Zusammenfassung

  • Schalkes Vorstand Sport sieht Domenico Tedesco trotz seines Alters als erfahrenen Trainer an.

  • Mit dem Club will er nach einem schwierigen Jahr wieder ins europäische Geschäft zurück.

  • Im Interview spricht er auch über die Notwendigkeit der China-Reise.

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Gelsenkirchen - Der FC Schalke 04 geht mit einem neuen Trainer in die Saison 2017/18. Im Exklusiv-Interview mit bundsliga.de spricht Vorstand Sport Christian Heidel über Domenico Tedesco, über die Ziele des Clubs für die neue Saison und über die China-Reise der Schalker.

bundesliga.de: Herr Heidel, Sie sind im vergangenen Sommer beim FC Schalke 04 angetreten, um mehr Kontinuität zu erreichen, sahen sich aber alsbald gezwungen, ein Stück weit von dieser Linie abzuweichen. War und ist Schalke ein schwierigeres Pflaster als erwartet?

Christian Heidel:Nein, überhaupt nicht. Selbstverständlich sind wir im vergangenen Jahr mit großen Erwartungen in die Saison gegangen, und natürlich waren wir am Saisonende sehr enttäuscht. In der Folge haben wir eine Analyse aller Bereiche vorgenommen – ohne dass ich hier auf Details eingehen möchte – mit dem Ergebnis, dass wir auf der Trainerposition eine Veränderung wollten. Eine Entscheidung, die aber nichts damit zu tun hat, welcher Vereinsname auf dem Trikot steht. Es war in keiner Weise so, dass aus dem Schalker Umfeld, von den Medien oder den Fans der Rauswurf des Trainers gefordert worden wäre. Sicherlich war es eine Entscheidung, die meinen Wunsch nach Kontinuität nicht ganz erfüllt hat, aber sie hatte überhaupt nichts mit dem Verein Schalke 04 als solchem zu tun.

bundesliga.de: Wie empfinden Sie die aktuelle Situation, eher als nochmaligen Neuanfang oder doch als Fortführung dessen, was Sie im vergangenen Sommer angestoßen haben, etwa in Sachen Infrastruktur?

Heidel: Ich möchte die aktuelle Situation nicht als Umbruch verstanden wissen. Den benötigen wir gar nicht. Wir haben zwar auf einer entscheidenden Position – der des Cheftrainers – etwas verändert, aber in der Mannschaft gibt es keinen großen Umbruch. Und auch um die Mannschaft herum, beim Staff, haben wir auf Kontinuität Wert gelegt. Domenico Tedesco hat seinen Stab nahezu komplett aus Trainern gebildet, die bereits für Schalke 04 tätig waren, und selbst niemand mitgebracht. Wir haben nur Co-Trainer Peter Perchtold neu dazu geholt.

"Domenico verfügt über eine zehnjährige Trainer-Erfahrung, und ich behaupte, dass er vielleicht sogar mehr vorzuweisen hat als mancher ehemalige Bundesligaspieler, der nach einem DFB-Lehrgang Cheftrainer wird“

bundesliga.de: Mit Tedesco haben Sie einen sehr aufgeschlossenen Trainer verpflichtet, der allerdings keine Bundesliga- und nur wenig Profi-Fußball-Erfahrung aufweist. Was hat den Ausschlag für ihn gegeben?

Heidel: Meiner Meinung nach wird der Begriff Erfahrung in Bezug auf einen Trainer zu hoch gehangen. Ich hatte in den vergangenen 15 Jahren fast ausschließlich zu Beginn bundesligaunerfahrene Trainer und bin damit immer gut gefahren. Unerfahren bezog sich doch nur auf die Liga und ihr Umfeld der Bundesliga, aber nicht auf den Fußball per se. Schließlich ist das Spielfeld in der Dritten oder in der 2. Bundesliga ebenso groß, und auch die taktischen Anforderungen sind weitgehend dieselben. Was neu ist, ist z.B. der Umgang mit den Medien und der größeren Öffentlichkeit. Ich habe aber persönlich mit Jürgen Klopp oder mit Thomas Tuchel die Erfahrung gemacht, dass junge, intelligente Trainer dies sehr schnell aufarbeiten können. Domenico hat den Beruf von der Pike auf gelernt, verfügt über eine zehnjährige Trainer-Erfahrung, und ich behaupte, dass er dahingehend vielleicht sogar mehr vorzuweisen hat als mancher ehemalige Bundesligaspieler, der unmittelbar nach einem DFB-Lehrgang Cheftrainer bei einem Bundesligisten wird. Das würde doch bedeuten, dass jeder gute Schüler später ein guter Lehrer wird. Ich bin anderer Meinung. Und man sieht, dass auch andere Vereine in diese Richtung denken.

bundesliga.de: Hoffenheim mit Julian Nagelsmann, Stuttgart mit Hannes Wolf...

