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München - Die "Mutter aller Niederlagen" wird das Champions-League-Finale von 1999 oft genannt. Die Bayern führen bis in die Nachspielzeit, sind ihrem Traum vom Titel so nah wie nur irgend möglich - und müssen drei Minuten und zwei Gegentore später doch Manchester United beim Jubeln zusehen. bundesliga.de präsentiert anlässlich der Neuauflage des Duells im aktuellen Achtelfinale der Königsklasse (Di., ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) Hintergrundinfos, Anekdoten und Kuriositäten zu einem der denkwürdigsten Spiele der jüngeren Fußballgeschichte.

Zahlen und Fakten

Das Finale findet im Camp Nou in Barcelona vor einer Rekordkulisse von 90.000 Zuschauern statt. Pro Club gibt es 30.400 Karten, das Spiel wird in 200 Länder übertragen. Die Bayern-Profis würden bei einem Sieg eine Prämie von 150.000 DM kassieren, die von United eine von 460.000 DM. Die Trikotwahl gewinnt Manchester durch einen Münzwurf, Bayern muss in grau spielen. United-Legende Matt Busby wäre an diesem Tag 90 Jahre alt geworden, auch für ihn spielt das englische Team. Beide Mannschaften sind frisch gebackene Meister, die Bayern schon 18 Tage lang. Die Feier hatte vor 35.000 Fans auf dem Münchner Marienplatz stattgefunden.

Die 90. Minute

Der Schiedsrichter-Assitent zeigt drei Minuten Nachspielzeit an. Ein Rückpass von Abwehrspieler Markus Babbel bringt seinen Defensiv-Kollegen Thomas Linke dazu, den Ball ins Seitenaus zu klären. Dann verursacht Bayerns Kapitän Stefan Effenberg einen Eckball, als er eine Manchester-Flanke ins Toraus grätscht. United-Keeper Peter Schmeichel stürmt nach vorne, bevor David Beckham den Standard von links bringt. Die Bayern bekommen den Ball nicht weg, nach Thorsten Finks Querschläger schießt Ryan Giggs aus dem Rückraum aufs Tor. Der Flachschuss landet links im Fünfmeterraum beim eingewechselten Teddy Sheringham, der den Ball flach in die linke Ecke jagt. FCB-Torwart Oliver Kahn hebt protestierend den Arm, aber vergeblich. Sheringham hatte schon das englische Pokalfinale gegen Newcastle für Manchester entschieden.

Die 92. Minute

Bayerns Verteidiger Samuel Kuffour verursacht die nächste Ecke gegen Manchesters anderen Joker Ole-Gunnar Solskjaer. Sheringham erwischt Beckhams Hereingabe am ersten Pfosten per Kopf, am zweiten Pfosten steht Solskjaer und haut den Ball volley aus drei Metern unter die Latte. Diesmal protestiert niemand, die Bayern stehen nur fasslungslos da oder werfen sich im Fünfmeterraum zu Boden. Schiedsrichter Pierluigi Collina ruft ihnen auf Englisch zu: "Steht auf, wenn ihr Männer seid!" Schmeichel, der diesmal hinten bleibt, macht einen Flic-Flac. Nach 93 Minuten und 34 Sekunden pfeift Collina ab.

 

Die falsche Einzelkritik

Die Münchner "Abendzeitung" hatte ihre Einzelkritik schon durchgegeben und in der Euphorie allen Spielern eine 1 gegeben. Als die Gegentore fielen, änderte der Reporter noch schnell die Noten. Die Einzelkritik blieb aber unverändert, es war keine Zeit mehr bis zum Redaktionsschluss. So passten die Noten nicht mehr zu den Jubel-Texten.

 

Die Frust-Party

Bayern feiert mit 1.000 geladenen Gästen, einige Spieler tanzen auf den Tischen. Andere sitzen nur im Nebenraum oder gehen auf ihr Zimmer wie Torwart Kahn. Mario Basler tanzt mit Martina Rummenigge. Mehmet Scholl lässt sich in der Nacht von den Journalisten Autogramme auf sein weißes T-Shirt schreiben. Lothar Matthäus verabredet morgens um halb sechs mit Vereinskoch Alfons Schuhbeck, er werde bei ihm einen Koch-Kurs belegen.

