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Nürnberg - Niemals aufgeben, die Sache selbst in die Hand nehmen, Rückschläge wegstecken: Philipp Wollscheid hat das verinnerlicht.

Der 22-Jährige musste auf seinem Weg zum unumstrittenen Stammspieler in Nürnberg als "Quereinsteiger" so manche Hürde aus dem Weg räumen: Sein ungewöhnlicher Karrierestart, der ihn über die Hunsrück-Dörfer Morscholz, Wadrill, Primstal, Noswendel-Wadern und Hasborn-Dautweiler schließlich nach Saarbrücken führte, zeugt bereits von einem großen Durchsetzungswillen. Doch auch als ihm beim Traditionsverein aus dem Saarland mitgeteilt wurde, er sei nicht regionalligatauglich, rückte er nicht von seinem Weg ab und nahm die Sache selbst in die Hand.

"Keine Ahnung von der Viererkette"

Auf eigene Faust organisierte Wollscheid ein Probetraining beim FCN, überzeugte dort die Verantwortlichen und unterschrieb 2009 einen Drei-Jahres-Vertrag. Nach einer Saison bei der zweiten Mannschaft des FCN bekam der 1,94-m-Schlacks die Chance, sich auch in der Bundesligaelf zu beweisen und ist seit dem Rückrundenbeginn im Dezember 2010 nicht mehr aus der Defensive des "Club" wegzudenken.

"Dabei sind Dinge wie Nachwuchsleistungszentrum oder Jugendinternat an mir vorbeigegangen", verrät Wollscheid in einem Interview mit "Spox". "Ich hatte vor dem Wechsel nach Nürnberg beispielsweise noch wenig Ahnung, wie das in der Viererkette alles zu funktionieren hat. Ich habe früher im Mittelfeld gespielt. In Saarbrücken bin ich in die Innenverteidigung gerutscht und habe da dann einfach gespielt. Aber so richtig gelernt habe ich das nicht. Da hat mir Nürnbergs U-23-Trainer Rene Müller schon viel beigebracht."

Wollscheids Wissensdurst und sein taktisches Verständnis sorgten in Kürze dafür, dass aus dem talentierten, aber unfertigen Abwehrmann ein bundesligatauglicher Profi wurde. Dabei wurden trotz der geringen Erfahrung seine Konstanz und Abgeklärtheit zu Wollscheids Markenzeichen: 29 Bundesliga-Spiele hat der Defensivspezialist erst bestritten, agiert oftmals aber wie ein Routinier.

Bestwerte in der Bundesliga

Zudem ist Wollscheid mit 75 Prozent gewonnener Duelle einer der zweikampfstärksten Spieler der Liga und hat ligaweit die meisten gegnerischen Zuspiele abgefangen (206) - er spielt also mit Körper und Auge. Dank seines Gardemaßes ist der Abwehrchef der Franken im Kopfball nur schwer zu schlagen. Kurzum: Der Shootingstar ist ein kompletter Innenverteidiger, der ganz ohne Jugendinternat oder exzessiver Jugendförderung den Sprung ins Profi-Business schaffte.

Dass Wollscheid ohne DFB-Eliteförderung in seiner Jugend auskam, damit kann er gut leben - "auch wenn ich dadurch fußballerisch sicher etwas verpasst habe". Der bodenständige Saarländer sah, "dass die Leute mit 14 oder 15 von zuhause weggegangen sind und ihren Freundeskreis zurücklassen mussten. Dazu wäre ich in dem Alter nicht bereit gewesen, glaube ich. Für mich war meine Jugendzeit sehr wichtig, ich möchte diese Zeit nicht missen."

Fünf Treffer in 29 Bundesligaspielen

Geschadet hat es ihm offenbar nicht: Dass Wollscheid als Abwehrmann nicht nur den eigenen Strafraum beackert, sondern auch im gegnerischen Sechzehner für Gefahr sorgt, bewies er nicht zuletzt am vergangenen Samstag. Beim 2.2 gegen den VfB Stuttgart war er an beiden FCN-Toren beteiligt (ein Tor, eine Torvorlage) und erzielte schon seinen zweiten Saisontreffer. In 29 Bundesligaspielen hat Wollscheid bereits fünf Tore erzielt - alle nach Freistößen oder Ecken, davon drei per Kopf.

Dass der Einser-Abiturient seinen Schädel beileibe nicht nur zum Kopfballspielen benutzt, hat ihm bei seiner bisherigen Karriere nicht geschadet. Manchmal, so hört man im Kreise seiner Mitspieler, könne er sogar ein bisschen nerven mit seiner Wissbegierde. Aber auch damit kann er sicher gut leben.

Johannes Fischer