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66.000 Zuschauer befanden sich in der ausverkauften Allianz Arena in München am Dienstagabend, um dem Viertelfinal-Hinspiel zwischen dem FC Bayern und Manchester United beizuwohnen. Steven Spielberg und James Cameron, zwei der bekanntesten und erfolgreichsten Regisseure Hollywoods, waren nicht dabei. Doch wäre das Fußballspiel ein Kinofilm gewesen, die beiden hätten ihre helle Freude gehabt.

"Das war eine große Nacht für den FC Bayern, wir haben gesehen, dass wir auf Augenhöhe sind", schwärmte Sportdirektor Christian Nerlinger nach der Oscar-reifen Vorstellung seines Teams, die alle Zutaten eines Streifens aus dem Mekka der Unterhaltungsindustrie aufwies.

Rooney nutzt erste Chance eiskalt

Der Held, aus deutscher Sicht natürlich das Starensemble von der Säbener Straße, steckte zu Beginn in der Außenseiterolle. Schließlich hatte der Rekordmeister in der Bundesliga gerade leichtfertig zwei Niederlagen in Serie trotz jeweiliger 1:0-Führung gegen Frankfurt und Stuttgart hinnehmen müssen. ManU hingegen hatte seinen Status als Tabellenführer der Premier League zuletzt eindrucksvoll mit einem 4:0-Auswärtssieg bei den Bolton Wanderers untermauert.

"Keiner hatte uns das vorher zugetraut, dass wir gegen diese große Mannschaft überhaupt eine Chance haben", sagte der FCB-Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge. Noch dazu ohne den angeschlagenen Superstar Arjen Robben und den eminent wichtigen, aber Gelb-gesperrten Bastian Schweinsteiger in der Defensivzentrale.

Und bereits kurz nach dem Anpfiff sah die Lage noch misslicher aus als vorher. Ganze 64 Sekunden brauchten die "Red Devils", um die nicht ganz standfeste FCB-Abwehr, in die der von Knochenbrüchen im Gesicht gerade genesene Martin Demichelis zurückkehrte, zu überwinden. Die personifizierte englische Torgefahr Wayne Rooney nutzte nach einer Freistoßvorlage einen Ausrutscher von Demichelis und schob unbedrängt zum 1:0 für die Gäste ein.

Van Bommel: "Hatte immer das Gefühl, dass wir den Ausgleich schaffen"

Ein Tor wie ein Schock? Ein Faustschlag mitten ins Gesicht? Zumindest eine eiskalte Dusche? Keineswegs, wie die Bayern-Akteure hinter unisono verkündeten. " Ich hatte immer das Gefühl, dass wir noch den Ausgleich schaffen", sagte Kapitän Mark van Bommel. Auch Abwehrchef Daniel van Buyten versicherte: "Der Frust über den schnellen Rückstand war bald weg." Und Rummenigge ging im Moment des Gegentores lediglich durch den Kopf, "dass ich so ein Ding lieber in der ersten als in der letzten Minute kassiere", wie er gegenüber bundesliga.de verriet.

Der Verarbeitungsprozess auf dem Rasen zog sich allerdings beinahe die komplette erste Halbzeit hin. Zwar hatten die Bayern mehr Ballbesitz (60:40 Prozent), was die lebende Legende auf Uniteds Trainerbank, Sir Alex Ferguson, für seine Verhältnisse ungewöhnlich oft und heftig gestikulierend an die Seitenlinie trieb. Doch die meisten Schussversuche in Durchgang eins verzeichneten die Gäste (9:6). Die letzte Konsequenz in der Vorwärtsbewegung ging dem Rekordmeister ab, Ivica Olic und Hamit Altintop vergaben die wenigen Chancen zaudernd.

"Heiß auf die zweite Halbzeit"

Ganz anders das Bild in Durchgang zwei, auch statistisch: 13:2 Schüsse, 6:1 Ecken und erneut 60:40 Prozent Ballbesitz zugunsten der Münchener. Bereits 50 Sekunden nach Wiederanpfiff prüfte Olic den überragenden United-Keeper Edwin van der Sar, innerhalb von 90 Sekunden erspielte sich der FC Bayern zwei Eckbälle. "In der Halbzeitpause wurden die Fehler angesprochen, der Trainer hat uns noch mal motiviert. Wir waren alle heiß auf die zweite Halbzeit", erklärte Thomas Müller gegenüber bundesliga.de den Wandel.

Doch wie in Hollywood-Filmen üblich, mussten die Zuschauer lange zittern. Müller (51.), Altintop (56.) und Olic (72.) vergaben aus jeweils aussichtsreicher Position. In der 77. Minute sorgte Franck Ribery schließlich für die Erlösung. Der Franzose schoss einen Freistoß unter gütiger Mithilfe von Rooneys Hacke ins Gästetor und brachte die Stimmung in der Allianz Arena zum Kochen.

Happy End in allerletzter Sekunde

Und plötzlich waren die Münchener auf den Geschmack gekommen. "Nach dem 1:1 haben wir uns angeschaut und gemerkt, dass wir noch die Kraft haben, um weiter nach vorne zu spielen", sagte van Buyten. Selbst der Lattenkopfball von ManU-Verteidiger Nemanja Vidic nur sechs Minuten nach dem Ausgleich brachte den FCB nicht mehr aus dem Konzept.

Und so setzte Gomez in der Nachspielzeit plötzlich zu einem mutigen Antritt gegen gleich drei Gegenspieler an, auf Umwegen landete der Ball bei Olic, der im Stile eines Lionel Messi in die Strafraummitte zog, den Torwart ausguckte, unhaltbar zum 2:1 einschob und die Massen auf den Rängen endgültig in Ekstase versetzte - das perfekte Happy End.

Van Gaal genießt "süßen Sieg"

"Man kann der Mannschaft nur ein großes Kompliment machen, dass sie das Spiel noch gedreht hat", zollte Rummenigge seinen Respekt. Auch Trainer Louis van Gaal freute sich über den "süßen Sieg" und zeigte sich mehr als zufrieden: "Wir haben hochverdient gewonnen."

Sein Gegenüber Ferguson hingegen konnte dem Spiel seiner Mannschaft wenig positives abgewinnen: "Wir waren nicht gut genug. So einfach ist das. Wir haben die Bälle viel zu leicht hergeschenkt und haben uns die Niederlage selbst zuzuschreiben. Es ist sehr enttäuschend. Die Bayern waren das bessere Team, wir können uns nicht beschweren."

Während Rummenigge seinem Club nun "eine kleine Chance" einräumt, "das zu schaffen, was vor dem Spiel fast unmöglich erschien", sieht van Buyten Manchester nach wie vor als "Favorit für das Rückspiel". Ein Unentschieden im Old Trafford würde den Münchenern für das Weiterkommen reichen. Stoff, um eine hollywoodreife Fortsetzung im "Theatre of dreams" zu schreiben, gibt es also reichlich...


Aus der Allianz Arena berichtet Denis Huber