ANZEIGE

München - Die Beute riecht nach Angst. Sie fühlt die Anwesenheit des Jägers, sie spürt die Gefahr. Genauso geht es ab jetzt wieder Schalkes Gegnern, denn Klaas-Jan Huntelaar ist zurück. Und das, wie man seit dem Wochenende wieder weiß, verändert einfach alles. "Man hat gesehen, dass die Hamburger Respekt vor ihm hatten", sagte Trainer Jens Keller zu bundesliga.de: "Diese Aura hat uns die letzten Monate gefehlt. Ein Klaas in dieser Verfassung ist für uns Gold wert." Die Statsitik jedoch spricht eine andere Sprache.

Denn Fakt ist, dass S04 mit Huntelaar nicht unbedingt erfolgreicher auftritt. Seit Beginn letzter Saison spielten die Gelsenkirchener 29 Mal ohne ihn und 23 Mal mit ihm. Der Punkteschnitt (1,65 zu 1,66 pro Spiel) ist nahezu identisch, die Torausbeute (1,87 zu 1,72 pro Spiel) ohne ihn sogar höher.

Gefühlt jedoch ist Schalke mit dem Hunter mindestens doppelt so gefährlich. Youngster Max Meyer fiel beim 3:0 in Hamburg auch auf, dass Huntelaar nicht nur in den gegnerischen Reihen für Panik, sondern in den eigenen für Selbstvertrauen sorgt. Die anderen Jäger glauben wieder an sich. "Man hat gemerkt, wenn er auf dem Platz ist, ist gleich eine andere Einstellung da. Die Mannschaft spielt viel lebendiger. Er ist mit seiner Präsenz sehr wichtig für uns."

Aura. Präsenz. Huntelaars Zauber scheint zu wirken. "Allein seine Präsenz tut uns wahnsinnig gut", schwärmt auch Keller. Mit "allein" meinte er, dass Huntelaar dafür noch nicht einmal treffen muss. Was er aber natürlich trotzdem tat. Zum 50. Mal für Schalke, in nur 85 Spielen.

S04 ohne Huntelaar: Deutlich weniger Flanken

Mit dem Hunter und trotz dieser überragenden Quote spielen die Westfalen zwar nicht erfolgreicher - aber eben anders. Am besten sieht man das an den Toren nach Flanken: In den drei Saisonspielen mit Huntelaar traf Schalke zwei Mal auf diese Art, in den 15 Spielen ohne ihn nur drei Mal. Klar, Huntelaars Kopfballstärke ist auch seinen Teamkollegen bekannt. 18 seiner 50 Buden markierte er aus der Luft. In der Vorsaison war dies noch extremer: In Spielen mit Huntelaar gab es im Schnitt 13 Schalker Flanken pro Spiel, ohne ihn nur acht. Ob Jefferson Farfan in Hamburg vor dem 1:0 mit einem Stürmer Adam Szalai trotzdem geflankt hätte? So tat er es, und Huntelaar traf.

Und das kurioserweise wieder gegen den HSV, seine letzten sechs Bundesliga-Tore markierte der Niederländer gegen die bedauernswerten Norddeutschen. Ein Tor am Samstag, ein Doppelschlag am 3. Spieltag und ein Dreierpack am Ende der letzten Saison.

Szalai defensiv fleißiger

In dieser Spielzeit hatte er bekanntermaßen wenig Gelegenheit, Tore gegen andere Teams zu erzielen. Huntelaar war ein halbes Jahr lang verletzt, am 2. Spieltag hatte er sich einen Innenbandteilriss zugezogen, im Oktober im Training erneut dieselbe Verletzung erlitten. "Ich will im Februar wieder auf dem Trainingsplatz stehen", hatte er nach der folgenden Operation angekündigt. Doch alles ging viel schneller, ganz Schalke sehnte sich nach ihm und Keller brachte ihn direkt von Beginn an. Und das, obwohl Huntelaar-Vertreter Szalai seine Sache sehr ordentlich gemacht hatte. Auf fünf Hinrundentore kam der Ungar, der noch dazu in der Defensive etwas fleißiger ist als Huntelaar. 29 Zweikämpfe bestreitet Szalai im Schnitt pro Spiel, vier mehr als der Rückkehrer.

Wichtiger als die Frage Huntelaar oder Szalai scheint bei Schalke aber ohnehin die Besetzung des Mittelfeldes zu sein. Seit Beginn der Vorsaison gab es mehr als doppelt so viele Tore durch Mittelfeldspieler (55) wie durch Stürmer (26).

Huntelaars Knie "bombig stabil"

Dennoch: Auf Schalke herrscht durch den gefühlten Neuzugang Aufbruchstimmung. Sportvorstand Horst Heldt ist zuversichtlich: "Er hat uns fast die gesamte Hinrunde gefehlt. Und ich hoffe, dass er jetzt verletzungsfrei bleibt."

Das dürfte auch Huntelaars größter Wunsch für 2014 sein und bis jetzt sieht es gut aus. Sein Knie bezeichnete er als "bombig stabil". Und nach dem Spiel lobte er - ganz der Anführer - zuallererst seine Mannschaft. "Wir haben als ganze Truppe super gespielt. Wir waren dominant und sehr aggressiv."

Der Hunter, in Abwesenheit von Benedikt Höwedes beim Comeback direkt Kapitän, geht voran. Auch verbal. Die Ziele des 30-Jährigen sind klar und nach einem Spieltag, an dem die Tabellennachbarn für Schalke spielten, wieder greifbar. "Wir wussten, dass die Konkurrenz Punkte verloren hat, es war eine große Chance für uns", sagte Huntelaar, der mit dem Tabellen-Fünften am Samstag die Wölfe empfängt. "Wir wollen ja in die Champions League. Dafür müssen wir jetzt auch eine Serie starten." Das dürfte mit ihm auf dem Feld einfacher sein, auch wenn die Daten dies nicht belegen. Gefühl, Präsenz und Aura sind eben nicht messbar. Die nächste Beute zittert bereits.

Christoph Gschoßmann

 

Jefferson Farfan im Interview: "Huntelaar ist unglaublich"