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Duisburg - Bernard "Ennatz“ Dietz weiß, wie sich Erfolge bei großen Turnieren anfühlen. 1980 führte der Abwehrspieler die deutsche Nationalmannschaft als Kapitän zum Titel. Im Interview mit bundesliga.de spricht der 66-Jährige über die Chancen Deutschlands beim WM-Turnier in Brasilien, blickt voraus auf die Partie gegen Algerien und verrät seine Favoriten auf den Titel. 

bundesliga.de: Herr Dietz, wie zufrieden sind Sie bislang mit dem Auftritt der deutschen Mannschaft bei dieser Weltmeisterschaft?

Bernard Dietz: Die Vorrunde war auch früher für mich immer eine Gelegenheit, sich einzuspielen. Wenn man da mal daneben liegt, kann man das immer noch korrigieren. Wenn jetzt mit dem Achtelfinale gegen Algerien die K.o-Runde beginnt, wird sich zeigen, wie gut die Mannschaft wirklich ist. Jetzt kommt es drauf an, jetzt muss man topfit sein und darf sich keinen Fehler mehr erlauben. 

bundesliga.de: Wie schätzen Sie die Partie gegen Algerien ein?

Dietz: Ich habe das letzte Spiel der Algerier gegen Russland gesehen und die Leistung hat mir keine Angst gemacht. Wenn wir unsere Normalform auf den Platz bringen und die richtige Einstellung zeigen, müssten wir eigentlich eine Runde weiter kommen. Ich tippe auf einen 3:1-Sieg für Deutschland. Aber solche Tipps gibt man ja immer auch mit dem Herzen ab (Vorfreude auf das Achtelfinale gegen Algerien).

bundesliga.de: Algerien weckt unangenehme Erinnerungen, wenn man an die 1:2-Niederlage bei der WM 1982 denkt. Hat die Mannschaft vielleicht sogar das Potenzial zum Angstgegner?

Dietz: Das wäre übertrieben! Aber man muss sich natürlich darauf einstellen, dass die Algerier hungrig sein werden und bis auf des Messers Schneide kämpfen werden. Da musst du schon dagegen halten. Du darfst auf keinen Fall auf den Platz gehen und meinen, dass machen wir mal eben so. Aber so klug sind unsere Jungs auch, dass sie genau wissen, um was es geht. Sie machen auch nicht den Fehler, den einige von uns bei der WM 1978 in Argentinien gemacht haben.

bundesliga.de: Was meinen Sie?

Dietz: Da war der eine schon vorher der Meinung, er wird die Entdeckung des Turniers, der andere war überzeugt, Torschützenkönig zu werden. Und dann haben die Spieler für sich gespielt, aber nicht für die Mannschaft. Das ist heute nicht der Fall. Bei dieser deutschen Mannschaft hat man den Eindruck, dass sie zusammen gehören. Und dass sie vor allem auch alle wissen, dass sie dann großen Erfolg haben können, wenn alle zusammen harmonieren.

bundesliga.de: Gibt es einen Spieler bei Algerien, auf den die deutsche Mannschaft besonders achten muss?

Dietz: Ich glaube, dass es in erster Linie die Leidenschaft der gesamten Mannschaft ist, die den Gegner stark macht. Aber auch wenn kein Spieler besonders herausragt, darf man nicht vergessen, dass heute fast alle Spieler Algeriens in europäischen Teams spielen. Früher hat man die Nordafrikaner manchmal noch belächelt, aber heute kennen sie den europäischen Fußball sehr gut und haben ihn teilweise auch selbst verinnerlicht. Sie bringen einiges mit und wir dürfen Algerien auf keinen Fall unterschätzen.

bundesliga.de: Wenn man sich bislang die Leistungen der anderen Mannschaften bei diesem Turnier anschaut, zählt Deutschland dann für sie zum engsten Favoritenkreis auf den Titelgewinn?

Dietz: Deutschland zählt für mich bei großen Turnieren auch im Vorfeld eigentlich immer zum Favoritenkreis. Wir sind unter den Top 3 der Weltrangliste. Da wäre es doch schizophren, in so ein Turnier zu gehen mit dem Vorsatz, vielleicht ein bisschen mitspielen zu können. Deutschland kann Weltmeister werden, die Qualität ist auf jeden Fall da. Das müssen wir aber eben jetzt auch in der K.o-Runde zeigen. Und wir müssen mal schauen, mit welchen Gegnern wir es noch zu tun bekommen.

bundesliga.de: Im Viertelfinale könnte es zum Duell mit Frankreich kommen.

Dietz: Frankreich hatte in den letzten Jahren Probleme, weil sie keine wirkliche Mannschaft waren. Aber wie es scheint, haben sie die Kurve bekommen. Didier Deschamps ist offenbar der richtige Mann auf der Trainerbank und hat Ordnung hinein gebracht. Die Jungs marschieren zusammen und bilden eine echte Einheit. Das macht sie stark.

bundesliga.de: Bei der deutschen Mannschaft musste kurzfristig vor dem Turnier Marco Reus passen. War das für Sie eine Schrecksekunde oder waren Sie davon überzeugt, dass Deutschland trotzdem groß aufspielt?

Dietz: Marco Reus ist ein Superfußballer, eine absolute Bereicherung und hätte auch sehr gut in diese Mannschaft hinein gepasst. Aber wir haben eine so große Auswahl an guten Fußballern. Ich habe mal behauptet, wir wären sogar in der Lage, zwei gute Mannschaften zu stellen. Man muss die Spieler nur richtig einsetzen und die richtige Mischung finden.

bundesliga.de: Apropos Mischung: Jogi Löw setzt in der Abwehr auf eine Kette aus vier Innenverteidigern, was nicht bei jedem Experten auf Zustimmung stößt. Was sagen Sie?

Dietz: Ich war überrascht, aber es passt. Höwedes und Boateng können über außen gehen, wissen aber auch jederzeit, wie sie sich innen zu verhalten haben. Da muss ich Löw Respekt zollen, das war für die ersten Spiele eine gute Idee.

bundesliga.de: Noch ein letztes Wort zu anderen Turnierfavoriten - außer Deutschland?

Dietz: Der Geheimfavorit bleibt für mich Belgien. Marc Wilmots hat da eine richtig tolle Truppe zusammen. Belgien hat zwar in der Vorrunde keine überragenden Spiele gemacht, aber neun Punkte geholt. Wenn die Mannschaft sich jetzt noch weiter findet und anfängt, guten Fußball zu spielen, muss man ihr einiges zutrauen. Bei Brasilien hat man gesehen, dass die Mannschaft ganz stark von Neymar abhängig ist und von ihm lebt. Und man spürt immer wieder, unter welchem Druck die Mannschaft im eigenen Land steht. Dazu schätze ich Argentinien noch stark ein. Die Südamerikaner muss man generell auf dem Zettel haben.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte