ANZEIGE

Hannover - Zusammen mit Mannschaften wie Mainz, Freiburg oder Nürnberg ist Hannover 96 bislang die positive Überraschung der laufenden Saison. Die Niedersachsen liegen nach dem 3:2-Sieg gegen den Hamburger SV sensationell auf Platz 4 der Tabelle. Im Gespräch mit bundesliga.de verrät Ex-Star Valerien Ismael, augenblicklich Assistent der Geschäftsführung bei 96, die Erfolgsgründe der Niedersachsen. Außerdem spricht er über den Spitzenreiter und die kriselnden Top-Teams aus München und Bremen.

bundesliga.de: Herr Ismael, Hannover 96 spielt bisher eine überraschend gute Saison. Wie beurteilen Sie die Leistung der Mannschaft bisher?

Valerien Ismael: Die Mannschaft hat in der Vorbereitung sehr gut gearbeitet. Wir haben ein System gefunden, dass gut zum Team passt. Außerdem sind unsere Spieler durchweg sehr laufstark, arbeiten viel und die Mannschaft ist sehr hungrig.

bundesliga.de: Nach dem knappen Klassenerhalt in der vergangenen Saison und dem Abgang der Leistungsträger war mit einem derart guten Abschneiden nicht zu rechnen. Sind es denn nur die Neuzugänge, die das Team so stark machen?

Ismael: Wir haben eine sehr gute Scouting-Abteilung und mit Jörg Schmadtke einen Sportdirektor, der das richtige Gespür hat. Das beweist der Erfolg, den beispielsweise Didier Ya Konan oder Mohammed Abdellaoue haben. Die jungen Spieler wie Moritz Stoppelkamp, Lars Stindl, Konstantin Rausch oder Manuel Schmiedebach sind nun in der Bundesliga angekommen und werden von den erfahrenen Profis, wie Steven Cherundolo, Christian Schulz, Emmanuel Pogatetz oder Sergio Pinto geführt. Die Mischung aus jungen Talenten und erfahrenen Spielern im Team stimmt einfach und das macht Hannover erfolgreich.

bundesliga.de: Wie groß ist der Anteil, den Jörg Schmadtke als Sportdirektor daran trägt?

Ismael: Wenn man so erfolgreich ist, liegt das an der Zusammenarbeit. Das fängt an beim Scouting. Der Spieler wird beobachtet, verpflichtet und dann quasi vom Sportdirektor an den Trainer übergeben, der den Spieler dann weiterentwickelt. Das ist der gängige Prozess in jedem Verein. Es geht darum, die richtigen Entscheidungen zu treffen und das gelingt Jörg Schmadtke hervorragend. Das gilt auch für den Trainer: Mirko Slomka und sein Team haben die Mannschaft gut vorbereitet und in eine besondere Form gebracht.

bundesliga.de: In Mainz und gegen den Hamburger SV hat Hannover zuletzt zwei wichtige Siege in Folge geholt, obwohl sie vorher in Hoffenheim und gegen Dortmund zwei Mal hintereinander mit 0:4 verloren hatte. Woher nimmt die Mannschaft die Stärke, solche Niederlagen zu verarbeiten?

Ismael: Diese Mannschaft hat Charakter. Das hat sie nach den deutlichen Niederlagen durch die beiden Siege gezeigt. Man sieht aber auch, dass die Mannschaft gerade im Begriff ist, zu lernen, was es bedeutet, oben mitzuspielen. Jedes Wochenende musst du deine Leistung bringen und wenn du dazu nicht in der Lage bist, gibt es Rückschläge. Aber diesen Lernprozess hat die Mannschaft jetzt angenommen. Das merkt man deutlich an ihrem Auftreten. Sie will immer mehr.

bundesliga.de: Wie weit ist dieser Lernprozess denn schon fortgeschritten?

Ismael: Wir sind noch am Anfang. Für uns geht es darum, diese guten Leistungen zu bestätigen. Es muss der nächste Schritt sein, dass wir am kommenden Wochenende im Spiel gegen Freiburg wieder so auftreten wie zuletzt. Jeder muss erneut an seine Grenzen gehen. Das ist entscheidend.

bundesliga.de: Mit Freiburg wartet noch ein Gegner aus den vorderen Tabellenregionen auf Hannover. Danach kommen mit den Spielen in Mönchengladbach, gegen Stuttgart und in Nürnberg drei Gegner aus der unteren Tabellenhälfte. Was rechnen Sie sich für diese Spiele aus?

