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Die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) berät und begleitet im Rahmen des Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit (NKSS) die Fanprojekte in Deutschland. Darüber hinaus steht sie weiteren Institutionen wie DFL und DFB sowie Wissenschaft, Polizei, Medien und Politik als beratende Instanz zur Verfügung.

bundesliga.de hat mit Michael Gabriel, dem Leiter der KOS, über Entstehung, Entwicklung und die vielfältigen Aufgaben der KOS gesprochen.

bundesliga.de: Seit wann und warum gibt es die KOS?

Michael Gabriel: Die KOS wurde 1993 gegründet, hat aber eigentlich eine viel längere Vorgeschichte. In den Achtzigerjahren war in Deutschland die Hochzeit des Hooliganismus, es gab viel Gewalt rund um die Stadien und in den Stadien selbst.

Durch die politische Wende 1989 wurde dieses Problem noch angeheizt. Trauriger Höhepunkt war der Abbruch des Europapokalspiels Dynamo Dresden gegen Roter Stern Belgrad im Jahr 1991 wegen massiver Zuschauerausschreitungen, die live am Fernseher verfolgt werden konnten.

bundesliga.de: Es drohten schwerwiegende Konsequenzen…

Gabriel:: Ja, die UEFA diskutierte darüber, ob deutsche Mannschaften für den Europapokal gesperrt werden sollten. Englische Mannschaften wurden ja schon mal für fünf Jahre gesperrt, nachdem es 1985 zu der Tragödie im Heysel-Stadion von Brüssel gekommen war. Aus dem Kanzleramt kam dann der Impuls, alle Kräfte im Kampf gegen diese gewalttätige Entwicklung zu bündeln.

Es wurde quasi ein Runder Tisch zusammengerufen, zu dem unter anderem Vertreter der Innenministerkonferenz, des Deutschen Städtetages, des Deutschen Sportbundes und auch Vertreter der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte gehörten.

bundesliga.de: Mit welchen Konsequenzen?

Gabriel:: Es wurde ein Sicherheitskonzept erstellt, das "Nationale Konzept Sport und Sicherheit". Das Positive an diesem NKSS war, dass es nicht darum ging, härtere Strafen und Verbote durchzusetzen.

Es flossen die Erfahrungen aus der Fanprojektarbeit ein, und es wurde beschlossen, eine zentrale Stelle aufzubauen, die den Aufbau neuer Fanprojekte förderte und unterstützte. So entstand 1993 die KOS. Damals gab es zwölf Fanprojekte, heute sind es schon 40.

bundesliga.de: Was leisten Fanprojekte?

Gabriel:: Erst einmal ist es wichtig zu wissen, dass die Fanprojekte nicht von den jeweiligen Clubs finanziert werden. Zwei Drittel zahlt die öffentliche Hand, ein Drittel die DFL oder ab der 3. Liga der DFB. Das ist deshalb wichtig, weil sich die Fanprojektarbeit nicht nur auf den Fan oder das Fandasein an Spieltagen beschränkt.

Fanprojektarbeit ist auch Sozialarbeit, sie beschäftigt sich mit den Problemen der Jugendlichen auch im Alltag. Sie unterstützt bei privaten Problemen, bei Suchtproblemen, vermittelt beim Arbeitsamt und leistet Aufklärungsarbeit bei Rassismus und Extremismus. Das sind wichtige gesellschaftspolitische Aufgaben. Sie begleitet viele Jugendliche auf dem schwierigen Weg ins Erwachsenenalter.

bundesliga.de: Wie unterstützt die KOS die Fanprojekte im Alltag?

Gabriel:: Weil wir einen hohen Wissens- und Kenntnisstand haben, können wir zum Beispiel rechtzeitig auf Strömungen und Tendenzen hinweisen und frühzeitig Aufklärungsarbeit leisten. Konkret: Die rechte Szene, die früher durch Hitlergruß oder Fahnen deutlich in den Fankurven auszumachen war, bedient sich heute gewisser Codes, die für die Öffentlichkeit nicht leicht zu erkennen sind.

Das können Zahlenkombinationen sein, die für bestimmte Botschaften stehen. Oder das Tragen spezieller Modemarken, was bereits in einigen Stadien verboten ist. Insgesamt hat sich das Problem des Rechtsradikalismus und des Rassismus im Vergleich zu den Achtzigerjahren in den Kurven deutlich reduziert.

bundesliga.de: Und der Hooliganismus?

Gabriel:: Der spielt in den Stadien eine immer geringere Rolle. Dort bestimmen jetzt die Ultras die Fanszene. Die Tendenz und die Akzeptanz von Gewalt bei den Ultras nehmen aber leider zu.

bundesliga.de: Was sind gegenwärtig und in Zukunft die wichtigsten Ziele?

Gabriel:: Das Wichtigste ist die gegenseitige Akzeptanz von Fanszene, Clubs und Polizei. Den Clubs kommt dabei mehr und mehr eine gesellschaftliche Verantwortung zu. Vielen Jugendlichen fehlt heute der familiäre Zusammenhalt, darüber hinaus stehen sie unter einem immer größeren Leistungsdruck.

In der Fankurve finden sie die Möglichkeit sich einzubringen, sie erfahren dort viel Positives und vor allem Wertschätzung! Die Kommunikation zwischen allen Beteiligten muss intensiviert werden. Fans müssen ernst und gleichzeitig in die Verantwortung genommen werden. Es wäre fatal, wenn Vereine oder Polizei in die Muster der Achtzigerjahre zurückfallen würden.