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Dortmund - 0:0 in Hamburg, 0:0 gegen Köln, jetzt 0:3 gegen Juventus Turin: Über 270 lange Minuten hat der BVB das Tor nicht mehr getroffen. Schlimmer noch: Auch die Zahl der Torschüsse geht gefühlt bedrohlich gegen Null. Nach dem Aus in der Champions League nimmt Borussia Dortmund das Problem jetzt wieder mit in die Bundesliga – im Sturm herrscht akute Flaute.

Angefangen hatte alles so verheißungsvoll im Rückspiel gegen Juventus. Mit einer beeindruckenden Choreographie erinnerten die Fans auf der Südtribüne an den legendären Champions-League-Triumph von 1997, als der BVB die Turiner mit 3:1 bezwungen hatte. Doch so grandios die Heldentat damals war, so trostlos präsentiert sich die Borussia der Gegenwart. Und den Spott gab es nach der klaren 0:3-Heimschlappe gegen Juve und dem Aus in der Königsklasse gratis. "Auf Wiedersehen" skandierten die Tifosi in bestem Deutsch übermütig, als die Dortmunder Anhänger zehn Minuten vor Spielende scharenweise das Stadion verließen.

Kaum noch Torabschlüsse

Erstmals unter Jürgen Klopp ist Borussia Dortmund in drei Pflichtspielen hintereinander ohne Tor geblieben. Das ist mehr als eine Momentaufnahme – das ist vor dem Gastspiel am Samstag bei Hannover 96 eher ein ausgewachsenes Problem. Den Dortmundern mangelt es nicht etwa an der nötigen Treffsicherheit oder gar dem fehlenden Quäntchen Glück. Der BVB kreiert vielmehr gar keine Chancen mehr und kommt kaum noch zum Torabschluss.

Allein in der ersten Halbzeit gegen Juventus standen für die Schwarz-Gelben satte 60 Prozent Ballbesitz zu Buche – aber nicht ein einziger Torschuss. "Wer nicht schießt, der kann auch nicht treffen", brachte Roman Weidenfeller das Dilemma nach der Partie kurz und knapp auf den Punkt. Nach 63 Minuten war Kevin Kampl der Erste, der auf das Tor von Buffon zielte. Der Slowene war zumindest hinterher selbstkritisch: "Wir haben viel zu wenig auf das Tor geschossen. In der einen oder anderen Situation hätten wir aus 25 Metern einfach mal drauf halten müssen."

Gerade gegen tiefer stehende Gegner könnte es ein probates Mittel sein, öfter mal aus der Distanz abzuziehen. Hamburg bot dafür ein Beispiel, auch Köln und streckenweise Juventus. Mit Hannover 96 erwartet den BVB am Samstag (Vorschau) der nächste Gegner, der zuletzt nicht unbedingt für Offensivpower stand und den Dortmundern kaum große Räume anbieten wird. "Hannover wird ein ähnliches Spiel aufziehen", fürchtet Oliver Kirch.

Wo sind Plan, Kreativität, Willen und Ehrgeiz?

Dem BVB fehlt es aber zurzeit nicht nur an Distanzschüssen, sondern vor allem und ganz generell am Zug zum Tor und an Ideen. "Wir haben sehr oft versucht, auf kleinem Raum zu kombinieren, dann noch mal zu kombinieren - und eben nicht Richtung Tor zu gehen. Wir haben lieber noch mal den Pass gespielt", umschrieb es Mats Hummels noch höflich. Man könnte auch sagen: Der Borussia mangelt es zuletzt immer offensichtlicher an Plan, Kreativität, Willen und Ehrgeiz. "Eigentlich haben wir genug Spieler, die mal ein eins gegen eins gewinnen und für Räume sorgen können", wunderte sich nach der Pleite gegen Juve nicht nur Marcel Schmelzer.

Einfallslos durch die Mitte wurden die Angriffe gegen Turin vorgetragen, das Flügelspiel war quasi verwaist. Hohe Bälle landeten zudem meist sicher in den Händen von Juve-Keeper Buffon, weil "wir eine zu kleine Strafraumbesetzung haben, wenn wir zum Flanken kommen", wie Hummels ernüchtert feststellte.

Jürgen Klopp wird zudem aufmerksam registriert haben, dass auch die vermeintlichen Leistungsträger zurzeit nicht willens oder in der Lage sind, den Unterschied auszumachen. Ilkay Gündogan bewegte sich schwerfällig über den Platz und gewann zehn Prozent seiner Zweikämpfe. Marco Reus hatte seine auffälligste Szene, als er sich über seine gelbe Karte aufregte. Pierre-Emerick Aubameyang zählte magere 22 Ballkontakte. Dass Klopp selbst sich mit der Aufstellung von Sokratis als Rechtsverteidiger – was schon in Turin nicht funktioniert hatte – auch noch einer offensiveren Marschrichtung über die Außenbahn beraubte, passte irgendwie ins Bild.

Die Falsche Null muss weg

Am Personal aber macht der Trainer die derzeitige Misere zumindest offiziell noch nicht fest. Jürgen Klopp setzt vielmehr auf Willen und Bereitschaft seiner Profis, hofft auf die Rückkehr von Lust und Leidenschaft und nimmt die gesamte Mannschaft in die Pflicht: "Nach dem Spiel gegen Schalke ist uns die Konsequenz abhanden gekommen. Das müssen wir schleunigst ändern!"

Mehr Konsequenz ist allerdings nicht nur in Sachen Offensive gefragt. Nachdem die Null in der Bundesliga drei Spiele hintereinander auch an der richtigen Stelle gestanden hatte, gab es gegen Turin defensiv einen herben Rückfall. Schon zum vierten Mal in dieser Saison lagen die Dortmunder bereits nach drei Minuten hinten. Und waren am Ende mit nur drei Gegentreffern noch gut bedient.

Schon bis Samstag muss sich also einiges ändern beim BVB – die falsche Null muss dringend weg. Gewinnt man auch bei den verunsicherten Niedersachsen nicht, rückten die oberen Tabellenplätze und damit auch die vagen Hoffnungen auf die Europa League in ganz weite Ferne.

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte