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Wenn es um Olympique Lyon geht, werden bei Ottmar Hitzfeld schnell Erinnerungen wach.

Der damalige Bayern-Präsident Franz Beckenbauer hatte nach dem 0:3 in Lyon im März 2001 eine inzwischen legendäre Brandrede gehalten. Worte wie "Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft" und "Altherrenfußball" fielen. Zwei Monate später gewannen die Bayern die Champions League - unter dem Trainer Hitzfeld.

Ist Lyon also grundsätzlich ein gutes Omen für die Münchner? bundesliga.de sprach mit Hitzfeld über den FC Bayern von damals und von heute und die Aussichten auf den großen Coup in der "Königsklasse" im Jahr 2010.

bundesliga.de: Herr Hitzfeld, bei dem Namen Olympique Lyon werden bei Ihnen Erinnerungen wach, oder?

Ottmar Hitzfeld: Natürlich. Wenn man Lyon hört, weiß man immer, dass man sich da mal blamiert hat und 0:3 verloren hat. Aber trotzdem haben wir danach die Champions League gewonnen, von daher sind das auch positive Erinnerungen.

bundesliga.de: Würden Sie sagen, dass ohne diese Niederlage der Champions-League-Sieg damals nicht zustande gekommen wäre?

Hitzfeld: Nein, das denke ich nicht. Auch wenn wir in Lyon vielleicht unentschieden gespielt oder knapp verloren hätten, hätten wir zu dem Zeitpunkt auch so das Rüstzeug, die Substanz und die Geschlossenheit innerhalb der Mannschaft gehabt, um die Champions League zu gewinnen.

bundesliga.de: Aber die Pleite und die Rede danach haben trotzdem für einen Schub und mehr Aggressivität gesorgt?

Hitzfeld: Das Lyon-Spiel war damals ein Spiegelbild der Saison. In der Saison haben wir auch Bundesligaspiele zum Beispiel gegen Rostock verloren. Wenn man sehr viele Spiele hat, gehört so etwas dazu. Man kann nicht alle Spiele gewinnen, es gibt immer wieder Rückschläge. Aber die Stärke der Mannschaft seinerzeit war die mentale Stärke, der Umgang mit Niederlagen und die Reaktion danach. Wir haben nach diesem Tiefpunkt mehr Sicherheit entwickelt, haben uns in der Bundesliga wieder herangekämpft. Es war keine einfache Saison, aber solche Niederlagen formen eine Mannschaft und sind eine Chance näher zusammenzurücken. Als Trainer ist mir so eine richtige Niederlage mit anschließendem Krach manchmal lieber, dann kann man die Reaktion abwarten.

bundesliga.de: Sehen Sie Parallelen zwischen der damaligen Sieger-Mannschaft und dem heutigen Team?

Hitzfeld: Die Bayern sind jetzt erst im Halbfinale. Aber man kann schon erkennen, dass auch die jetzige Mannschaft eine sehr gute Winner-Mentalität hat. Sie sind oft in Rückstand und biegen Spiele noch um. In Manchester war der FC Bayern kurz vor der Halbzeit fast ausgeschieden, hat dann das 1:3 geschafft und danach noch das 2:3 herausgespielt. Das ist eine großartige Leistung. Die Mannschaft hat auch so ein Sieger-Gen wie die Mannschaft damals, sie ist total überzeugt.

bundesliga.de: Ist denn auch der Sieg in der "Königsklasse" drin, oder ist die Mannschaft Außenseiter?

Hitzfeld: Es kommt auf den Finalgegner an. Gegen Lyon ist die Mannschaft aufgrund der Spielstärke leichter Favorit - auch wenn es nicht einfach wird, Halbfinals sind selbstverständlich immer hart umkämpft. Im Finale hätte man gegen Inter Mailand dann eine 50:50-Chance, gegen Barcelona wäre sicherlich Barca als zurzeit weltbeste Mannschaft der Favorit. Aber in einem Spiel ist immer alles möglich.

bundesliga.de: Besteht die Gefahr, dass die Mannschaft Lyon unterschätzt und schon ans Finale denkt?

