ANZEIGE

"Das ist ein Spiel, auf das ganz Deutschland wartet", meint Franck Ribery. Und der Spiritus rector von der Säbener Straße übertreibt nur ein wenig. Schließlich darf man davon ausgehen, dass in "ganz Deutschland" manche Leute tatsächlich doch lieber auf den Bus, einen Lottogewinn oder das Christkind warten, als auf das Kräftemessen zwischen dem FC Bayern und 1899 Hoffenheim.

Dennoch stimmt es natürlich, dass dieses spezielle Duell auch eine spezielle Faszination auslöst.

Unerwartete Entwicklung

Hoffenheim steht gegen Hinrundenende sportlich gesehen dort, wo der Aufsteiger trotz aller Vorschusslorbeeren und hellseherischen Fähigkeiten von nur Wenigen erwartet wurde: Die Kraichgauer haben ihren Mannschaftsbus mit laufendem Motor und eingelegtem Gang mal schnell ganz selbstverständlich auf dem Tabellenparkplatz des Rekordmeisters abgestellt.

Ob am Freitagabend der Abschleppwagen vorfährt, ist fraglich. Dafür müssten die Bayern den Aufsteiger schon mit einer 4-Tore-Differenz aus der Stadt schießen.

Ein Unterfangen, dass laut Ribery nicht die höchste Priorität genießt: "Es geht nicht darum, wie viele Tore wir schießen. Hauptsache ist, dass wir drei Punkte holen."

Ein "Knöllchen", einen Straf- und Denkzettel fürs Falschparken, will man den Gästen also schon aufs Auge drücken. Natürlich nur unter Zeugen.

Hoffenheim hat keine Angst

Denn abgesehen von "ganz Deutschland" vor den TV-Geräten oder dem bundesliga.de-Live-Ticker, werden natürlich die obligatorischen 69.000 Zuschauer in der Allianz Arena live dabei sein. Man sollte meinen, der Aufsteiger aus dem 3.000-Seelen-Dorf könnte angesichts dieser Kulisse agoraphobische Symptome erleiden.

Menschen mit einer Agoraphobie empfinden Angst oder Unwohlsein an Orten, von denen sie im Falle des Auftretens von Panik oder potentiell bedrohlichen Körperzuständen nicht schnell genug flüchten könnten, Hilfe nicht schnell genug verfügbar wäre oder sie in peinliche Situationen geraten könnten.

Erinnerungen an die Neunzigerjahre werde wach, an chronische Agoraphobie im Münchner Olympiastadion, als die Gastmannschaften oft viel zu schnell und bereitwillig die Hosen runter und alle Punkte an der Isar ließen.

1899 hat schnell dazugelernt

Mit einer peinlichen Situation für Hoffenheim, einer denkwürdigen Klatsche, etwa auch noch mit vier Toren Differenz, rechnet man nicht einmal bei den Gastgebern. Bayern-Verteidiger Daniel van Buyten glaubt, "dass die Kulisse für die Hoffenheimer mehr Motivation als Lähmung sein wird."

"Unser Spezialist wird ein psychologisches Drehbuch erstellen und den Kader mental vorbereiten." Diese Ankündigung von Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick ist mittlerweile allerdings zehn Monate alt. Damals spielte der Zweitligist im Pokal-Viertelfinale bei Borussia Dortmund.

Auch Manager Jan Schindelmeiser sah die Partie damals in erster Linie als Test für die psychische Stabilität: "Das Spiel ist für unsere Jungs ein Riesenerlebnis, wird uns aber auch Fingerzeige geben, inwieweit die Mannschaft schon in der Bundesliga bestehen kann."

Hoffenheim besteht unübersehbar

Damals verlor Hoffenheim mit 3:1 und schied aus dem Pokal aus. Zehn Monate reichen im Kraichgau allerdings locker für einen Quantensprung in der eigenen sportlichen Entwicklung. Die Mannschaft besteht in der Bundesliga unübersehbar und die Revanche gegen den BVB gelang im September mit einem klaren 4:1.

Ein Heimsieg zwar, aber 1899 hat in der Zwischenzeit auch seine Nonchalance auf Auswärtsfahrten entdeckt: "Es ist zwar eine tolle Sache vor dieser Kulisse zu spielen", bestätigt Hoffenheims Coach noch ganz höflich, um dann selbstbewusst zu betonen: "Doch das beeindruckt uns nicht."

Rangnicks "Vorliebe" für die Isarmetropole

Ralf Rangnick hat ohnehin keinen Grund zu übermäßiger Ehrfurcht. Dem VfB Stuttgart bescherte er einst den einzigen Sieg aus den letzten 14 Gastspielen in München, Hannover den ersten Punkt seit 36 Jahren und Schalke den einzigen "Dreier" in den letzten sieben Auftritten.

Rangnick verlor nur zwei seiner bisherigen fünf Spiele in München und kann sich einen Seitenhieb bezüglich des Münchner Heimvorteils auch nicht ganz verkneifen: "Die Fans des FC Bayern München sind ja auch nicht gerade dafür bekannt, dass sie ihr Team über 90 Minuten bedingungslos anfeuern."

Ecophobie statt Agoraphobie?

Von Agoraphobie ist bei Hoffenheim also nichts zu spüren. Man befindet sich schließlich in der komfortablen Situation des "Alles-zu-können-aber-eigentlich-auch-nichts-zu-Müssens". Die Bayern müssen. Gewinnen natürlich. Ein Zeichen setzen, für sich selbst, für die Konkurrenz, für "ganz Deutschland".

Dieser Anspruch transportiert eine Menge Druck vor eigenem Publikum. Und man könnte mutmaßen, dass man an der Säbener Straße eventuell mit ecophobischen Symptomen zu kämpfen hat. Mit der Angst vor dem eigenen Zuhause...

Michael Wollny