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Hamburg - Rodolfo Esteban Cardoso trainiert die U23-Mannschaft des Hamburger SV. Nach der Entlassung von Mirko Slomka hat der Argentinier selbst auf der Bank des Bundesligisten gesessen - nicht zum ersten Mal.

Mit dem FC Homburg und dem SC Freiburg sammelte Cardoso Erfahrung im Abstiegskampf, außerdem trug er, bevor er zum HSV kam, das Trikot von Werder Bremen, dem nächsten Gegner der Hamburger.

Im Gespräch mit bundesliga.de erklärt der 46-Jährige, worauf es im Abstiegskampf ankommt, spricht über das Nordderby und verrät, was er von der Verpflichtung von Bruno Labbadia hält.

bundesliga.de: Herr Cardoso, als Spieler steckten Sie zweimal im Abstiegskampf. Mit Homburg sind Sie abgestiegen, mit Freiburg waren Sie erfolgreich. Was waren die Unterschiede und worauf kommt es im Abstiegskampf an?

Cardoso: Da gibt es natürlich viele verschiedene Faktoren. Homburg war meine erste Station in Europa. Im Verein gab es viele Probleme. Viele wichtige Spieler hatten den Verein nach dem Wiederaufstieg verlassen. Es gab viel Unruhe im Präsidium, und die Trainerwechsel haben auch nicht für Ruhe gesorgt. Und die Mannschaft war vielleicht auch nicht bundesligareif.

"Immer schwieriger, den Kopf freizubekommen"

bundesliga.de: Und in Freiburg?

Cardoso: Freiburg hat immer am Trainer festgehalten. Es ist immer ein Plus, wenn der Verein die Ruhe behält. Wir haben viele Spiele unverdient verloren, aber wir haben immer an uns geglaubt und darauf vertraut, dass der Weg der richtige ist. Die Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern hat gestimmt. Und die ganze Stadt stand hinter uns. Diese Kotinuität und der Glaube wurden am Ende belohnt.

bundesliga.de: Beim HSV scheint es sich um eine Mischung zu handeln. Viele Trainerwechsel wie in Homburg, aber die Stadt steht hinter dem Verein und der Kader mit vielen aktuellen und ehemaligen Nationalspielern sollte doch bundesligareif sein. Was läuft da schief?

Cardoso: Der Kader ist auf jeden Fall besser als es die Tabelle aussagt. Es gab einfach zu viel Unruhe im Verein, nicht nur in dieser Saison. Außerdem gab es viel Pech mit Verletzungen, so dass viel gewechselt werden musste. Fast jedes Wochenende steht eine andere Mannschaft auf dem Platz. Das ist in der Situation nicht optimal.

bundesliga.de: Gegen Topmannschaften wie Bayern München, Bayer Leverkusen oder Borussia Dortmund haben sich die Spieler im eigenen Stadion Punkte erkämpft. Gegen den VfL Wolfsburg fehlte aber neben spielerischen Mitteln auch der Kampf. Können Sie das erklären?

Cardoso: In den genannten Spielen stand die Null. Gegen Wolfsburg gab es ein frühes Gegentor. Dann wird es schwer. Da verliert man schnell den Glauben und die Mannschaft fällt auseinander. In der Situation, in der der HSV steckt, wird es immer schwieriger, den Kopf freizubekommen.

bundesliga.de: Nach dem Leverkusen-Spiel hat Trainer Peter Knäbel die Mannschaft auf fünf Positionen verändert. Nun wurde Bruno Labbadia verpflichtet (Hintergrund: 10 Dinge über Bruno Labbadia). Der wird auch seine Mannschaft erst finden müssen. Hat er dazu sechs Spieltage vor Ende der Saison überhaupt die Zeit?

Cardoso: Die Zeit wird natürlich knapp. Aber Bruno ist ein Trainer, der sehr engagiert ist. Er lebt in Hamburg, und ich bin sicher, er hat viele Spiele gesehen und kennt die Mannschaft. Das ist ein Vorteil. Er muss die Mannschaft motivieren und in die Pflicht nehmen.

"Führungsspieler allein schaffen es nicht"

bundesliga.de: Was kann er in den Tagen bis zum Spiel bei Werder Bremen ändern?

