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München - Borussia Dortmund zieht an der Tabellenspitze weiter seine Runden, doch dahinter formieren sich die Clubs zum Angriff.

Im Top-Spiel des 13. Spieltags zwischen Bayer Leverkusen und dem FC Bayern München geht es nicht nur ums Prestige, beide Mannschaften wollen klarstellen, wer von ihnen dem BVB in den kommenden Monaten am gefährlichsten werden kann.

bundesliga.de sprach vor dem Spiel mit Reiner Calmund, Fußballexperte und ehemaliger Geschäftsführer der "Werkself", über das Duell, den Vorsprung des BVB und die überraschende Tabellenkonstellation.

bundesliga.de: Herr Calmund, am Samstag kommt es zum Aufeinandertreffen zwischen Bayer und Bayern. Leverkusen hat in der Bundesliga drei Siege in Folge eingefahren, die Bayern haben die letzten acht Pflichtspiele nicht verloren. Wer geht denn nun als Favorit in die Partie?

Reiner Calmund: Sowohl Bayer als auch die Münchner haben mit ihren verletzten Spielern in dieser Saison schon das ein oder andere schlechte Spiel gezeigt. Dennoch sind Leverkusen und der FC Bayern hinter Borussia Dortmund schon die stärksten Verfolger. Und bei Bayer fehlt ja mit den Langzeitverletzten Sami Hyypiä, Michael Ballack und Stefan Kießling die komplette Mittelachse. Hinzu kommen Gonzalo Castro und aktuell Eren Derdiyok. Renato Augusto, der auch viele Monate fehlte, ist wieder dabei und hat gegen St. Pauli getroffen. Man sieht daran, wie wichtig diese Spieler für Bayer sind. Auch bei den Bayern fehlten oder fehlen weiter Spieler wie Arjen Robben, Franck Ribery, Miroslav Klose und Ivica Olic - das kann eigentlich kein Verein verkraften. Trotzdem sind beide Mannschaften international voll im Soll. Das Spiel am Samstag wird also ein absolutes Top-Spiel auf Augenhöhe. Einen Favoriten sehe ich nicht.

bundesliga.de: Mit sieben Siegen steht Bayer eigentlich ganz gut da. Was wäre möglich gewesen, wenn das Verletzungspech die "Werkself" nicht so heimgesucht hätte?

Calmund: Das ist zwar spekulativ, doch ich glaube sowohl Leverkusen als auch die Bayern, deren vielen WM-Fahrern zu Saisonbeginn die Frische gefehlt hat, hätten ein paar Punkte mehr eingefahren. Sie wären wohl ganz nah an Dortmund dran.

bundesliga.de: Beim FC Bayern hat ausgerechnet die Rumpftruppe mit Ottl, Pranjic und Tymoshchuk zuletzt die Punkte eingefahren. Hat Sie das überrascht?

Calmund: Das sind ja auch alles gute Spieler. Hinzu kommt ein Mario Gomez. Als die Bayern Gomez vor einem Jahr holten, war er der beste Stürmer der Bundesliga - und für mich fast perfekt. Als er dann nicht spielte, fehlten ihm Selbstvertrauen und Sicherheit - und so etwas brauchen die Spieler. Ich freue mich, dass Mario Gomez die Situation mit all den Ausfällen so eindrucksvoll und mit vielen Toren genutzt hat.

bundesliga.de: Trotzdem sind die Münchner derzeit nur auf Platz 6. Stattdessen stehen Mainz, Freiburg und Frankfurt in der Tabelle vor dem Rekordmeister, Stuttgart und Schalke sind zudem nur in der unteren Hälfte zu finden. Hätten sie mit so einem Tabellenbild vor der Saison gerechnet?

Calmund: Das ist schön, das ist spannend! Die Bundesliga ist ein deutsches Premium-Produkt. Und hier in Deutschland sind die Stadien voll, und warum? Weil nicht jedes Jahr Bayern München Deutscher Meister wird. Die Bayern sind zwar die Visitenkarte des deutschen Fußballs, aber in den vergangenen vier Jahren gab es drei verschiedene Meister und drei verschiedene Pokalsieger. So spannend ist keine der großen Ligen in Europa.

bundesliga.de: Schaffen die Münchner denn noch den Anschluss nach ganz oben?

Calmund: Am Ende werden die Münchner wieder im Kreis der Titelfavoriten sein, genau wie Dortmund, Leverkusen und auch sicherlich ein Überraschungsteam. Schalke wird das aber wohl nicht mehr schaffen. Ich glaube, die sind mit einem guten Mittelfeldplatz zufrieden. Und wenn am Ende Frankfurt oder Mainz oben mitmischen, dann ist das auch ganz schön für die Bundesliga.

bundesliga.de: Teilen Sie die Meinung, dass Bayer die einzige Mannschaft ist, die man vorher dort oben erwartet hatte? Oder hatten sie Borussia Dortmund schon auf der Rechnung?

Calmund: Ich hatte Bayern München und Bayer Leverkusen oben erwartet. Dortmund hätte ich auf einen Platz zwischen vier und sieben geschätzt. Jetzt ist es aber beim BVB besser gelaufen, da kann man nur Trainer Jürgen Klopp und der ganzen Mannschaft, die ihre Arbeit hervorragend macht, gratulieren.

bundesliga.de: Ist der BVB in seiner momentanen Verfassung denn noch einzuholen?

Calmund: Auf jeden Fall. Da ist der Kontakt ja noch nicht abgerissen, denn bei drei Punkten pro Sieg geht das sehr schnell. Nach dem Unentschieden bei Paris St. Germain, wo die Leistung der Dortmunder mich eigentlich begeistert hat, droht dem BVB aber das Ausscheiden in der Europa League. Das könnte in der Rückrunde ein Vorteil werden, wenn Dortmund sich nur noch auf die Bundesliga konzentrieren muss. Auch wenn sie sicherlich alles versuchen werden, um weiter international dabeizusein.

bundesliga.de: Um den Abstand auf den BVB nicht noch größer werden zu lassen, wollen die Bayern unbedingt in Leverkusen punkten. Mit Franck Ribery ist ein absoluter Leistungsträger wieder fit. Wie schwer wird es für Bayer, gegen den FC Bayern zu bestehen?

Calmund: Die Chancen sind ausgeglichen. Es gibt ein Treffen von Top-Spielern, von Top-Trainern. Es sind die härtesten Rivalen von Borussia Dortmund. Die Luft wird brennen!

bundesliga.de: Von ihren sieben Siegen holten die Leverkusener nur zwei vor eigenem Publikum. Warum läuft es im eigenen Stadion noch nicht hundertprozentig?

Calmund: In den Spielen, die ich gesehen habe, fehlte Bayer häufig die kreative Offensivstärke. Mit Renato Augusto hat das Team wieder mehr Ideen. Dazu mussten die Leverkusener auf Ballack und lange Zeit auch auf Simon Rolfes verzichten, der ja jetzt erst wieder richtig dabei ist. Gerade solche Spieler brauchst du gegen defensiv eingestellte Gegner. Ich bin zuversichtlich, dass es bei Bayer jetzt besser wird.

bundesliga.de: Wie sieht Ihr Tipp für die Partie aus?

Calmund: Ich tippe auf ein 2:2.

Das Gespräch führte Jessica Pulter