundesligageschichte, seine Mannschaft. "Die ersten 20, 25 Minuten heute waren hervorragend. Das war der beste Fußball, den wir in der Allianz Arena in dieser Saison gezeigt haben", analysierte er die 90 Minuten gegen den VfL und erfreute sich an seiner ganz eigenen Erfolgsgeschichte im ersten Jahr in der Bundesliga: "Es gibt nicht viele Trainer in Europa, die das Glück haben, in drei Ländern Meister zu werden. Darauf bin ich sehr stolz."

Seine Bayern stehen einen Spieltag vor Schluss praktisch als Meister fest, sie begeisterten spätestens seit dem 4:1-Erfolg in der Champions-League-Vorrunde bei Juventus Turin fast durchgängig mit attraktivem und dominantem Offensivfußball und haben nun die Chance, das historische Titel-"Triple" zu schaffen. "Jetzt wollen wir noch mehr gewinnen", betonte auch der Architekt des Erfolges und blickt schon auf die anstehenden Finals im DFB-Pokal (am 15. Mai gegen Werder Bremen) und Champions League (22. Mai, Inter Mailand) voraus.

Mit Reservisten gegen die Hertha?

Der Vorstand des Rekordmeisters würde natürlich zu gerne noch häufiger in diesem Jahr einen nassen van Gaal sehen, nimmt angesichts der bevorstehenden 22. Meisterschaft, der 21. seit Bestehen der Bundesliga, aber auch Druck raus. "Das war der wichtigste Titel, der ehrlichste. Über 34 Spieltage gibt es kein Glück oder Pech, am Ende ist die beste Mannschaft Deutscher Meister", freute sich Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und erklärte: "Was jetzt kommt ist Zugabe. Wir haben eine gute Situation, um Historisches zu schaffen."

Das wissen auch die Spieler, die nach dem Stress der letzten Wochen in den kommenden Tagen etwas mehr Ruhe haben werden. Nach dem Auslaufen am Sonntag ist bis Mittwoch trainingsfrei, dann beginnt die Vorbereitung auf das "Schaulaufen" am letzten Spieltag beim bereits feststehenden Absteiger Hertha BSC. Louis van Gaal überlegt sogar, gegen die Hertha einige Ersatzspieler einzusetzen, denn: "Das Pokal-Endspiel ist wichtiger als das letzte Bundesligaspiel in Berlin."

Badstuber: "Wir können unsterblich werden"

Ob seinen Stammspielern die Schonung recht wäre, ist aber gar nicht gewiss, denn die haben nun großen Hunger auf noch mehr. "Auch wenn Hertha schon abgestiegen ist, wird das noch mal ein schönes Spiel und wir können dort befreit aufspielen im Hinblick auf die nächsten Aufgaben", sagte Holger Badstuber: "Wir können noch so vieles erreichen und unsterblich werden."

Auch Bastian Schweinsteiger, mit 107 Ballkontakten und einer unglaublichen Passquote von 98 Prozent gegen Bochum einmal mehr Schaltzentrale des bayerischen Angriffswirbels, will mehr. "Wir haben in den nächsten drei Wochen die Riesenchance, die Saison zu vergolden", betonte er. Boss Rummenigge hat Vertrauen in die Truppe und glaubt: "Wir gehen nicht chancenlos in die zwei Finals."

Jeder Titel wird gefeiert

Sollten die Münchner tatsächlich erstmals in der deutschen Fußballgeschichte das Triple einfahren, steht München ein bislang nicht da gewesener Feier-Marathon bevor. Denn von einer Rationalisierung der Partys auf dem Rathausbalkon am Marienplatz will Louis van Gaal nichts wissen. "Ich habe zum Vorstand gesagt, dass wir alle Titel feiern werden", berichtet er und meint damit: jeden einzeln.

Dass er in diesem Idealfall noch vielfache Bekanntschaft mit den enorm großen Weißbiergläsern machen wird, ist dem Niederländer einerlei, denn eines will er der Bundesliga noch beweisen: "Ich bin ein Feier-Biest."

Aus der Allianz Arena berichtet Matthias Becker


Matchwinner Thomas Müller im bundesliga.de-Interview