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Neapel - Es kommt nicht allzu oft vor, dass die Spieler des FC Bayern schon bei der Platzbegehung von rund 45.000 gegnerischen Fans gnadenlos ausgepfiffen werden. Eineinhalb Stunden vor Spielbeginn herrscht in den meisten Arenen in Europa noch gähnende Leere. Nicht so beim SSC Neapel im Stadion San Paolo.

Denn am Fuße des Vesuv ist Fußball nicht nur eine Religion. Für die Neapolitaner ist der Fußball einfach alles. Es ist das Herz, ohne das sie nicht leben könnten. Und das wurde gegen den FC Bayern wieder einmal lautstark zum Ausdruck gebracht. Doch den Rekordmeister ließ die Kulisse in diesem Hexenkessel scheinbar kalt. Mit dem 1:1 waren die Hausherren gut bedient. Lob kam deshalb von höchster Stelle.

"Es hat richtig Spaß gemacht"

"Es war sicherlich schwierig, gegen diese heißblütigen Tifosi anzuspielen. Aber die Mannschaft hat sich diesen Punkt mehr als verdient. Sie reift immer mehr", sagte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge.

Wer erwartet hatte, dass die Münchner auf dem Platz vor Ehrfurcht erstarren, sah sich von der ersten Minute an getäuscht. Denn die Stimmung wirkte eher förderlich. "Es hat richtig Spaß gemacht", freute sich Thomas Müller.

Für Torwart Manuel Neuer kam die bestandene Nagelprobe aber nicht überraschend: "Es war schon schwierig, hier zu bestehen. Aber wir haben viele erfahrene Nationalspieler in unseren Reihen. Deshalb war mir von vorneherein klar, dass wir auch in diesem Hexenkessel kühlen Kopf bewahren werden."

Cavani und Co. harmlos

Für Neuer persönlich verlief der Abend aber nicht ganz so gut. Erstmals seit dem 7. August musste der Torwart wieder einen Ball aus dem Netz holen - 1147 Minuten blieb Neuer in Pflichtspielen ohne Gegentor.

"Der Gegentreffer ist keine Erlösung, das war auch nicht wichtig für mich. Wichtig war, dass wir das Spiel hier gewinnen", stellte Neuer klar. Dabei war es noch nicht einmal ein Gegner, der ihn bezwungen hat, sondern Holger Badstuber mit einem Eigentor.

Vor dem Anpfiff wurde die Offensive der Hausherren um Edinson Cavani noch gepriesen, im Spiel war von der Herrlichkeit aber nichts zu sehen. Gerade einmal drei Schüsse feuerten die "Hellblauen" ab - den letzten davon in der 21. (!) Minute. Die Bayern schossen 15 Mal aufs gegnerische Tor.

Weiter auf Achtelfinalkurs

Ihre Dominanz konnten die Münchner aber in diesem Spiel nicht in Zählbares ummünzen. Richtig enttäuscht war aber niemand. "Wir müssen gewinnen. Bis zum 1:1 haben wir nichts zugelassen. Und auch danach waren wir in der zweiten Halbzeit sehr dominant und hatten das Spiel im Griff", analysierte Torschütze Toni Kroos.

Thomas Müller war ob der vergebenen Chancen ein bisschen angesäuert: "Wir können mit dem Unentschieden zufrieden sein, nicht mehr und nicht weniger. Wir hatten eine Vielzahl an guten Möglichkeiten. Deshalb ist schon ein bisschen Wehmut dabei, dass wir Punkte liegengelassen haben".

Mit dem Remis führt der Rekordmeister dennoch weiterhin die Gruppe an. Das Achtelfinale soll nun schon bald klar gemacht werden. "Wir haben jetzt zwei Heimspiele. Da müssen wir ausreichende Punkte einfahren, um uns vorzeitig zu qualifizieren. Die Tür zum Achtelfinale steht offen, wir müssen nur durchgehen", forderte Rummenigge.

Aus Neapel berichtet Michael Reis