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Leverkusen ist keine Groß- und schon gar keine Weltstadt. Bei rund 162.000 Einwohnern geht es im Schatten der Millionenstadt Köln rechts des Rheines eher beschaulich zu. Dennoch: Als Rene Adler im Jahr 2000 mit 15 Jahren in Leipzig seine Koffer packte und als hoffnungsvoller Nachwuchstorhüter nach Leverkusen zog, war alles neu, alles unbekannt.

Gut für Adler, dass er Rüdiger Vollborn, den Torwarttrainer von Bayer 04 Leverkusen und Elfmeterheld des UEFA-Pokal-Triumphs von 1988, von diversen DFB-Lehrgängen der U 15 schon kannte.

"Habe den künftigen Nationaltorwart gesehen"

Und weil beim Werksclub junge Nachwuchsspieler, die nicht aus dem Rheinland oder der näheren Umgebung kommen, in Gastfamilien untergebracht werden, zog Adler, der Lehrling, bei Vollborn, dem Meister, ein.

Vollborn war es auch, der Adler überhaupt von einem Wechsel zu Bayer überzeugt hatte. "Zu Rüdiger habe ich ein ganz besonderes Verhältnis. Er war für meine Karriere schon eine treibende Kraft. So auch bei meinem Wechsel vom VfB Leipzig nach Leverkusen. Ich hatte damals ja noch viele andere Optionen", sagt der 23-Jährige bei bundesliga.de.

Für Vollborn war bereits nach der ersten Begegnung klar, welches Juwel er da als Trainer bei der U 15 des DFB gesichtet hatte. "Nach dem ersten Training habe ich abends zu meiner Frau gesagt: 'Ich habe den künftigen Nationaltorwart gesehen'", verrät der 45-Jährige im Interview mit bundesliga.de.

Adler als "vollwertiges Familienmitglied "

Auf Bayer-Kosten wurde der Dachboden der Vollbornschen Unterkunft ausgebaut, Adler bekam sein eigenes kleines Reich mit Wohn-, Schlaf- und Badezimmer, steckte die Füße aber gemeinsam mit Vollborn, dessen Frau und zwei Söhnen - damals acht und sechs Jahre alt - unter den Esstisch.

"Ich habe mich da wirklich jedes Jahr, jeden Tag wohl gefühlt, habe mich als vollwertiges Mitglied der Familie gesehen. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich aus einer intakten Familie aus Leipzig wieder in ein intaktes Umfeld gekommen bin und mich somit einfach besser entwickeln konnte", blickt Adler zurück.

Vier Jahre lebte Adler bei den Vollborns, nach seinem Abitur im Sommer 2004 zog er aus. Die Reifeprüfung lag besonders seinen Eltern in Leipzig am Herzen. "Die einzige Forderung, die sie aufgestellt haben, war, dass Rene das Abitur machen sollte. Das war unser oberstes Gebot und darauf haben wir sehr viel Wert gelegt", betont der "Ziehvater".

Für Vollborn ist Adler "wie ein Sohn"

An Probleme mit dem Teenager in der Pubertät kann sich Vollborn nicht erinnern: "Rene war nie aufsässig, hat nie über die Stränge geschlagen. Natürlich hat er auch mal eine Freundin mit nach Hause gebracht, aber da gab es nie Schwierigkeiten."

Und Vollborn betont, keine Unterschiede zwischen Adler und seinen leiblichen Söhnen gemacht zu haben: "Er war für mich wie ein Fußball spielender Sohn, den ich zufällig nebenbei auch selbst trainiert habe." Nach wie vor spricht er von Adler als "meinem Jungen".

Das mit dem "nebenbei" scheint allerdings kräftig untertrieben, Vollborns Trainingsarbeit trägt Früchte. Inzwischen ist der 23-jährige Adler Stammtorhüter in Leverkusen und nach dem erfolgreichen Einstand gegen Russland auf dem besten Weg, sich als Deutschlands Nummer eins zu etablieren.

"Im Moment braucht er mich noch"

"Ich glaube nicht, dass sich bei normalem Verlauf an diesem Status noch einmal etwas ändern wird. Rene ist einfach besser als seine Konkurrenten", sagt Vollborn gegenüber bundesliga.de. Adlers Leistung im Russland-Spiel, bei dessen Beobachtung er "wahrscheinlich nervöser als Rene selbst" war, sah er zwar "nicht so euphorisch wie alle anderen".

Dennoch ist Vollborn sicher: "Das war erst der Anfang von dem, was wir in den nächsten Jahren von ihm zu sehen bekommen". Bis 2012 steht Adler bei Bayer noch unter Vertrag. Von einem vorzeitigen Wechsel rät Vollborn ihm ab.

"Rene hofft ja immer, dass ich mitgehe, dann wäre es für ihn einfacher. Aber da muss er sich mit meiner Familie auseinandersetzen. Im Moment braucht er mich noch, daher wäre es zu früh, den Club zu verlassen."

Denis Huber