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Laut Udo Jürgens, Deutschlands bekanntestem Schlagerbarden, beginnt das Leben mit 66 Jahren erst so richtig. Insofern hätte Josef Heynckes, der von allen nur "Jupp" gerufen wird, eigentlich noch zwei Jährchen Zeit.

Doch der Fußballlehrer auf der Bank von Bayer Leverkusen erlebt im zarten Alter von 64 Lenzen gerade einen - passend zur Jahreszeit - "goldenen Herbst" seiner erfolgreichen Karriere.

Ungeschlagen auf Platz 1

Mit den Rheinländern steht Heynckes, der 1974 als Spieler Weltmeister wurde und 1998 mit Real Madrid als Trainer die Champions League gewann, ganz oben an der Tabellenspitze, ist nach acht Spieltagen noch ungeschlagen. Ein Erfolg, den wohl nur die wenigsten dem erfahrenen Coach und dem jungen Leverkusener Team zugetraut hatten.

Auch, weil eigentlich niemand mit einem erneuten Comeback Heynckes' gerechnet hatte. Selbst Franz Beckenbauer nicht, seines Zeichens Präsident des FC Bayern München und guter Freund des gebürtigen Gladbachers.

In der vergangenen Saison unterbrach Heynckes seinen selbst gewählten Vorruhestand kurzzeitig, um dem FCB auf der Saisonzielgeraden mit vier Siegen an den letzten fünf Spieltagen doch noch auf Tabellenplatz 2 zu hieven. Bereits von 1987 bis Oktober 1991 hatte er auf der Bayern-Bank gesessen und die Münchener 1989 und 1990 zu zwei Meisterschaften in Folge geführt.

Heynckes überrascht Beckenbauer

"Er war zufrieden, was er bei Bayern geleistet hat. Aber ich hatte nie den Eindruck, dass er in das Bundesligageschäft zurück will", sagte Beckenbauer in der Fernsehsendung Sky 90. Stattdessen attestierte er Heynckes "die Zufriedenheit des Alters, etwas geschaffen zu haben und noch mal dem Club, dem er sehr viel zu verdanken hat, etwas zurückgegeben zu haben".

Anstatt sich danach wieder verdientermaßen zurückzulehnen und das Leben mit Familie und Schäferhund Cando zu genießen, erhielt Heynckes einen Anruf von Rudi Völler, Sportdirektor bei Bayer Leverkusen, und das Angebot, die Werkself zu übernehmen.

Der gebürtige Gladbacher willigte ein und überraschte damit auch Beckenbauer. "Ich habe gedacht, jetzt geht er wieder zurück nach Gladbach, geht wieder in seinen Schaukelstuhl und sieht seinem Lebensabend entgegen Und jetzt ist er plötzlich Trainer bei Leverkusen. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Kompliment an ihn!", sagte der "Kaiser".

"Ein Kind der Bundesliga"

Die Gründe für ein erneutes Engagement im deutschen Profifußball lieferte Heynckes bei seiner Präsentation bei Bayer: "Ich bin ein Kind der Bundesliga, war Spieler, aber auch Trainer. In den letzten zwei Jahren hatte ich gesundheitliche Probleme, die überwunden sind. Es geht mir wieder gut und durch mein Engagement bei den Bayern habe ich wieder Gefallen an meinem Job gefunden."

Altersgenosse Beckenbauer empfindet großen Respekt für die Entscheidung und die Leistung Heynckes: "Ich finde es super, dass er sich da noch mal in die Mühle begibt. Er ist ja nicht mehr der Jüngste, wir sind gleich alt: 64 Jahre."

Der Vertrag in Leverkusen läuft bis 2011. Dann wäre Heynckes 66 und man darf gespannt sein, ob er sich dann Udo Jürgens' Gassenhauer zum Beispiel nimmt...

Denis Huber