Hamburg - Die allseits bekannten Dauerbrenner der abgelaufenen Bundesliga-Saison heißen Oliver Baumann, Ralf Fährmann, Rune Jarstein, Bernd Leno, Alexander Schwolow und Yann Sommer. Allesamt Torhüter. Gerade mal sechs der insgesamt 198 Profis, die am 1. Spieltag Ende August 2016 die Startformationen ihrer Clubs bildeten, sind am Ende übrig geblieben. Sie standen bei allen 34 Spielen ihrer Mannschaft über die volle Spieldauer auf dem Platz. Nie krank oder verletzt, nie gesperrt, nie zu formschwach für die Startelf. Keine Frage, das ist eine ganz starke Leistung. Und eine mit statistischem Seltenheitswert: In den nun abgeschlossenen 54 Bundesliga-Spielzeiten seit 1963 haben nur 314 verschiedene Spieler insgesamt 563-mal dieses Kunststück vollbracht.

Noch ein Stückweit exklusiver ist indes die Performance eines weiteren Bundesliga-Dauerbrenners. Die von Gerhard Stoll. Der 49-Jährige aus dem südlich von Köln gelegenem Hürth ist ein leidenschaftlicher Anhänger von Bayer Leverkusen. 2016/17 hat er keinen einzigen Bundesliga-Moment seiner "Werkself" verpasst und dabei rund 13.000 Reisekilometer zurückgelegt. Immer live vor Ort, immer vom An- bis zum Abpfiff und zum - oftmals bitteren - Ende dabei. Egal ob "direkt um die Ecke" in Köln-Müngersdorf beim Derby gegen den FC oder im mehr als 600 Kilometer entfernten München-Fröttmaning beim Duell gegen den FC Bayern. Und selbstverständlich bei allen 17 Heimauftritten. Stolls Stammplatz auf der Südtribüne der BayArena war stets besetzt. Das Besondere an diesem "Allesfahrer": Gerhard Stoll sieht das Spiel und den Ball gar nicht. Er ist seit einem Unfall im Alter von 13 Jahren blind.

Von Fortuna Köln zur Werkself

"Wenn ich im Stadion bin, läuft bei mir ein innerer Film ab", erklärt Stoll. "Es ist ein Film der Siebziger- und Achtzigerjahre. Ein Film aus der Zeit also, als ich noch gesehen habe." Stoll bezeichnet sich selbst als "Kind der Kurve". Er liebt das Gefühl, wenn am Spieltag vom Aufwachen bis zum Anpfiff das Adrenalin quasi minütlich steigt. "Fußball bedeutet für mich, Teil einer riesengroßen Gemeinschaft zu sein. Er ist mein Ventil. Im Stadion kann ich so richtig aus mir rausgehen, mich freuen und ärgern, meinen Emotionen freien Lauf lassen." Geboren und aufgewachsen in Köln, fieberte Stoll zunächst viele Jahre mit der Kölner Fortuna, sehr oft auch auswärts. Gerade als seine Liebe zum Club aus der Kölner Südstadt mehr und mehr erkaltete, tauchte auf der anderen Rheinseite eine neue "Braut" auf.

In der Spielzeit 1999/00 führte Bayer Leverkusen als erster Bundesliga-Club Live-Reportagen für sehbehinderte Fans ein. Gerhard Stoll war von diesem Angebot sofort begeistert und trägt als konstruktiv-kritischer Nutzer permanent zu dessen Verbesserung und Weiterentwicklung bei. Seit 1999 ist er ein sehr engagiertes Mitglied im Verein "Die Sehhunde". Der bundesweit agierende Fanclub für Blinde und Sehbehinderte hat maßgeblich dafür gesorgt, dass die speziellen Reportage-Services mittlerweile in fast jedem Stadion der Bundesliga und 2. Bundesliga zum "guten Ton" gehören. Auch dank Gerhard Stoll, der den Live-Reportern als regelmäßiger Gast auf Fortbildungsveranstaltungen der DFL wertvolle Hinweise gibt. Von der perfekten Spielbeschreibung hat er eine ganz klare Vorstellung: "Das Fußballspiel ist wie ein Buch. Und jeder Pass, jeder Freistoß, jede Ecke, jeder Abstoß ist ein Satz aus diesem Buch. Das muss man vorlesen. Und ich möchte, dass man mir das so vorliest, wie es ist. Da kann man gerne einen Krimi draus machen, da freue ich mich drauf. Aber bitte kein Märchen!"

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Die "Vorleser" beherzigen das. Gerhard Stoll bescheinigt den Live-Reportagen ein "durchweg hohes Niveau". Das flächendeckende Angebot an komfortablen Hörplätzen im deutschen Profi-Fußball hat seine Reiselust weiter befeuert. Auf um die 30 Spiele ist er so in den vergangenen Jahren stets gekommen.

