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Jörg Berger wurde gern als "Feuerwehrmann" bezeichnet. Als Retter in der Not. Er sollte so manche abstiegsbedrohte Mannschaft noch ans sichere Ufer geleiten. Oft ist es ihm gelungen, aber nicht immer. Dennoch weiß kaum jemand besser, was in den Köpfen der Spieler, Trainer und Verantwortlichen der abstiegsgefährdeten Vereine vorgeht.

Mit bundesliga.de spricht er über die Situation in Berlin, Hannover, Freiburg und andernorts. Er widmet sich aber auch erfreulicheren Themen. Als ehemaliger Trainer der FC Schalke 04 zieht er seinen Hut vor der Arbeit von Felix Magath und spricht über die Titelchancen der "Knappen". Auch für seinen Ex-Club Eintracht Frankfurt hat Berger nur lobende Worte parat.

bundesliga.de: Hertha gegen Schalke. Da prallen zwei Welten aufeinander. Wird dies am Ende auch das Ergebnis widerspiegeln?

Jörg Berger: Hertha spielt zuhause. Also für Hertha ist es wahrscheinlich die letzte große Chance, noch mal den Rückstand auf die Konkurrenz verkürzen zu können. Ich denke aber, nach der Niederlage in Hannover - die natürlich ein bisschen Unruhe gebracht hat - ging ein Ruck durch die Schalker Mannschaft und ich gehe davon aus, dass sie nicht noch einmal verlieren in dieser Saison. Hertha ist im Moment einfach auswärts stärker als zuhause. Die werden mit dem Druck zuhause einfach nicht fertig. Ich denke, dass Schalke knapp gewinnen wird.

bundesliga.de: Friedhelm Funkel hat in 27 Spielen als Trainer gegen Schalke nur zwei Mal gewonnen. Gibt es für Trainer Ihrer Erfahrung nach auch Angstgegner?

Berger: Nein, das würde ich so nicht sagen. Aber die Berliner Mannschaft ist zu Saisonbeginn einfach stärker eingeschätzt worden. Ich schätze sie noch immer nicht als eine Mannschaft ein, die auf einem Abstiegsplatz stehen muss. Aber wenn man einmal da unten drinsteckt, ist es schwer, aus diesem Strudel herauszukommen. Friedhelm Funkel hat ja Erfahrung im Abstiegskampf. Ich denke auch, dass es die richtige Entscheidung war, ihn zu holen. Nur, wenn man so viele Chancen auslässt wie die Hertha, dann kannst du als Trainer noch so viel erzählen und noch so viel Positives rausholen, am Ende verlierst du, weil du deine Chancen ungenutzt lässt. Die haben es versäumt, einen oder zwei richtige "Knipser" zu holen. Mit einem richtigen Torschützen hätte es vielleicht bedeutend besser aussehen können bei der Hertha.

bundesliga.de: Wie groß schätzen Sie die Meisterschaftschancen der Schalker ein?

Berger: Da ist alles noch drin. Obwohl es für Schalke natürlich immer schwerer wird, diese Bayern noch von Platz 1 zu verdrängen. Die Münchner strotzen vor Selbstvertrauen, die spielen ihren Fußball und ihr System. Auch wenn sie nicht jedes Mal besonders attraktiv spielen, die Bayern sind so unglaublich erfolgreich in den vergangenen Wochen, da wird es für Schalke ganz schwer. In Berlin muss Schalke daher unbedingt gewinnen. Sonst wird die Distanz zu groß. Die Niederlage in Hannover hat da einfach weh getan.

bundesliga.de: Hätten Sie damit gerechnet, dass Schalke unter Felix Magath auf Anhieb so gut oben mitspielen würde?

Berger: Nein. Das muss ich ganz ehrlich sagen. Das ist ein großer Erfolg. Wir sprechen jetzt über die Meisterschaft. Wenn diese Mannschaft international dabei ist, dann ist das ein großer Erfolg. Und das werden sie wohl schaffen. Das ist großartig, was Felix Magath dort leistet.

bundesliga.de: Sie selbst haben viel Erfahrung im Abstiegskampf gesammelt. Wie schätzen Sie die Stimmungslage in Berlin, Freiburg, Hannover und bei den anderen gefährdeten Teams ein?

Berger: Ich denke, dass Freiburg immer ruhig geblieben ist. In Freiburg ist es nie hektisch geworden. Da ist die Stimmung verhältnismäßig positiv. In Hannover hat sich das durch den Sieg gegen Schalke wieder verbessert. Damit hatte nun wirklich niemand gerechnet. Ich lasse mal diese hohe Niederlage in München weg. Du kannst in München verlieren. Wobei du natürlich nicht so hoch verlieren darfst. Aber nach dem sensationellen Sieg gegen Schalke hat das schon weh getan. Die Stimmung ist schlecht in Berlin. Die Stimmung ist schlecht in Bochum. Wobei man sich dort im Umfeld wundert, dass es weiterhin so ruhig im Verein bleibt. Das ist nicht alltäglich. In Nürnberg herrscht eine ganz gefährliche Stimmung. Da hatte man schon gedacht, man hätte es geschafft und wäre auf der sicheren Seite. Also es ist ganz unterschiedlich. Allerdings herrscht bei keinem der Vereine Panikstimmung. Das ist etwas Neues. Man hat zwar Trainer gewechselt, aber eben nicht noch einmal kurz vor Saisonschluss. Niemand ist in Panik verfallen. Das ist nicht alltäglich.

bundesliga.de: Kann Hannover nach dem Debakel von München in Leverkusen ein Befreiungsschlag gelingen?

Berger: Jetzt kommt ein wichtiges Spiel in Leverkusen. Bayer ist auch nicht mehr so gefestigt. Ich denke doch, dass Hannover da unten drin bleibt - bis zum Schluss. Ich muss auch ganz klar sagen, dass ich ihnen in Leverkusen auch keine Chancen ausrechne. Durch diese hohe Niederlage in München ist sicher Unruhe reingekommen.

bundesliga.de: Ein Club, mit dem Sie auch sehr viel verbindet ist Eintracht Frankfurt. Kann die Eintracht die internationalen Plätze noch erreichen?

Berger: Also wenn Frankfurt international spielen sollte, dann wäre das einer der größten Erfolge der vergangenen Jahre. Damit konnte niemand rechnen, dass die Mannschaft und der Trainer solch eine Saison hinlegen. Aber egal, wie es am Ende ausgeht, für mich ist es ganz außergewöhnlich, was Frankfurt in dieser Saison erreicht hat. Ich rechne nicht damit, dass sie international dabei sein werden. Aber selbst wenn dem so sein sollte, sie haben eine ganz tolle Saison gespielt.

Das Gespräch führte Sebastian Stolz