Hitzfeld: Nein. Bayern hat erfahrene Spieler, der Trainer hat Erfahrung mit solchen Situationen und auch der gesamte Verein. Das Problem sehe ich nicht.

bundesliga.de: Worauf muss der FC Bayern bei Lyon besonders achten?

Hitzfeld: Man muss natürlich zuhause gewinnen, weil Lyon seinerseits sehr heimstark ist. Auswärts haben sie mehr Schwächen, da können sie sich in der Offensive oft nicht entscheidend durchsetzen und sind in der Defensive anfälliger. Madrid hatte ja durchaus einige Torchancen, und die Überraschung war nicht Lyons großartige Leistung, sondern eher, dass Real die Chancen ausgelassen hat. Die Bayern müssen aufpassen, dass sie sich nicht einlullen lassen. Lyon verzögert gern das Tempo, spielt manchmal gar nicht so richtig mit. Der FC Bayern wird das Spiel machen und 60 bis 65 Prozent Ballbesitz haben, aber sie dürfen sich in der Defensive nicht überraschen lassen. Denn mit Lisandro Lopez hat Lyon einen überragenden Stürmer.

bundesliga.de: Was macht Sie zuversichtlich, dass die Bayern das Finale erreichen?

Hitzfeld: Die Bayern haben eine überragende Offensive und großes Selbstvertrauen. Und: Der FC Bayern hat einfach mehr Klasse als Olympique Lyon.

bundesliga.de: Lyon galt lange Jahre mit Juninho als Spielmacher als einer der Geheimfavoriten in der Champions League. Jetzt ist der Brasilianer nicht mehr da, auch Karim Benzema nicht mehr - und Olympique steht erstmals im Halbfinale. Zufall oder nicht?

Hitzfeld: Solche Veränderungen sind für eine Mannschaft oft eine große Chance, sich zu beweisen. Man rückt näher zusammen, und jeder einzelne ist plötzlich wichtig - nicht nur die Stars, die hofiert werden und viel Medienpräsenz genießen. Das kann die Teamleistung fördern, die mannschaftliche Geschlossenheit wächst und man kann als Team über sich hinauswachsen.

bundesliga.de: Unter Ihnen hatten die Bayern meist eine starke Abwehr, in der Saison 2007/08 sogar in der Bundesliga die bislang beste mit nur 21 Gegentoren. Aktuell ist die Offensive das Prunkstück, die Abwehr ist anfälliger als in früheren Zeiten. Wie erklären Sie sich diese Trendwende?

Hitzfeld: So etwas entwickelt sich oft erst im Laufe einer Saison. Wir haben damals einen super Start hingelegt, haben vorne viele Tore geschossen und standen hinten stabil. Lucio hat überragend gespielt, daneben Martin Demichelis, und Oliver Kahn wollte in seiner letzten Saison auch noch einmal beweisen, dass er der beste Torhüter aller Zeiten ist. Jetzt hat Bayern in der Offensive mit Ribery, Robben und oft noch zwei Stürmern eine große Durchschlagskraft, ist aber dafür in der Defensive anfälliger. Und vielleicht fehlt auch ein überragender Verteidiger.

bundesliga.de: Also: Es hat ein Wechsel in der Ausrichtung beim FC Bayern stattgefunden?

Hitzfeld: Ja, aber das ist fast logisch, wenn man mit zwei Weltklasse-Offensivspieler wie Ribery und Robben spielt. Das sind ja Künstler. Louis van Gaal setzt ja zuletzt meist auf Müller und Olic, weil er mit den beiden zwei laufstarke Stürmer hat, die auch schon mit der ersten Verteidigung im Angriff beginnen und Bälle erobern. Das entlastet die Abwehr.

bundesliga.de: Letzte Frage: Warum gewinnt der FC Bayern 2010 die Champions League?

Hitzfeld (lächelt): Weil ich es mir wünsche.

Das Gespräch führte Michael Gerhäußer