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München im Spätherbst 2009: Die Stimmung an der Säbener Straße passte sich dem tristen Novembergrau an. Der FC Bayern lag in der Bundesliga abgeschlagen auf Platz 8, in der Champions Leauge drohte nach der zweiten Niederlage gegen Bordeaux das frühzeitige Aus.

Nichts deutete auf den spektakulären Siegeszug der Münchner hin, den sie schon kurze Zeit später antreten sollten. In diesen Tagen gab Philipp Lahm der "Süddeutschen Zeitung" ein ebenso umstrittenes wie viel beachtetes Interview, in dem er einige grundlegende Dinge in seinem Verein anprangerte.

"Wo ist jemand, der etwas bewegt?"

Lahm monierte unter anderem die fehlende Zielstrebigkeit im Team, er vermisste Spieler, die in der Offensive kreativ und risikofreudig agieren. "Wen soll man denn anspielen?", fragte er. "Wo ist jemand, der mal was bewegt, der den Ball zur Seite mitnimmt, nach vorne schaut und irgendwie den Ball durchsteckt, dass man nachrücken kann? Das passiert bei uns kaum."

Lahms Worte fanden bei den Vereinsoberen wenig Anklang, der Nationalspieler wurde ob seiner öffentlichen Rüge in die Chefetage zitiert und bekam eine Geldstrafe aufgebrummt. Und doch setzte der Verteidiger, der Louis van Gaal ausdrücklich aus der Kritik nahm ("ich glaube, dass wir jetzt den Trainer haben, der den Bau einer Mannschaft hinbekommen kann"), einen Denkprozess in Gang, dessen Früchte schon einige Wochen später zu sehen waren.

Turin als Wendepunkt

Beschworen die ausgeprägten Ballstafetten zu Saisonbeginn nur selten Gefahr herauf, kam die Mannschaft gegen Ende der Rückrunde zunehmend in den Strafraum des Gegners - eines der Hauptanliegen von Lahm. Erster Höhe- und gleichsam Wendepunkt war der souverän herausgespielte 4:1-Triumph bei Juventus Turin, mit dem sich der FC Bayern auf den letzten Drücker fürs Champions-League-Achtelfinale qualifizierte.

Anfang Mai mutet die Bilanz atemberaubend an, gerade nach dem holprigen Saisonstart. Die Deutsche Meisterschaft ist so gut wie eingetütet und mit den beiden Endspielen um DFB-Pokal und Champions League warten noch die Sahnehäubchen. Ein Rädchen greift jetzt ins andere, die Spieler strotzen vor Selbstvertrauen - auch weil Philipp Lahm rechtzeitig den Finger in die Wunde legte. "Wenn wir unsere Ordnung halten, sind wir nur schwer zu bezwingen", sagt er heute: "Die Mannschaft weiß, was sie zu leisten im Stande ist."

Hitzfeld sieht den Dauerbrenner lieber links

Dabei hatte der Vize-Kapitän zunächst selbst einige Probleme mit einer taktischen Umstellung. Van Gaal beorderte ihn auf die rechte Abwehrseite, was Lahm zwar begrüßte, ihn gleichzeitig aber seiner Torgefahr beraubte. Treffer, wie beim 4:2-Sieg im WM-Eröffnungsspiel 2006 gegen Costa Rica, als er von der linken Seite in die Mitte zog und den Ball in den Winkel schlenzte, gehören der Vergangenheit an. Erzielte Lahm im Bayern-Trikot noch 2008/2009 bei 16 Torschüssen drei Treffer, ging er in der laufenden Saison bei lediglich vier Versuchen leer aus.

Wohl aus diesem Grund favorisiert Ottmar Hitzfeld, Lahms langjähriger Trainer beim FC Bayern, die linke Seite für seinen ehemaligen Schützling. "Es ist ein Luxus, wenn darüber diskutiert werden kann, ob er links oder rechts spielt. Ich persönlich sehe Lahm aber lieber links", sagt der jetzige Schweizer Nationaltrainer gegenüber bundesliga.de.

Ob nun rechts oder links - konditionell ist auf Lahm wie gewohnt Verlass: Von den 50 Pflichtspielen des FC Bayern in dieser Saison in allen drei Wettbewerben verpasste er nicht einmal eine Minute. Das macht ihn zum absoluten Dauerbrenner beim Rekordmeister.

Der ideale Werbepartner

Und der Vorzug von Lahms neuer Rolle auf der rechten Außenbahn lässt sich mit einem weiteren Blick auf die Datenbank feststellen: 147 Flanken - fast doppelt so viele wie noch vor einem Jahr (84) - und sechs Assists stehen bislang zu Buche. In der vergangenen Spielzeit bereitete er lediglich einen Treffer vor. "Er war der ideale Partner für Ribery auf der linken Seite, jetzt ist er es für Robben auf der rechten Seite", schwärmt Hitzfeld.

Doch nicht nur auf dem Spielfeld ist Lahm ein begehrter Partner. Die Werbeagentur, die sich um seine Karriere kümmert, wirbt mit Charaktereigenschaften wie "verantwortungsbewusst, fair, vorbildhaft, verlässlich, sympathisch, pfiffig, leistungsorientiert, talentiert oder willensstark". Attribute, auf die der FC Bayern immer zählen kann - im grauen November ebenso wie im Wonnemonat Mai.

Johannes Fischer