Cardoso: Ich glaube nicht, dass er in dieser kurzen Zeit viel verändern wird. Wichtig ist ein Erfolgserlebnis. Daher hoffe ich, dass die Mannschaft am Wochenende punkten wird. Vielleicht sorgt die Verpflichtung von Bruno für den richtigen Schwung.

bundesliga.de: Also helfen nur noch Siege...

Cardoso: Natürlich brauchen wir bei der Tabellensituation Punkte. Aber man kann auch aus einer Niederlage etwas Positives mitnehmen und darauf aufbauen. Aber dabei kommt es auf die Art und Weise an, wie die Niederlage zustandegekommen ist.

bundesliga.de: Seit dem Wolfsburg-Spiel kann der HSV nicht mehr aus eigener Kraft die Klasse halten. Wie gefährlich ist das?

Cardoso: Natürlich sind wir nun abhängig von anderen Mannschaften. Aber trotzdem müssen wir erstmal auf uns selbst schauen und Punkte holen. Es ist wichtig, mal wieder ein Spiel zu gewinnen. Dann hätten wir auch eine ganz andere Stimmung in der Mannschaft.

bundesliga.de:Heiko Westermann sagte nach dem Wolfsburg-Spiel, dass die Führungsspieler mehr Verantwortung übernehem müssen. Auf welche Spieler kommt es jetzt besonders an?

Cardoso: Es mag sein, dass Heiko so denkt. Aber damit macht er sich und einigen Spielern vielleicht unnötig Druck. Ich bin der Meinung, ein paar Führungsspieler allein schaffen es nicht. Man braucht in so einer Phase alle Spieler. Die ganze Mannschaft ist gefragt. Alle! Wichtig ist, dass die Spieler sich mit dem Verein identifizieren. Sie müssen den Verein leben. Dann gibst Du automatisch ein paar Prozent mehr.

bundesliga.de: Sie haben auch für den kommenden Gegner Bremen gespielt. Hat es Sie überrascht, wie schnell sich Werder aus den Abstiegsrängen befreit hat?

Cardoso: Ja, das war schon ein wenig überraschend.

"Es geht ums Überleben"

bundesliga.de: Wo sehen Sie die Gründe?

Cardoso: Es zeichnet Werder aus, dass man immer die Ruhe behält, Kontinuität wahrt und Leuten eine Chance gibt, die schon lange im Verein sind. Viktor (Werder-Trainer Skripnik; die Red.) lebt Werder. Er ist schon so lange da. Ich habe schon mit ihm zusammengespielt. Er hat in der U23 gut gearbeitet. Er passt hervorragend ins Werder-Konzept. Ich freue mich sehr für ihn. Aber am Wochenende darf er gern mal verlieren. Werder hat ja nichts mehr mit dem Abstieg zu tun. Wir brauchen die Punkte mehr als er.

bundesliga.de: Wie schwer wiegt in Bremen der Ausfall von Johan Djourou nach seiner Gelb-Roten Karte?

Cardoso: Da mache ich mir nicht so viele Gedanken. Auf der Position haben wir Alternativen. Zum Beispiel Slobodan Rajkovic, der bei mir in der U23 ausgeholfen hat. Er ist hart, fleißig, ein Spieler, der uns in dieser Situation helfen kann.

bundesliga.de: Nach Bremen kommt Augsburg, dann in Mainz, gegen Freiburg in Stuttgart und zum Abschluss Schalke (Übersicht: Das Restprogramm der Abstiegskämpfer). Wie beurteilen Sie das Restprogramm?

Cardoso: Das ist schwer. Aber in dieser Phase ist es egal, welcher Gegner kommt. Kommt ein "kleiner" Gegner, hast du den Druck, dass du gewinnen musst. Kommt ein Großer, denkst du, da können wir eh nicht gewinnen. Beides macht nur unnötig Druck. Das darf für die Spieler kein Alibi sein. Wir müssen punkten, egal wie der Gegner heißt. Es geht ums Überleben.

bundesliga.de: Was macht Ihen Mut, dass der HSV auch in der kommenden Saison in der Bundesliga spielt?

Cardoso: Wir haben jetzt eine neue Situation. Bruno ist ein erfahrener Trainer. Ich bin sicher, schon am Wochenende werden wir sehen, in welche Richtung es geht. Noch haben wir eine Chance.

Das Interview führte Jürgen Blöhs