Heidel: Ja. Heutzutage ist es durchaus möglich, einen Trainer mit großer Erfahrung im Trainer-Beruf erfolgreich die Verantwortung für eine Bundesligamannschaft zu übertragen, auch wenn er diese Arbeitsnachweise in einem Nachwuchsleistungszentrum und nicht in der Bundesliga gesammelt hat. Nicht zuletzt, weil dieser Trainer nahezu ausschließlich auf Spieler trifft, die dort ausgebildet worden sind. Deshalb sehe ich darin keinen Nachteil, sondern sogar einen Vorteil. Für die Öffentlichkeit mag es eine Umstellung sein, ich behaupte aber, dass Domenico nicht der letzte dieser Trainer-Gattung sein wird, der in der Bundesliga auftaucht.

bundesliga.de: Für Tedesco spricht auch, dass er Deutsch, Spanisch, Englisch, Französisch und Italienisch spricht. Sind Dolmetscher in Zukunft bei Schalke überflüssig?

Heidel: Lassen Sie mich zunächst anmerken, dass mir gerade auch sein beruflicher Weg imponiert. Er hat den Bachelor in Betriebswirtschaft sowie den Master in Innovationsmanagement und war zwei Jahre in einer guten Position für Mercedes tätig. Er ist also jemand, der über den Tellerrand hinausschaut. Und Sie haben Recht, in der Tat haben wir keinen Dolmetscher ins Trainingslager mitnehmen müssen. Domenico führt die Sitzungen in drei, vier Sprachen, ebenso coacht er am Spielfeldrand in mehreren Sprachen. Für unsere ausländischen Spieler ist das ohne Frage ein großer Vorteil.

bundesliga.de: Mit Harit, Insua und Oczipka gibt es bisher drei Neue. Reicht das die Abgänge sehr erfahrener Profis wie Huntelaar, Kolasinac, Aogo, Choupo-Moting und Badstuber aufzufangen, oder sehen Sie in Embolo und Coke zwei weitere faktische Neuzugänge?

Heidel: Unser Kader war im vergangenen Jahr auf eine Dreifachbelastung ausgelegt. Trotzdem war er damals bereits zu groß – was der Tatsache geschuldet war, dass wir auf die vielen, langwierigen Verletzungen reagieren mussten. Aus der so genannten ersten Elf der vergangenen Spielzeit haben wir mit Kolasinac und Choupo-Moting, der ebenfalls längere Zeit fehlte, dennoch lediglich zwei Spieler abgegeben, die drei genannten aber dazu geholt. Und in der Tat kommen Coke, der bereits Ende der vergangenen Saison etwas Einsatzzeit sammeln konnte, und Embolo nun zurück. Zudem haben im Trainingslager Weston McKennie und Luke Hemmerich, beide aus unserer U19, eine sehr gute Rolle gespielt. Deshalb sind wir davon überzeugt, dass wir mit dieser Mannschaft problemlos in die Saison gehen können. Eher könnte es noch den einen oder anderen Abgang auf Leihbasis geben, um den entsprechenden Spielern Spielpraxis zu ermöglichen.

„China? – Auf allen Ebenen war eine Steigerung zu spüren, ob nun bei der allgemeinen Aufmerksamkeit, bei den Einschaltquoten und gerade auch bei den Emotionen.“

bundesliga.de: Wie zufrieden sind Sie mit der Vorbereitung?

Heidel: Eigentlich lässt sich ein Urteil erst fällen, wenn man in die Saison gestartet ist, oder sogar erst nach einer Saison, wenn man das Ergebnis kennt. (lacht) Als Momentaufnahme kann ich aber sagen, dass alles sehr harmonisch abgelaufen ist, und wir eine überragende Atmosphäre haben. Der Trainer und sein Co-Trainer haben sich sehr schnell zurechtgefunden, und der Mannschaftsrat hat gar geäußert, dass man sich gar nicht groß habe umstellen müssen. Wie homogen diese Truppe tatsächlich ist, haben wir auf unserer China-Reise unter schwierigen Umständen bereits erlebt. Keiner hat gemeckert, alle haben um deren Notwendigkeit gewusst. Also hat jeder das Programm klaglos durchgezogen.

bundesliga.de: Wie bewerten Sie die Vorbereitung unter rein fußballerischem Aspekt?

