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München - Keine Minute. Nicht mal eine einzige Sekunde wollte VfB-Coach Bruno Labbadia auf seine rechte Hand auf dem Feld, seinen Taktgeber, verzichten. Neuzugang William Kvist, der dänische Meisterkapitän, Stuttgarts "Königstransfer", spielte jedes der 15 Ligaspiele durch - und ist schon jetzt zur unverzichtbaren Schlüsselfigur bei den Schwaben geworden.

Selten hat ein neuer Spieler beim VfB von Beginn an so eingeschlagen und Fans und Kritiker derart überzeugt. Doch wer ist William Kvist? bundesliga.de hat nachgeforscht und präsentiert zehn interessante Fakten über Stuttgarts Mittelfeldmotor.

Früh übt sich

…wer dänischer Meister werden will. Schon im Alter von fünf Jahren startete der im beschaulichen Dörfchen Ronde (ca. 2500 Einwohner) der im Osten Mitteljütlands geborene William Kvist Jörgensen seine fußballerische Laufbauhn. Nur drei Jahre später war schon der Traditionsverein Kobehavens Boldklub, einer der ältesten Fußballvereine in Europa, auf ihn aumferksam geworden, wo er zum Junioren-Nationalspieler heranreifte. 2004, mit 19, verließ er die Jugendabteilung und wechselte zum Hauptverein FC Kopenhagen - als Kapitän und mit der Meistertrophäe im Gepäck.

Helfer in der Not

Das Schreckensszenario für jeden Trainer: Man stelle sich vor, Stuttgarts Keeper fliegt mit Rot vom Platz und sein Ersatzmann verletzt sich. Was tun? Kein anderer als Kvist wäre der logische Vertreter als dritter Schlussmann, denn nicht nur auf dem Fußballplatz war der junge Däne zu Jugendzeiten außerordentlich begabt. Simultan zum BK war er in der Jugend des Handballvereins "Frederiksberg Idraets Forening" aktiv, ebenso als Kapitän. Und auch hier reichte es für die Meisterschaft. Bis aber der Notstand eintrifft, wird Kvist aber den Sechser geben, denn letztlich entschied er sich ja doch für den Fußball.

Meisterkapitän

Zum Glück für den FC Kopenhagen. In seinen sechs Saisons holte Kvist fünf Meisterschaften, gewann zwei Mal die Royal League, ein Mal den dänischen Pokal und ein Mal den Supercup. Beim Hauptstadtclub reifte er zum Nationalspieler und war unter dem heutigen Kölner Coach Stale Solbakken als Kapitän und Mittelfeldmotor nicht mehr wegzudenken. In der Champions League erreichte Kopenhagen mit Kvist das Achtelfinale und scheiterte dort erst am FC Chelsea.

"Königstransfer"

In Stuttgart suchte man einen Ersatz für Nationalspieler Christian Träsch, eine ordnende Hand im Mittelfeld. Als "Wunschspieler" und "Königstransfer" wurde Kvists Wechsel zum VfB tituliert. Der Rechtsfuß wurde dem von Anfang an gerecht, obwohl er selbst Zweifel hatte. "Der Wechsel zum VfB war der erste in meiner Profikarriere. Daher kannte ich einige Stadien und Gegner in Deutschland nicht - und war darauf angewiesen, was mir die anderen gesagt haben", sagte er den "Stuttgarter Nachrichten". "Wichtig war mir zunächst, dass ich defensiv gut stehe. Das ist mir, glaube ich, gelungen", fügte er an. Und wie - der "Kicker" zeichnete Kvist als besten Neuzugang unter den Feldspielern aus.

Allrounder

In Stuttgart läuft der 1,84 Meter große Däne nur auf seiner Lieblingsposition, der Sechs, auf. "Das Spiel in der Bundesliga ist sehr schnell, man muss häufig umschalten. Da braucht man auch einen Spieler, der die Übersicht behält, das Spiel beruhigt, der die Räume zumacht - und die einfachen Bälle spielt", beschreibt Kvist seine Aufgaben. Dabei kann er nicht nur in der Defensivzentrale das Spiel ordnen, sondern ist extrem variabel. Unter Solbakken bekleidete Kvist jede Position außer Innenverteidiger, Torwart und Mittelstürmer. Auch seinem Coach Bruno Labbadia ist das aufgefallen: "Dadurch, dass er sehr strategisch angehaucht ist, vergisst er manchmal, dass er auch andere herausragende Qualitäten hat. Er hat ein Tempo mit dem Ball wie kaum jemand - was man aber noch zu wenig sieht", erklärte Labbadia.