Ismael: Ich glaube, dass es nach oben keine Grenze gibt. Die Mannschaft kann durch ihre bisherige Leistung ohne Druck aufspielen. Wenn man mit dem Gefühl in ein Heimspiel gehen kann, nur gewinnen zu können, ist das ein riesiger Vorteil. Dabei wird es auch interessant sein zu beobachten, wie die Mannschaft mit dieser Situation umgeht. Sie kann selbst bestimmen, wie es weitergehen wird.

bundesliga.de: Kann es denn sein, dass sich ein ganz anderer Druck entwickelt - nämlich ein Erfolgsdruck, die internationalen Plätze erreichen zu wollen?

Ismael: Nein, das entspricht gar nicht unseren Zielen. Da sind wir realistisch genug. Unser Ziel ist es, schnellstmöglich 40 Punkte zu sammeln und dann werden wir sehen, was noch möglich ist.

bundesliga.de: Was ist denn für Hannover 96 noch bis zur Winterpause möglich?

Ismael: Wenn wir aus den noch verbleibenden vier Spielen sechs Punkte holen würden, wäre das klasse. Aber wir haben bereits 22 Punkte und liegen damit im Soll, was das Saisonziel von 40 Punkten angeht.

bundesliga.de: Kurz noch ein Blick auf den Rest der Liga: Wie beurteilen Sie die Leistung von Borussia Dortmund?

Ismael: Das ist schon beeindruckend, was die momentan abliefern. Sie sind schnell, schalten gut um, laufen viel und arbeiten gut gegen den Ball. Außerdem setzen sie das 4-2-3-1-System sehr gut um. Das passt gut zur Mannschaft. Nach ihrer Siegesserie kommt natürlich auch das Selbstbewusstsein zu tragen. Wenn du so viele Spiele am Stück gewonnen hast, dann ist es einfacher, Rückstände zu drehen und Spiele zu gewinnen. So zum Beispiel gegen Hoffenheim, als sie den Ausgleich in der letzten Minute erzielt haben. Oder das Spiel in Freiburg, das sie nach frühem Rückstand noch gedreht haben. Das zeigt, dass Dortmund mental sehr stark ist.

bundesliga.de: Könnte man sagen: So spielt der Deutsche Meister?

Ismael: Der Sieben-Punkte-Vorsprung auf den 2. Platz ist schon ein komfortables Polster. Es wird aber darauf ankommen, wie die Mannschaft in der Rückrunde agiert. Jeder wird gegen sie besonders motiviert sein. Darauf muss sie sich einstellen. Stand heute kann Borussia Dortmund sich nur selbst schlagen.

bundesliga.de: Also hat Ihrer Meinung nach auch der FC Bayern keine Chance mehr?

Ismael: Platz 1 ist im Moment sehr, sehr weit weg. Ich denke, für die Bayern wird es darum gehen, in der Champions League so weit wie möglich zu kommen. Zu diesem Zeitpunkt sind 14 Punkte Rückstand in der Liga immens. Wenn es ihnen gelingen sollte, bis zur Winterpause zu verkürzen, dann wird es noch mal interessant. Sollte es jedoch dabei bleiben, wird es sehr schwierig werden.

bundesliga.de: Neben den Bayern steckt auch Bremen derzeit in der Krise. Wie sehen Sie die Situation bei Werder?

Ismael: Normalerweise kennt man Werder Bremen als spielfreudige Mannschaft, die lockeren und leichten Fußball spielt. Das ist derzeit nicht der Fall. Es hat den Anschein, als stimme es innerhalb der Mannschaft nicht, als gäbe es ein mentales Problem. Doch um das zu beurteilen, bin ich nicht nah genug am Team. An der Qualität des Kaders kann es jedenfalls nicht liegen.

bundesliga.de: In der vergangenen Saison steckte Werder ja schon einmal in der Krise, legte dann aber eine unglaubliche Siegesserie hin und schaffte die Champions-League-Qualifikation. Trauen sie dem Team so etwas noch einmal zu?

Ismael: Als Ex-Bremer würde ich mir natürlich wünschen, dass die Mannschaft sich wieder fängt und da unten raus kommt. Aber dafür braucht Bremen Siege. Nur Siege helfen in einer solchen Situation.

Das Gespräch führte Gregor Nentwig