Heidel: Die vergangenen vier Testspiele waren allesamt Spiele unter extremen Bedingungen. Die beiden Partien in China fanden bei subtropischen Temperaturen gegen zwei richtig starke Gegner statt (Besiktas Istanbul, 3:2 und Inter Mailand, 1:1; d. Red.), und gerade auch beim "Wasserball"-Spiel gegen Neftchi Baku (1:0; d. Red.) mussten widrigste Umstände bewältigt werden.

Video: Schalke-Fans in China

bundesliga.de: Dennoch schien die Spieler gerade in dieser Wasserschlacht gewillt, keinen einzigen Ball verloren zu geben...

Heidel: Das habe ich ganz genauso gesehen. Die Jungs haben wirklich alles gegeben. Gegen SD Eibar (1:0; d. Red) haben wir zwar kein gutes Spiel gemacht, aber die Mannschaft war nun einmal völlig platt. Gerade auch in Sachen Taktik hat sie sehr konzentriert gearbeitet, ob nun im Besprechungsraum oder auf dem Platz. Und es fällt auf, wie oft der Trainer auf dem Platz unterbricht, um einem Spieler unter vier Augen oder der gesamten Gruppe aufzuzeigen, was besser zu machen ist. Letztlich wird man aber erst beim Saisonauftakt gegen Leipzig sehen, welche Automatismen bereits umgesetzt werden. Das ist die große Kunst.

bundesliga.de: Sie haben die China-Reise bereits angesprochen. Wie wurde Schalke bei diesem zweiten Besuch innerhalb eines Jahres empfangen?

Heidel: Man darf nicht glauben, man fährt einmal nach China, und in den folgenden Jahren redet jeder nur noch über Schalke 04. Der zweite Besuch war die Konsequenz aus dem ersten. Das Erfreuliche ist, dass auf allen Ebenen eine Steigerung zu spüren war, ob nun bei der allgemeinen Aufmerksamkeit, bei den Einschaltquoten und gerade auch bei den Emotionen. Es gibt immer mehr Leute, die dort in Schalke-Trikots herumlaufen. Und auch abseits der Spiele, etwa auf Sponsoren-Veranstaltungen oder beim Besuch in einer Fußballschule, hat man deutlich gemerkt, dass wir nicht das erste Mal dort waren. Die Menschen wissen sehr viel über Schalke 04. Ganz sicher waren wir nicht das letzte Mal in China. Nicht nachvollziehen kann ich die Diskussionen um diese Reise und um die Befindlichkeiten von Schalke 04, von Borussia Dortmund oder vom FC Bayern München (beide Clubs waren ebenfalls in China; d. Red.). Hätte man wegen der Reise kein Trainingslager absolvieren können, wäre es etwas Anderes. Wir waren aber gerade einmal sechs Tage dort. Und sollten wir dennoch zum Saisonauftakt nicht überzeugen können, wird das ganz gewiss niemand auf diese sechs Tage zurückführen.

"Unser Ziel ist es, dass wir ins deutlich verbessern, um so, nach einem Jahr Pause, wieder europäisch spielen zu dürfen. Das ist einfach das Selbstverständnis von Schalke 04“

bundesliga.de: Der Auftaktgegner heißt RB Leipzig...

Heidel: ..., was bedeutet, dass wir gegen die zweitbeste Mannschaft der vergangenen Saison antreten müssen. RB hat keine nennenswerten Abgänge zu verzeichnen, aber einige hochkarätige Zugänge. Und für mich steht völlig außer Frage, dass diese Mannschaft erneut ein heißer Kandidat auf die Champions League-Plätze sein wird. Dass es nichtsdestotrotz sehr schwierig werden wird, ist uns absolut bewusst. Wir werden uns sehr akribisch vorbereiten, und jeder in der Veltins-Arena soll spüren, dass es uns ein großes Anliegen ist, eine erfolgreiche Saison zu spielen.

bundesliga.de: Wie definieren Sie "erfolgreich"?

Heidel: Wenn man in der vergangenen Saison fünf Punkte hinter den internationalen Plätzen gelandet ist, bedeutet das, dass man keine Lichtjahre von diesen Rängen entfernt war. Nichtsdestotrotz hört sich Platz zehn sehr schlecht an und ist auch schlecht für Schalke 04. Unser Ziel ist es, dass wir ins deutlich verbessern, um so, nach einem Jahr Pause, wieder europäisch spielen zu dürfen. Das ist einfach das Selbstverständnis von Schalke 04.

Das Gespräch führte Andreas Kötter