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So richtig glücklich hat Zdravko Kuzmanovic nicht ausgesehen, kurz nach seinem großen Auftritt. Alle Gliedmaßen von sich gestreckt lag der junge Serbe auf dem Rasen der Mercedes-Benz Arena. Mit schmerzverzerrten Zügen blickte er in die Gesichter seiner Mitspieler, die ihm einen Krampf aus der Wade drückten.

Es war die Erschöpfung nach einem Kraftakt, die dem Mittelfeldspieler des VfB Stuttgart ins Gesicht geschrieben stand. Augenblicke zuvor, in Minute 83 der Partie gegen Borussia Mönchengladbach, hatte er den Ball zum entscheidenden 2:1 im Gäste-Gehäuse versenkt und damit für Jubelstürme in der schwäbischen Metropole gesorgt.

Charakteristisches Bild für die Rückrunde

Kuzmanovic hatte mit seinem Treffer die Partie gedreht, der VfB seine Comebackqualitäten unter Beweis gestellt - wieder einmal. Das Bild des gequälten Serben auf dem Rasen war charakteristisch für den VfB Stuttgart in dieser Rückrunde. Kuzmanovic und seine Mannschaftskollegen waren an ihre Grenzen und ein Stückweit darüber hinaus gegangen. Und kurz vor Schluss belohnten sie sich selbst für ihren Einsatz. "Es war ein Sieg des Charakters" stellte Trainer Christian Gross fest.

Wie schon gegen den FC Bayern in der Vorwoche gerieten die Stuttgarter gegen Gladbach in Rückstand. Marco Reus traf in der 33. Minute nach einem Stellungsfehler Serdar Tascis. Und wie schon in der Vorwoche kamen die Stuttgarter zurück: Mit Vehemenz drängten die Schwaben auf den Ausgleichstreffer, investierten läuferisch und kämpferisch viel gegen die tiefstehenden Gäste. Und als Ciprian Marica den Ausgleichstreffer erzielt hatte (66.), da gaben sich die Kicker mit dem roten Brustring noch nicht zufrieden.

"Da müssen wir fünf Siege feiern"

"Charakter gezeigt", habe das Team, stellte auch Marica nach dem Erfolg fest, der den VfB weiter von Europa träumen lässt. Einen Punkt Rückstand haben die Schwaben auf Platz 6, vier Punkte sind es auf den 5. Platz. Angesichts der VfB-Form in der Rückrunde muss der Weg nach oben noch nicht zu Ende sein. "Wir haben noch fünf Spiele", sagt Kuzmanovic: "Da müssen wir fünf Siege feiern."

Die Statements der Spieler klingen selbstbewusst. "Wenn wir die verbleibenden Spiele gewinnen, ist noch alles drin", meinte der erneut starke Christian Träsch. Es ist das Selbstbewusstsein, das nur eine Mannschaft an den Tag legen kann, die sich gefunden hat. Die aber auch ein gesamtes Halbjahr damit verbracht hat, sich zu suchen. Anders als in der Hinrunde greifen beim VfB die Automatismen trotz eines Rückschlags. Die Bereitschaft, Fehler von Mitspielern durch ein paar Extrameter auszubügeln, ist bei jedem Einzelnen wieder da - und mit ihr der Erfolg. Es ist die Erkenntnis einer Mannschaft, die schon in vergangenen Jahren nur dann erfolgreich war, wenn das Kollektiv glänzte und nicht alleine die Ballzauberer.

Gross erwartet Veränderungen

Den Blick auf die Realität verstellen die Ergebnisse den VfB-Verantwortlichen trotzdem nicht. Spielerisch war der Auftritt gegen Gladbach keine Offenbarung. Dass die Nationalspieler Sami Khedira, Alexander Hleb und Cacau fehlten, merkte man dem Spiel der Gross-Truppe an.

Ohne die Stars fehlten dem VfB entscheidende Nuancen in verschiedenen Bereichen, sei es im Spielaufbau oder in der Chancenverwertung. Weil feststeht, dass zumindest Hleb und Cacau den VfB nach der Saison verlassen werden, beginnt im Endstadium einer schon verloren geglaubten Saison bereits die Planung für die kommende Spielzeit. Der Schweizer Gross hatte bereits unter der Woche verkündet, dass er große Veränderungen auf den Verein zukommen sehe. "Die Mannschaft wird ein neues Gesicht bekommen", sagte der 56-Jährige der "Stuttgarter Zeitung".

Ob diese Mannschaft dann auf internationalem Parkett vertreten sein wird, darüber entscheidet allerdings die Leistung des jetzigen Teams. Werden die anstehenden Spiele gegen Berlin (A), Bayer 04 (H), Bochum (A), Mainz (H) und Hoffenheim (A) also zur Charakterfrage? "Wir alle", betont Gross und klingt sehr glaubwürdig dabei, "arbeiten auf ein Ziel hin."

Andreas Messmer