 

Eine unvergessliche Aufzugsfahrt

UEFA-Präsident Lennart Johanson steigt um 22:30 Uhr mit FCB-Präsident Franz Beckenbauer (l.) und Edel-Fan Boris Becker (r.) zwei Minuten vor Schluss in den Aufzug, der sie zur Siegerehrung in den Innenraum bringen soll. Sie verpassen beide Tore. Als sie unten ankommen, hat Manchester 2:1 gewonnen. Becker erzählt das Jahre später noch immer fassungslos: "Als wir in den Aufzug stiegen, stand es 1:0 für Bayern. In der Aufzugkabine hörten wir Jubel. Wir dachten: Okay, der Abpfiff. Als wir kurze Zeit später durch die Katakomben in Richtung Rasen gingen, sahen wir die United-Spieler jubeln, die Bayern lagen am Boden. 'Mist, doch der Ausgleich', dachte ich noch. Kurz darauf blinkt es an der Anzeigetafel: 1:2! Wir haben uns angeguckt und konnten es nicht glauben."

 

Reif und Jauch gefrustet

Das Drama ging auch an den Journalisten nicht spurlos vorüber. Ein Spruch des schockierten RTL-Kommentators Marcel Reif (r.) bleibt in Erinnerung: "Wissen Sie was? Ich habe gar keine Lust, das hier zu analysieren." Moderator Günter Jauch hat den Anzug, den er im Studio trug, bis heute nicht weggeworfen - aber auch nicht mehr angezogen.

 

Effenbergs Schwur

Effenberg übergibt sich bei der Dopingprobe nach zwei Stunden Kaffee- und Wassertrinken. Auf dem Rückweg sieht er Beckham mit dem Pokal laufen und schwört sich: das Ding hole ich mir. Effenberg: "Das Bild werde ich mein Leben lang nicht vergessen". Später versteigert er sein Trikot zu Gunsten von Kosovo-Flüchtlingen.

 

Baslers Leiden

Der ausgewechselte Mario Basler, Torschütze zum 1:0, hat in der Nachspielzeit schon die Sieger-Kappe auf: Auf ihr prangt in großen Lettern: "Champions League-Sieger 1999 - FC Bayern München". Neben Basler steht der Champagnerkübel, den der Zeugwart der Bayern schon zur Bank getragen hat. Fassungslos muss Basler dann die dramatische Wende von außen mit ansehen. Nach dem Abpfiff flüchtet er direkt in Kabine - eine Medaille bekommt er nicht.

 

Zitate

Sir Alex Ferguson (Trainer Manchester, zu FCB-Coach Ottmar Hitzfeld): "Sorry!"

Franz Beckenbauer (Bayern-Präsident, auf dem Bankett): "Wir haben keinen Kampf verloren, keine Schlacht. Wir haben auch nicht das Leben verloren, wir haben ein Spiel verloren. Ich betone: es ist ein Spiel, es war ein Spiel und es wird immer ein Spiel bleiben."

Michael Henke (Co-Trainer, in der "Welt"): "In der Kabine herrschte tiefste Enttäuschung, wie man es nur nach einem persönlichen Drama erlebt. Sicher, es gibt Krieg, Krankheiten, Tod - aber in dem Moment war es für uns das Schlimmste, was passieren konnte. Als es passiert war, waren wir sprachlos. Wir haben uns nie super-sicher gefühlt, weil es bei den Standards von ManU immer gebrannt hat. Uns hat am meisten geschockt, dass wir nicht mal mehr in die Verlängerung gekommen sind. Hätten wir dann verloren, und sei es nach Elfmeterschießen, wäre es irgendwo noch eine normale Niederlage gewesen. Seitdem habe ich jedem, der uns mit dem Bayern-Dusel kam, immer entgegnet: Leute, ihr müsst mal Barcelona erlebt haben."

Thorsten Fink (Spieler FC Bayern): "Danach war man wie paralysiert. Ich habe nur noch so halb mitgekriegt, wie der Kapitän von Manchester United den Pokal nach oben gereckt hat und es ein riesen Blitzlichtgewitter gab."

Die Folgen

Eine Woche später verliert der FC Bayern auch das Pokalfinale gegen Bremen nach Elfmeterschießen, ausgerechnet die beiden Leader Effenberg und Matthäus verschießen. Die Stimmung ist endgültig im Keller. In der Sommerpause führt Hitzfeld viele Einzelgespräche. Der Trainer sorgt sicht, "dass alles wegkippen kann" und richtet eine aufrüttelnde Ansprache an alle Spieler. Bayern gewinnt 2000 das Double und holt 2001 doch noch die Champions League. Henke: "Es spricht für den Charakter dieser Mannschaft, dass sie aufgestanden ist und zwei Jahre später den Pokal gewonnen hat."

Zusammengestellt von Udo Muras

Fotos: © Imago