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Dortmund - So offensiv der BVB auf dem Platz agiert, so defensiv gibt sich die Mannschaft seit Wochen in Sachen Meisterschaft. Kevin Großkreutz, der am Wochenende seinen Vertrag bei Borussia Dortmund vorzeitig bis 2014 verlängerte, traute sich nach der 4:1-Gala über Borussia Mönchengladbach immerhin ein Stückweit aus der Deckung. "Jetzt wollen wir auch Herbstmeister werden!"

Angesichts eines Vorsprungs von sieben Zählern bei noch drei ausstehenden Spielen ist diese Zielsetzung nicht sonderlich kess und alles andere als gewagt. Noch ein Sieg, und die Fans können die Tabelle in den Weihnachtsbaum hängen. Seit Einführung der Drei-Punkte-Regel hatte keine Mannschaft nach 14 Spielen ein derart großes Polster auf die Verfolger.

Erneut ein Spiel gedreht

Aber es gibt noch weit gewichtigere Gründe als das bloße Punktekonto und die wöchentliche Jagd nach neuen Ligarekorden, warum diese Dortmunder Mannschaft sich Ende des Jahres mit dem Titel des Herbstmeisters schmücken wird. Zum zweiten Mal in Folge gelang es den Unbezwingbaren gegen Gladbach, einen Rückstand in einen Sieg zu verwandeln. "Wir haben jederzeit das Zeug, ein Spiel zu drehen. Das spricht für den Charakter der Mannschaft", lobt Torwart Roman Weidenfeller.

Es ist zweifellos eine der Stärken dieser Elf, dass sie sich auch durch einen Rückstand nicht aus der Ruhe bringen lässt. Souveränität ersetzt auch in einer solchen Situation jeden Anflug von Hektik - und das trotz des jungen Durchschnittsalters. "Die Mannschaft hat das gewachsene Selbstbewusstsein, Spiele drehen zu können. Sie spielt immer weiter im Bewusstsein dessen, was sie leisten kann", ist Sportdirektor Michael Zorc überzeugt.

Selbstkritische Töne aus Dortmund

Das allerdings artet nicht in Überheblichkeit aus - im Gegenteil. Zum Charakter der Spieler gehört ein gehöriges Maß an Bodenständigkeit und damit auch die Bereitschaft zu Selbstkritik. So wie gegen Gladbach, als alle Bemühungen zunächst 45 Minuten lang wenig Produktives erbrachten. "Da sind wir ein bisschen in Schönheit gestorben und waren nicht zielstrebig genug", räumte Mats Hummels ein.

Zugleich sind die Spieler lernfähig und in der Lage, Korrekturen umzusetzen. In der Pause habe man angesprochen, "dass wir gegen einen so tief stehenden Gegner auch einfach mal schießen müssen und nicht nur versuchen, den Pass in den Sechzehner zu spielen", gab Marcel Schmelzer nach dem Spiel einen Einblick in den Strategiewechsel, der den Weg zum Erfolg ebnete.

Wieder ein "Joker-Tor"

Am Ende war es dann wieder eine Gala, ein Offensivfeuerwerk mit 22 Torschüssen - und mit spielerischen Höhepunkten für Fußballästheten. Der Pass des 18-jährigen Mario Götze vor dem 2:1 auf Shinji Kagawa verdiente ebenso das Prädikat "Extraklasse" wie später das Zuspiel von Lucas Barrios mit der Hacke, das Kevin Großkreutz zum 3:1 verwertete.

Dass damit wieder ein Spieler von der Ersatzbank nach seiner Einwechslung erfolgreich war, passt in diesen Wochen ins Erfolgsmosaik beim BVB.

Den Ball flach halten

Dass die schwarz-gelbe Fußball-Feinkost samt entsprechender Ergebnisse regelmäßig von lautstarken Meistergesängen begleitet wird, zählt inzwischen zum Standardrepertoire in Dortmund. "Deutscher Meister wird nur der BVB", schallte es auch nach dem Gladbach-Spiel durch den Signal-Iduna-Park. Doch trotz des 12. Sieges im 14. Spiel, trotz der Saisontreffer Nummer 32 bis 35, trotz des letztlich klaren Erfolges bleiben Vorstand, Trainer und Mannschaft ihrer Linie treu.

"Wir müssen uns jetzt nicht selbst unter Druck setzen. Wir müssen nur unsere Top-Leistung bringen Woche für Woche", wiegelt Neven Subotic ab. Genauso sieht es auch Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: "Natürlich sind wir ambitioniert, aber wir lassen uns nicht locken. Wir wollen der Mannschaft keinen zentnerschweren Rucksack aufschnüren, sondern uns immer nur auf eines konzentrieren - das nächste Spiel zu gewinnen!"

Herbstmeister allerdings, das wollen sie jetzt schon werden. Das sagt so nicht nur Kevin Großkreutz, das sagt auch Mats Hummels. Und liefert - analog zu Watzke - die Begründung gleich mit: "Wenn wir es nicht werden, hieße das, dass wir alle drei Spiel bis zur Winterpause verlieren. Und das ist definitiv nicht das, was wir wollen."

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte