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Bremen - Keine andere Paarung in der Bundesliga-Geschichte hat es öfter gegeben als das Nordderby zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV. Am Sonntag steigt die 102. Auflage dieses Klassikers, der diesmal unter der Brisanz der akuten Abstiegsgefahr des HSV steht. Auch an der Weser war die Lage nach der unnötigen 2:3-Niederlag ein Stuttgart angespannt. Im Interview spricht Werder-Kapitän Clemens Fritz über die Situation bei Werder, das Derby und die Aussichten auf die Europa League.

Frage: Clemens Fritz, der Hamburger SV, der nächste Gegner von Werder, hat wieder den Trainer gewechselt und nun Bruno Labbadia verpflichtet. Inwieweit beeinflusst das die Bremer Mannschaft?

Clemens Fritz: Die Hamburger werden sich ihre Gedanken gemacht haben. Man hat bei uns gesehen, dass ein Trainerwechsel einen positiven Impuls geben kann. Für uns ist aber wichtig, dass wir uns auf unsere eigene Leistung konzentrieren. Wir müssen wieder die Leistung abrufen, um Spiele zu gewinnen. Dafür muss man an die Leistungsgrenze gehen. Wenn man unsere letzten Spiele sieht, ist es so, dass wir Punkte verschenkt haben. Jetzt muss ein Sieg her!

Frage: Eigentlich ist die Situation von Werder doch gut. Mit dem Abstiegskampf dürfte die Mannschaft nichts mehr zu tun haben, der Blick kann sogar noch nach oben gerichtet werden. Trotzdem scheint die Luft in Bremen nach der Niederlage in Stuttgart ziemlich dick zu sein. Warum ist das so?

Fritz: Ich glaube nicht, dass man schon sagen kann, dass wir nichts mehr mit dem Abstieg zu tun haben. Wir sind noch nicht gesichert. Sicherlich haben wir ein paar Punkte Vorsprung. Aber das kann in zwei, drei Wochen auch wieder anders aussehen. Ich denke nicht, dass bei uns einer großartig Lust darauf hat, am letzten Spieltag nach Dortmund zum alles entscheidenden Spiel zu fahren. Wir tun gut daran, so schnell wie möglich die noch nötigen Punkte zu holen, um gesichert zu sein. Von oben brauchen wir gar nicht zu reden.

Frage: Können Sie den Ärger der Vereinsführung nach dem Spiel in Stuttgart verstehen?

Fritz: Aber sicher. Es wäre ja schlimm, wenn sich keiner ärgern würde. Jeder einzelne Spieler muss sich darüber ärgern. Wir haben ein Verhalten an den Tag gelegt, das man so nicht abliefern darf. Es war eine Kette von Fehlern, die zum dritten Gegentor geführt hat. Wenn du mit einem Mann mehr spielst, gerade den Ausgleich erzielt hast und gegen eine Mannschaft spielst, die mehr als verunsichert ist, wenn das Stadion unruhig wird und du dann in der Nachspielzeit das Spiel noch verlierst, dann musst du dich ärgern. Wer das nicht tut, ist fehl am Platz.

"Brauchen die Überzeugung, das Derby zu gewinnen"

Frage: Der Ärger der Vereinsführung war sicherlich deshalb so groß, weil die Mannschaft droht, eine durchaus realistische Chance auf die Europa League liegen zu lassen.

Fritz: Ganz ehrlich, ich kann das Gerede von der Europa League nicht mehr hören. Wir sollten uns wie gesagt auf unsere Leistungen konzentrieren. Als wir unsere Siege geholt haben, hat keiner von etwas anderem als den Klassenerhalt geredet. Dabei sollten wir auch bleiben.

Frage: Worauf kommt es am Sonntag an, wenn der HSV nach Bremen kommt?

Fritz: Es geht um Punkte, es ist ein Heimspiel, und es ist ein Derby. Das sind besondere Spiele, in denen man Leidenschaft braucht, aggressives Zweikampfverhalten und den Mut, die Überzeugung und das Selbstvertrauen, dieses Spiel auch zu gewinnen. Das alles müssen wir am Sonntag an den Tag legen.

"Interessiert mich nicht, ob der HSV die Klasse hält"

Frage: Wie gefährlich ist der HSV aktuell?

Fritz: Es ist ein Derby. Man hat gesehen, dass es dabei auch schon mal hart zur Sache geht. Das erwarte ich auch diesmal. Der HSV steht mit dem Rücken zur Wand und hat nicht mehr viele Möglichkeiten. Sie werden bis zum letzten Gas geben und fighten. Wir müssen entsprechend dagegen halten.

Frage: Es ist das 102. Bundesliga-Derby zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV. Ist es möglicherweise auch vorerst das letzte?

Fritz: Keine Ahnung. Es ist das nächste Derby und das wollen wir gewinnen.

Frage: Glauben Sie, dass der HSV den Klassenerhalt noch schafft?

Fritz: Ehrlich gesagt interessiert mich das nicht. Für mich ist wichtig, dass wir drin bleiben und die Punkte holen. Auf andere Mannschaften schaue ich gar nicht.

Frage: Ist es auch vielleicht Ihr letztes Derby?

Fritz: Ich habe Werder schon vor ein paar Wochen signalisiert, dass ich mir vorstellen kann, noch eine Saison zu spielen. Aber es ist vertraglich noch nichts fixiert.

Aufgezeichnet von Tobias Gonscherowski