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München - Die Topbegegnung des 16. Spieltags lautet VfB Stuttgart gegen Bayern München. Für beide Vereine war Thomas Berthold einst aktiv. Für die Stuttgarter, mit denen er 1997 Pokalsieger wurde, allerdings weitaus erfolgreicher.

Der Weltmeister von 1990 analysiert im exklusiven Interview mit bundesliga.de die Spitzengruppe der Bundesliga.

bundesliga.de: Thomas Berthold, der FC Bayern hat zwei seiner letzten drei Bundesliga-Spiele verloren. Der befürchtete Durchmarsch scheint einstweilen vom Tisch zu sein. Wie schwer ist das Spiel beim VfB Stuttgart für den Tabellenführer?

Thomas Berthold: Das Spiel beim VfB Stuttgart wird für die Bayern ein Prüfstein. Die Lage in der Tabelle hat sich etwas anderes entwickelt, als ich das eigentlich erwartet habe. Die Bayern sind nicht mehr so souverän vorne weggezogen wie am Anfang der Saison. Man hat gesehen, dass sie zu schlagen sind. Und die Spiele in Stuttgart sind immer brisant.

bundesliga.de: Im vergangenen Jahr verlor der VfB kurz vor Weihnachten zwei spektakuläre Spiele in Meisterschaft (3:5) und Pokal (3:6). Droht den Schwaben wieder Ungemach?

Berthold: Der VfB wird bei seinem letzten Heimauftritt vor der Winterpause noch einmal alles geben und sich nicht so präsentieren wie vor einem Jahr. Damals hat der FC Bayern die Schwaben auf dem falschen Fuß erwischt. In dieser Saison wirken die Stuttgarter auf mich gefestigter. Überhaupt spielt der VfB bislang eine überraschend gute Saison. Ich habe damit gerechnet, dass sich Stuttgart in dieser Saison konsolidiert und vor einem Übergangsjahr steht. Aber sie haben schon viele Punkte geholt. Jetzt bin darauf gespannt, wie sich der VfB in der Rückrunde präsentiert. In den letzten Jahren haben die Schwaben immer zwei Gesichter gezeigt und zwei völlig verschiedene Halbserien abgeliefert.

bundesliga.de: Sind Sie überrascht davon, dass die Bayern zuletzt so in Schwierigkeiten geraten sind? Wurden die Auswirkungen des Schweinsteiger-Ausfalls unterschätzt?

Berthold: Die Bayern haben in ihrem Heimspiel gegen Dortmund versäumt, den Konkurrenten mit einem Sieg um acht Punkte zu distanzieren. Ich habe eigentlich gedacht, dass sie in der Hinrunde nicht mehr gefährdet würden. Ich glaube nicht, dass ihre Schwierigkeiten durch den Ausfall von Bastian Schweinsteiger zu begründen sind, auch wenn sie keine zweite Nummer 8 haben, die ihn ersetzen könnte. Ich sehe die Probleme nach wie vor eher in der Innenverteidigung und auf der rechten Abwehrseite.

bundesliga.de: In der Bundesliga bahnt sich ein Vierkampf um den Titel an. Wie schätzen Sie die Konkurrenten der Bayern ein?

Berthold: Für die Bundesliga ist es gut, dass es vorne eng zugeht. Borussia Dortmund ist nach anfänglichen Schwierigkeiten längst wieder zurück in der Erfolgsspur, Borussia Mönchengladbach ist die große Überraschungsmannschaft und hat sich auch oben festgebissen. Und der sehr kompakt spielende FC Schalke 04 liegt nur drei Punkte hinter den Münchenern.

bundesliga.de: Wie beurteilen Sie die Entwicklung in Mönchengladbach?

Berthold: Die ist bemerkenswert. Die Borussia hat den Vorteil, dass sie nicht international spielt und ihr die Reiserei erspart bleibt, die schon sehr anstrengend ist. Es gibt in Europa nicht viele Mannschaften, die auf allen drei Hochzeiten erfolgreich tanzen. Bei der Borussia erkennt man die Handschrift von Trainer Lucien Favre, der für mich der Hauptverantwortliche für den Erfolg ist. Die Mannschaft steht sehr kompakt, ist sehr laufstark und schaltet blitzschnell auf Angriff um. Mit der Taktik haben in den vergangenen Jahren einige Mannschaften sehr erfolgreich gespielt, erst Hoffenheim, das allerdings vor drei Jahren in der Rückrunde auch wegen des Ausfalls von Vedad Ibisevic einbrach. Dann im Vorjahr Hannover oder Mainz, die ihr Niveau über die Saison halten konnten.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass die Borussia noch einbrechen wird?

Berthold: Nein. Aber die Rückrunde wird anders laufen als die Hinrunde. Ich bin gespannt, wie sich die Borussia dann präsentiert.

bundesliga.de: Wie fällt abschließend Ihr Fazit zum internationalen Abschneiden der deutschen Vereine aus?

Berthold: Der FC Bayern hat es in der Champions League gut gemacht. Enttäuschend waren die Auftritte von Borussia Dortmund. In einer Gruppe mit Mannschaften wie Marseille und Piräus Letzter zu werden und sich nicht einmal für die Europa League zu qualifizieren, ist für einen Deutschen Meister viel zu wenig. Bayer Leverkusen war für mich die große positive Überraschung. Das hatte ich nach dem bisherigen Saisonverlauf nicht erwartet. Aber wie eng Glück und Pech beieinander liegen, konnte man beim 2:1-Sieg gegen Chelsea sehen. Wenn sie da nicht in der 92. Minute das Siegtor machen, scheiden sie wahrscheinlich aus. In der Europa League haben Schalke und Hannover mühelos ihre Aufgaben gemeistert. Damit kann man zufrieden sein.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski