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München - Wenn die derzeit geschundene Werder-Seele etwas Linderung braucht, schweifen die Gedanken 100 Kilometer Luftlinie Richtung Nordosten. Beim Rivalen Hamburger SV ist die Lage noch prekärer als in Bremen, was einerseits die eigene Situation zwar nicht verbessert, andererseits aber vom eigenen Leid ablenkt. 

Dabei sind die nüchternen Fakten an der Weser schlimm genug: Mit 20 Punkten nach 20 Spieltagen steht der Traditionsclub so schlecht da wie seit 39 Jahren nicht. Von den letzten neun Bundesliga-Spielen hat Werder nur eines gewonnen (1:0 gegen Leverkusen), aus den drei Rückrundenpartien gab es sogar nur einen Punkt für Werder (alle Saison-Ergebnisse). Macht in Summe: Abstiegskampf.

Fehlende Balance

Entscheidend für das Bremer Malheur ist noch immer das fehlende Gleichgewicht in den Mannschaftstteilen. Als Robin Dutt im Sommer die Mannschaft als Cheftrainer übernahm, war sein erstes Anliegen, die Flut an Gegentreffern zu drosseln. Das gelang zwar zunächst, allerdings auf Kosten einer schlagkräftigen Sturmreihe. Versuche, an diversen Stellschrauben innerhalb des Mannschaftsgefüges zu drehen, verpufften - oder verschlimmerten sogar die Situation

"Wir müssen endlich die Balance zwischen Offensive und Defensive finden. Wenn wir das nicht schleunigst hinbekommen, dann kann es sehr eng werden", monierte Werders Sportdirektor Thomas Eichin am Sonntag bei "Sport1". Nach der 1:5-Heimpleite gegen den BVB, die die Bremer Verantwortlichen erstaunlich gelassen nahmen, richte sich der Fokus vielmehr auf die Spiele gegen "Teams auf Augenhöhe". Die müsse man schlagen, so Eichin.

Doch was macht Hoffnung, dass genau dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt werden kann? Da ist zum einen Ludovic Obraniak, der bei seinem Debüt am Samstag an fünf der elf Bremer Torschüsse beteiligt war und die meisten Zweikämpfe bei Werder (45) bestritt. "Ich habe ein paar spielerische Akzente gesehen, die ich vorher vermisst habe. Das hat auch mit Obraniak zu tun“, lobte Dutt trotz der Klatsche gegen Dortmund. 

"Unsere Probleme sind überall"

Der 28-Jährige Neuzugang selbst legte allerdings gleich den Finger in die Werder-Wunde: "Unsere Probleme sind überall. Im Angriff und in der Verteidigung. In allen Belangen.“ Ein Blick auf die bisherige Saisonstatistik gibt dem polnischen Nationalspieler recht. Offensivgeist, jahrelang das Markenzeichen unter Trainer Thomas Schaaf, ist selten zu sehen. Einzig der SC Freiburg gab weniger Torschüsse ab (196) als die Norddeutschen (221), zudem ist die Trefferquote mit durchschnittlich 10,5 Schüssen pro Tor die drittschlechteste der Bundesliga. Nur sechs Stürmer-Tore sprechen Bände.

Nicht viel besser sieht es in der Defensive aus. Einzig der HSV kassierte mehr Tore (47) als die Bremer, die dem Gegner sogar die meisten Torabschlüsse der gesamten Liga (348) gestatteten. Probleme hat Werder vor allem mit den gegnerischen Mittelfeldspielern, die bereits 23 Mal den Bremer Schlussmann überwanden. Das fehlende Gleichgewicht ist auch hier deutlich: 190 Mal kam ein Mittelfeldmann des Gegners zum Abschluss, bei Werder gab es dagegen aus dem gleichen Bereich nur 115 Schussversuche. 

Hoffnungsträger gehen voran

"Die Situation darf nicht unterschätzt werden, denn wir sind in akuter Gefahr, ganz nach unten zu rutschen", sagte Werders Aufsichtsrat Marco Bode der "Kreiszeitung Syke": "Aber das darf nicht dazu führen zu verkrampfen. Man muss Fehler zulassen, denn Fehler gehören zum Fußball dazu. Angst ist jetzt tödlich."

Ein Ausweg aus der Verkrampfung deutete sich beim Spiel gegen den BVB an: Martin Kobylanski und Levent Aycicek, zwei 19-jährige Offensivkräfte, die in der zweiten Hälfte eingewechselt wurden, belebten Werders lahmes Angriffsspiel. Aycicek erzielte mit seinem ersten Torschuss in der Bundesliga sogar das Bremer Ehrentor (XL-Galerie). Vielleicht hat Dutt ja mit den beiden unbeschwerten Hoffnungsträger die richtigen Zeichen gesetzt. Die Werder-Fans würde es jedenfalls nicht stören, wenn sie nicht mehr Richtung Nordosten blicken müssten, nur um sich vom eigenen Leid abzulenken.

Johannes Fischer