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München - Umzingelt von Journalisten sitzt Matthias Sammer im schmucken Casino des Rekordmeisters, führt die Tasse Milchkaffe, die ihm eine Mitarbeiterin an den Tisch gebracht hat, zum Mund und zieht eine Schnute, als hätte er in eine saure Zitrone gebissen. "Da fehlt der Zucker, ich bin doch ein Süßer!"

Sammer ein Süßer? Darauf wäre man auf Anhieb nicht gekommen. Und als er beim Medientag, zu dem sein Arbeitgeber eingeladen hatte, später Sätze wie "Jupp Heynckes könnte mein Papa sein", oder "Mehmet Scholl und ich haben uns als Spieler gehasst", sagt, wird klar, dass der neue starke Mann des FC Bayern alles andere als Klischees bedient (zum Interview). Genau wie einst auf dem Platz, als er oftmals lautstark den "Motzki" gab, poltert Sammer nun als Vorstand, er grätscht dazwischen und legt den Finger in die Wunde. Beim DFB, seinem früheren Arbeitgeber, wollte er einst partout nicht in den Chor der Lobeshymnen auf die Nationalelf einstimmen. "Wenn ich mich beim DFB als Traditionalist hingestellt habe, wurde ich fast beschimpft, ich würde in der Vergangenheit leben", echauffiert er sich noch immer.

"Helden von Bern" als leuchtendes Beispiel



Sammer spricht heute von konzeptionell angelegter Nachwuchsarbeit und dem Entwicklungspotential des FC Bayern - so wie man es von einem hochrangigen Clubfunktionär eigentlich "erwarten" würde. Doch dann predigt er lautstark die Werte, für die der deutsche Fußball in der Vergangenheit einerseits belächelt wurde, mit denen man andererseits aber große Triumphe feierte. "Die deutschen Tugenden waren jahrelang verschrien. Wenn ich mich dann beim DFB als Traditionalist hingestellt habe, wurde ich fast beschimpft, ich würde in der Vergangenheit leben. Wir hatten aber auch damals nicht nur kratzende und beißende Rumpelfußballer, sondern etwa einen Beckenbauer, Netzer oder Häßler."

Die letzen fünf Prozent, die dem FC Bayern in der vergangenen Saison fehlten, dürften genau in diese Kategorie fallen: Der unbedingte Siegeswille, die konditionelle Überlegenheit - und die nötige Demut. "Wenn Sie sehen, wie 1954 nach dem Finalsieg gegen Ungarn der WM-Pokal an Fritz Walter überreicht wird", sagt Sammer, "und er sich unwohl fühlt, weil er den Pokal nicht alleine in die Höhe recken will. Auch Sepp Herberger nicht. Es waren die beiden wichtigsten Protagonisten - und beide wollen den Pokal nicht haben! Der Geist, Weltmeister zu sein, reichte ihnen. Sie wollten persönlich gar nicht im Mittelpunkt stehen. Sowas müssen wir auch beim FC Bayern haben."

Taten folgen lassen



Keinen Platz mehr für Egoisten, sehr wohl aber für Individualisten. Nach der Sammer'schen Doktrin bereichern Ausnahmekönner wie Franck Ribery oder Arjen Robben mit ihrer individuellen Klasse jede Mannschaft - unter der Prämisse, dass sie ihre Eitelkeiten nicht zur Schau tragen. Für den 44-Jährigen sind ausgedehnte Jubelszenen nach einem Treffer ebenso ein Gräuel wie markige Egomanen-Sprüche.

Seinen Blutdruck steigen ließ vor einiger Zeit auch ein Interview von Jens Lehmann, dessen Aussagen ("Er streitet nur mit Leuten, die unter ihm stehen") Sammer kopfschüttelnd kontert: "Wer mich ein bisschen kennt, der weiß, dass dieses Nach-oben-buckeln und Nach-unten-treten nicht meine Sache ist." Er wundere sich nicht so sehr über die Kritik des ehemaligen Nationalkeepers, sondern vielmehr über die Tatsache, dass die Medien Lehmanns Aussagen nicht entlarvt hätten.

Die lange Sommerpause, in der derartige Themen gerne hochgekocht werden, kommt dem früheren DFB-Nachwuchskoordinator dabei einerseits entgegen, wenn er an die psychische und physische Regenation von Bastian Schweinsteiger und Co. denkt. Andererseits scharrt Sammer schon mit den Hufen, um dem FCB-Leitspruch "Mia-san-mir", der sogar in die neuen Trikots eingenäht wurde, schnell Taten folgen zu lassen "Wir dürfen nicht so viel darüber reden, sondern müssen es nachweisen, beweisen, bearbeiten, erarbeiten und geistig sichtbar machen." Der lockere 4:0-Pokalsieg in Regensburg soll dabei nur der Anfang sein.

Johannes Fischer