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München - Sebastian Kehl will nicht die weiße Fahne hissen. Doch eine weiße Fahne bedeutet nicht immer gleich Kapitulation, es gibt eine ganze Reihe verschiedener Bedeutungen. Welche das sind und wer sie an diesem Wochenende hätte hissen können - darüber spricht die Liga.

Dong-Won, der Traurige

Kehl will also nicht - doch Dong-Won Ji (© Imago) hätte es sicher verstanden, wenn der BVB-Anführer gleich nach dem Abpfiff eine weiße Standarte in den Mittelkreis gepflanzt hätte. Im Buddhismus, eine der Hauptreligionen in Jis Heimat Südkorea, bedeutet eine weiße Fahne Trauer und wird so verwendet wie in der westlichen Welt schwarz. Nach dem verpatzten Dortmunder Start, dem vierten sieglosen Heimspiel in Folge gekrönt mit Kubas Kreuzbandriss, trug gefühlt das ganze Stadion weiß. Gewundert dürfte sich Ji nur über die tieftraurige Augsburger Spielkleidung haben.

Pep, der Maturant

Bayern-Trainer Pep Guardiola (© Imago) höchst selbst hätte in Gladbach zum Fahnenmast schreiten müssen, zu Ehren derer, die seinem Team Demut lehrten. In Österreich hissen Schulen oder Klassen, deren Schüler die Matura bestanden haben, eine weiße Fahne. Die Bedeutung also hier: Test bestanden, Reifeprüfung abgelegt. Und das hat der FC Bayern beim 2:0 in Gladbach einmal mehr mit Auszeichnung und in gewohnt unantastbarer Form getan. Und der weise Pep, der seine strahlend weiße Weste auch nach 18 Spieltagen behält, weiß auch wieso:  "Ich bedanke mich bei Salzburg. Wir haben aus der großen, großen Niederlage unsere Lehren gezogen." 

Christian, der Parlamentär

Die weiße Parlamentärsflagge gehört zu den Schutzzeichen des Kriegsvölkerrechts und ist im Artikel 32 der Haager Landkriegsordnung von 1899 festgelegt. In Freiburg hob der siegreiche Trainer Christian Streich (l., © Imago) nach dem hitzigen 3:2  virtuell dieselbe in Richtung Geburtstagskind Stefan Kießling. Heißt so viel wie: Ich komme in Frieden, lass uns reden. Der glücklos ausgewechselte sowie zuletzt dreimal besiegte Torschützenkönig, der am Samstag 30 wurde, ließ sich vom Freiburger Kult-Coach minutenlang trösten. Eine tolle Geste, dachten alle. Doch Streich gab später etwas verlegen zu: "Er hat heute Geburtstag? Das wusste ich gar nicht. Wir haben über ganz andere Sachen gesprochen."

Gertjan, der Gültige

In Nürnberg, wo sich die Fans monatelang bis zur Weißglut ärgern mussten, hätte sich besagte Fahne auch angeboten - und zwar die weiße aus der Leichtathletik. Eine weiße Fahne statt einer roten steht beispielsweise beim Weitsprung für einen gültigen Versuch. Einen - zumindest laut Verbeek selbst - ungültigen Versuch, die Sieglos-Serie zu beenden, erlebte der Niederländer in der Winterpause beim 5:1-Sieg im Test gegen Steaua Bukarest. Schon da hätte er sich seinen Rauschebart stutzen können. Doch der Niederländer ist ein Ehrenmann und gab zu: "Das zählt nicht." Der Bart blieb dran. Bis zum Wochenende, denn nach der 4:0-Gala gegen Hoffenheim hob er selbst die weiße Fahne: Zählt - und jetzt aber runter mit dem Ding! 

Christoph Gschoßmann