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München - In Zeiten, in denen die Draxlers und Götzes dieser Welt die Bundesliga aufmischen, klingt die Geschichte von Klaus Fichtel fast undenkbar. Mit 43 Jahren und sechs Monaten stand "Tanne" Fichtel zum letzten Mal in der Bundesliga auf dem Rasen. Damit ist er der älteste aktive Spieler gewesen, den es in der Bundesliga je gegeben hat.

Insgesamt 594 Spiele bestritt Fichtel für den FC Schalke 04 und Werder Bremen. Der 67 Jahre alte Schalker Rekordspieler spricht im bundesliga.de-Interview über den Jugendtrend in der Bundesliga, den Höhenflug der Schalker und seine Prognose für die Rückrunde.

bundesliga.de: Herr Fichtel, in der Hinrunde lag der Altersschnitt keines Clubs bei über 28 Jahren. Sie selbst standen mit 43 Jahren noch auf dem Platz. Ist der heutige Jugendtrend der richtige Weg?

Fichtel: Das hängt davon ab, ob eine Mannschaft schnellen Erfolg will oder nicht. Das Problem ist, dass man jungen Spielern Zeit geben muss, wenn man sie verpflichtet. Für einen Verein, der schnellen Erfolg will, ist das mit jungen Spielern schwierig. Gut, Dortmund war in der vergangenen Saison die Ausnahme, aber dennoch sollte man mit jungen Leuten genügend Zeit einplanen.

bundesliga.de: Aber der BVB ist nun ja auch wieder in der Bundesliga oben mit dabei, spricht das nicht für den Jugendtrend?

Fichtel: Nein, denn wenn man sieht, dass Dortmund letztes Jahr in der Europa League frühzeitig ausgeschieden ist und diese Saison in der Champions League nicht mehr dabei ist, dann merkt man, dass dieser Mittwoch-Samstag-Rhythmus für die jungen Spieler schwierig ist. Zudem hat Dortmund einige Nationalspieler, deshalb kommt dann irgendwann die Reaktion. Anders ist das bei Bayern München. Die Bayern sind es gewöhnt, jedes Jahr mit dieser Belastung zu spielen. Anderen Mannschaften fällt das schwerer.

bundesliga.de: Die Bayern stehen auch in dieser Saison wieder ganz oben. Sind die Münchner überhaupt noch aufzuhalten?

Fichtel: Der FC Bayern kann sich im Grunde nur selbst schlagen, wenn die Spieler untereinander kein gutes Verhältnis mehr haben. Sie sind optimal besetzt und können jeden Ausfall kompensieren - das können die anderen Vereine nicht.

bundesliga.de: Ihr Ex-Club Schalke mischt ebenfalls ganz oben mit. Hätten Sie das erwartet?

Fichtel: Nein, das habe ich nicht. Wenn man die letzte Saison gesehen hat und dann noch sieht, wie sich die anderen Mannschaften im Sommer verstärkt haben, dann war das nicht zu erwarten.

bundesliga.de: Ist Schalke schon gefestigt genug, um ins Meisterschaftsrennen eingreifen zu können?

Fichtel: Nein, das denke ich nicht. Was die Schalker bis jetzt gemacht haben, war sehr überraschend. Es waren aber auch immer sehr viele Schwankungen dabei. Das darf man nicht vergessen.

bundesliga.de: Was kann Schalke noch erreichen in dieser Saison?

Fichtel: Wichtig wird sein, dass durch die Verhandlungen mit Raul und Farfan keine Unruhe in den Verein kommt. Wenn sie sich in der Winterpause gezielt verstärken, habe ich die Hoffnung, dass Schalke weiter oben mitspielen wird. Aber an die Meisterschaft glaube ich in keinem Fall.

bundesliga.de: Das wäre auch sehr optimistisch nach so einem turbulenten Jahr mit drei Trainern. Immerhin muss Huub Stevens mit einem Kader klarkommen, den seine Vorgänger zusammengestellt haben...

Fichtel: Das läuft überraschenderweise ganz ordentlich. Es gibt noch Mängel, vor allem in der Defensive, aber ich glaube dass Huub Stevens die abstellen wird. In der Offensive geht es eigentlich, da bin ich zufrieden.

bundesliga.de: In der Offensive stach besonders Jan-Klaas Huntelaar heraus. Ist er im Moment der beste Stürmer der Bundesliga?

Fichtel: Als besten Stürmer sehe ich ihn nicht. Wenn man aber in die Vergangenheit von Schalke zurückschaut, stellt man fest, dass die Schalker Mannschaften, die erfolgreich waren, nie die meisten Tore geschossen haben. Wenn ich nun die aktuelle Tabelle angucke und sehe, dass Schalke nach den Bayern die meisten Tore erzielt hat, dann bin ich schon zufrieden.

bundesliga.de: Mit was für einer Rückrunde rechnen Sie?

Fichtel: Ich denke, dass die Mannschaften, die jetzt oben stehen, auch dort bleiben werden. Die Gladbacher werden wohl in der Spitzengruppe bleiben, denn die arbeiten sehr vernünftig mit ihrem Trainer. Natürlich hoffe ich, dass Schalke auch dranbleiben wird, wenn die eine oder andere Verstärkung dazukommt.

Das Gespräch führte Daniel Knoke