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Dortmund - Es sind die über vier Millionen Fans, die Borussia Dortmund zu einem einzigartigen Verein machen. Für diese treue Fangemeinde ist die Borussia mehr als dankbar. Deshalb hat sich der BVB jetzt entschieden, auch Fans, die in ihrer Euphorie ein Stadionverbot provoziert haben, die Chance auf einen Neuanfang zu bieten. In einem Pilotprojekt sollen Jugendliche und Ersttäter durch Sozialarbeit den Weg zurück in den Signal Iduna Park finden.

An der Spitze der schwarzgelben Fanszene stehen die Ultras. Die Fans, die jedes Spiel und jedes Event des BVB wahrnehmen. Diejenigen, die im Stadion stimmungs- und taktgebend sind. Ohne sie, das weiß auch der BVB, wäre ein Besuch im Signal Iduna Park nur halb so erlebnisreich.

Chance für Ersttäter

Deshalb hat sich die Geschäftsführung nun dem größten Problem auf der Agenda der Ultras angenommen: Stadionverbote. Zwar ist ein Großteil der "Täter", denen ein Stadionverbot auferlegt wird, nicht einmal einer dieser Ultra-Fans. Dennoch wissen die BVB-Anhänger genau, dass ein verpasstes Spiel ihres Klubs die Höchststrafe ist.

Nun sollen Ersttäter die Chance erhalten, ihr Vergehen wieder gut zu machen und ihre Strafe auszusetzen, indem sie soziale Arbeit in Dortmunder Einrichtungen ableisten. Zur "Belohnung" dürfen sie dann wieder ihre Borussia im Stadion anfeuern.

Propst Coersmeier vermittelt zwischen Verein, Polizei und Ultras

Schon vor einigen Monaten bat die Borussia daher Ultras und Polizei an den "Runden Tisch". In der Diskussionsrunde sollte vor allem gegenseitiges Verständnis für die jeweiligen Positionen herausgearbeitet werden. Denn bislang trafen Fans und Polizisten an den Spieltagen ausschließlich in höchst konfrontativen Situationen aufeinander. Deren schlimmste Folge dann ein Stadionverbot bedeutete.

Da die drei Parteien aus Verein, Polizei und Ultras jeweils andere Interessen vertreten, wurde mit Propst Andreas Coersmeier eine neutrale Meinung in die Runde geholt. Der bekennende BVB-Fan und Dortmunder Stadtdechant soll im Falle von Stadionverboten objektiv, sachlich und abgefedert urteilen. "Andreas Coersmeier ist von allen Seiten geachtet, ein Mann Gottes und ein Mann des Wortes", erklärt Hans Joachim Watzke die Entscheidung, den Propst mit ins Boot zu holen.

Ligaweit einzigartiges Projekt

Natürlich muss und will sich der BVB weiterhin an die Richtlinien zum Stadionverbot halten und hat als Hausherr stets das Hausrecht. Dennoch möchte man den treuen Fans mit diesem ligaweit einzigartigen Projekt entgegen kommen. Sollte ein junger BVB-Fan also kurz vor einem Stadionverbot stehen oder dieses schon seit einiger Zeit absitzen, weil er in eine Prügelei geraden ist, Becher geworfen oder Feuerwerkskörper gezündet hat, kann er beim Verein einen Antrag auf Aussetzung seines Verbots stellen.

Dann entscheidet Borussia Dortmund zusammen mit Andreas Coersmeier: Bekommt er das Zugeständnis, muss der Fan in einem Dortmunder Altenheim oder einer Jugendhilfeeinrichtung hausmeisterliche oder handwerkliche Tätigkeiten übernehmen. Für jeden ausgesetzten Monat veranschlagt der BVB etwa drei Arbeitsstunden, sodass der Fan nach gut einer Woche gemeinnütziger Arbeit wieder zurück ins Stadion darf. "Die Motivation ist eine ganz andere, als wenn der Jugendliche die Sozialstunden vom Gericht aufgebrummt bekommt. Schließlich will er ja zurück ins Stadion", sagt Christian Hockenjos, Leiter Organisation und Verwaltung bei Borussia Dortmund.

Strafmaß für die Fans soll gerecht sein

Jeder Fall wird einzeln beurteilt, das ist sowohl dem Verein als auch den Ultras ganz wichtig. Denn die Betroffenen fühlten sich zuletzt zu sehr über einen Kamm geschert. "Die Ultras sollen ein Gefühl der Gerechtigkeit erleben", sagte Hans Joachim Watzke. Genauso gerecht soll auch das Strafmaß für die Fans sein.

Die Zahl der Betroffenen ist gemessen an der Anzahl der BVB-Fans und der Stadionkapazität aber mehr als überschaubar. Rund 200 der 3.000 aktuellen Stadionverbote in der Bundesliga wurden gegen Borussen erhoben. Davon sprach der BVB rund 100 selbst aus, die andere Hälfte kam über andere Vereine. Das Pilotprojekt gilt aber zunächst nur für die vom BVB ausgesprochenen Verbote und für junge Leute, denen erstmals der Eintritt ins Stadion verwehrt ist.