Keine große Kunst

Im defensiven Zentrum fühlt sich Stuttgarts Nummer 4 aber am wohlsten. "Ich probiere, meine Zweikämpfe zu gewinnen und viel mit meinen Mitspielern zu reden", hebt er seine Stärken hervor. Kvist weiß, was er kann - und was er nicht kann. "Für die große Kunst im Spiel nach vorne und die Tore sind die anderen zuständig. Ich schieße ganz selten selber ein Tor. In 181 Spielen für Kopenhagen waren es acht Stück", erzählt er. Bisher hat es der Däne in der Bundesliga noch nicht klingeln lassen - doch die strategischen Fähigkeiten von "Willy", wie er von den Kollegen genannt wird, sind für den VfB ohnehin von ungleich höherem Wert.

Kapitän ohne Binde

Kapitän und Meister bei KB Kopenhagen, Kapitän und Meister beim FC Kopenhagen, sogar Kapitän beim Handball - Kvist ist der geborene Anführer. Ansprüche auf den Posten von Cacau erhebt er aber nicht: "Ich habe beim VfB einen Vertrag bis 2015. Vielleicht ergibt es sich ja später einmal mit der Spielführerbinde. Aber das Kapitänsamt ist bestimmt nicht mein vorrangiges Ziel." Ohnehin ist Kvist mit oder ohne Binde ein Leader: "Ich gehöre auch aufgrund meiner Erfahrung und der Position auf der Sechs zu denjenigen, die auf dem Platz Einfluss nehmen und Verantwortung tragen müssen. Außerdem bin ich auch einer, der gerne anspricht, was ihm im Spiel aufgefallen ist."

Heller Kopf

Dass man mit Kvist nicht nur einen herausragenden Strategen, sondern auch einen klugen Kopf an den Neckar geholt hat, ist Sportdirektor Fredi Bobic klar: "Er ist sehr interessiert an vielen Themen, die ihn persönlich als Mensch weiterbringen. Da ist er ein bisschen anders als diese verrückten 'Vögel'. Aber er passt sehr gut in die Mannschaftsstruktur. Denn du brauchst Jungs, die klar in der Birne sind", sagte Bobic. Kvist, der trotz seiner zeitintensiven Fußballerkarriere ein studierter Wirtschaftswissenschaftler ist, plant voraus: "Ich möchte auch im Leben so etwas wie eine Nummer 6 sein und später einmal eine eigene Firma haben."

Träumen ist erlaubt

Klar - wer schon Champions-Leauge-Luft geschnuppert hat, würde das gerne wiederholen, so auch Kvist. "Ich würde gerne wieder auf höchstem Niveau antreten. Wer einmal die Hymne der Champions League gehört hat, der will das wieder so haben", meint Kvist. Aber er ordnet die Situation der Schwaben realistisch ein: "Klar ist auch: In dieser Runde haben wir beim VfB andere Ziele als die Champions League. Ich kann nicht für den Verein sprechen, aber für mich selber schon: Mein Ziel ist es, dass sie noch zu meiner Zeit in Stuttgart in dem neuen Stadion diese Hymne abspielen." Aber für Kvist kommt eins nach dem anderen. "Vielleicht können wir - möglicherweise auch erst nach der nächsten Saison - wieder international spielen."

Willkommen in der "Todesgruppe"

Nachdem er 43 Mal in Juniorennationalteams auf dem Feld stand, debütierte er im Alter von 22 Jahren für Dänemark. 26 Mal lief der 26-Jährige schon für sein Land auf, hat aber das größte Erlebnis mit der Nationalelf noch vor sich: Als Gruppenerster qualifizierte sich die Elf von Trainer Morten Olsen souverän für die EM 2012 und trifft prompt auf Deutschland. Auch Portugal und die Niederlande sind in der "Todesgruppe". "Das ist Wahnsinn, diese Gruppe. Es ist geil, dass wir drei gute Spiele haben", freut sich Kvist auf "Goal.com". "Deutschland ist der Hauptfavorit. Sie sind richtig gut", fügt er an. Unterschätzen werden Joachim Löw das von Kvist bestens organisierte "Danish Dynamite" allerdings sicher nicht.


Christoph Gschoßmann