Herz-OP als Startschuss für den "34er"

Die Idee, mal eine komplette Saison live zu erleben, ein "Alleshörer" zu werden und den "34er" abzuliefern, war bei ihm unterbewusst schon länger angelegt. Im Sommer 2010 musste sich Gerhard Stoll einer akuten kritischen Operation unterziehen. Ihm wurde eine mechanische Herzklappe eingesetzt. Als er aus der Narkose erwachte, fragte er den verdutzten Pfleger als Erstes, wie denn Bayer Leverkusen in der 1. DFB-Pokal-Runde beim FK Pirmasens gespielt habe. Stolls zweiter Gedanke: "Wenn Du alle Folgen dieser Geschichte hier gemeistert hast, machst Du irgendwas Verrücktes!"

Ziemlich "verrückt" ist so ein Vorhaben einer Komplett-Saison allemal. Auch ohne Handicaps. Gerhard Stoll weiß: "Blinden sagt man immer: 'Du musst doppelt so gut und doppelt so schnell sein, sonst kriegst Du keinen Fuß in die Gesellschaft.' Herzkranken aber sagt man: 'Mach es langsam und stetig.' Krieg das mal miteinander vereinbart!“ Stoll hat diesen Spagat in imponierender Art und Weise hinbekommen. Mit Kreativität und Einfallsreichtum, Beharrlichkeit, Gelassenheit und einer gehörigen Portion Optimismus und rheinischem Humor.

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Die Spiele in der BayArena waren für den langjährigen Dauerkarten-Inhaber dabei keine Hürde: Vom heimischen Hürth per Bus und Regionalzug bis zum Leverkusener Bahnhof. Dort ist er mit seiner Begleitperson verabredet, die ihn ins Stadion führt. Die Barrieren lagen für den Verwaltungsbeamten der Bezirksregierung Köln erwartungsgemäß eher bei den Auswärtstouren: Wie sind die Ansetzungen und Anstoßzeiten? Muss ich womöglich einen Extra-Urlaubstag nehmen, um rechtzeitig zum Anpfiff vor Ort zu sein? Komme ich nach Abpfiff noch wieder nach Hause oder muss ich eine Übernachtung einplanen? Und vor allem: Wer macht die ganze Nummer mit? Wer begleitet mich, gegebenenfalls auch zwei Tage lang?

Stoll ist sein eigener Reiseleiter

Im Laufe der Jahre hat sich Stoll einen großen Kreis an interessierten Begleitpersonen erarbeitet. Sein Ehrgeiz und eisernes Prinzip: Er organisiert seine Fußballreisen grundsätzlich selbst – vom Kauf der Eintrittskarten, über die Reservierung der Hotelzimmer bis hin zur Recherche und Buchung der besten Zugverbindung. "Ich halte nichts davon, im Windschatten anderer zu fahren. Ein Begleiter ist ein Begleiter und kein Coach. Er hat lediglich die Aufgabe, zur bestimmten Zeit am bestimmten Ort zu sein und dann die Fahrt mit mir nach der von mir geplanten Route zu machen."

Der "Knackpunkt", berichtet Stoll rückblickend, war das Spiel beim FC Bayern am 12. Spieltag. Die weiteste aller Touren. Hin und zurück etwa 1250 Kilometer. Topspiel. Anstoß: Samstagabend, 18.30 Uhr. Abpfiff entsprechend erst gegen 20.20 Uhr. Am gleichen Abend noch zurück nach Hause? Unmöglich! Als Stoll für diesen Trip nach einigem Hin und Her eine Begleitung fand, wusste er: Diese Saison könnte es mit dem 34er klappen! Jetzt versuche ich es! Jetzt beiße ich mich fest!

Und die Spielplan-Gestalter meinten es gut mit Stoll: Leverkusen durfte 2016/17 auswärts allein achtmal zur klassischen Anstoßzeit am Samstag um 15.30 Uhr ran. Die Spiele in den englischen Wochen, mittwochs um 20 Uhr? Kurz vor Weihnachten zum Derby nach Köln – für den Hürther Stoll ein logistischer Lacher, dann Anfang April nach Darmstadt – auch noch einigermaßen gut machbar. Das einzige späte Sonntagsspiel? Auf Schalke, keine 100 Kilometer von Stolls Wohnungstür entfernt – ein Klacks! Übernachtungen wurden so nur noch nach den Freitagabendspielen in Hamburg und Augsburg fällig. Dazu der ganz normale Wahnsinn mit der Deutschen Bahn: Hier ein Oberleitungsschaden, da Tiere auf dem Gleis, dort ein Notarzteinsatz. Umgekehrte Wagenreihungen, Verspätungen, Dominoeffekte wie verpasste Anschlüsse und plötzlich sehr knappe Umsteigezeiten – der Reisende Gerhard Stoll hat die ganze Palette mitgenommen. Ihn kann so leicht nichts mehr erschüttern.

Zittern auf dem Weg nach Leipzig

Fast nichts. Unerwartet schwierig gestaltete sich nämlich die Tour nach Leipzig am 28. Spieltag, also schon so gut wie auf der Zielgeraden. Für die Reise nach Sachsen war partout keine Begleitung zu finden. Stoll suchte Hilfe beim Leverkusener Behindertenfanbeauftragten, der schließlich bei Facebook einen Aufruf an die Fans platzierte. Fünf Interessierte meldeten sich, so dass am Ende sogar gelost werden musste. Am Spieltag bekam Stoll dennoch noch einmal das große Zittern, als sein Zug erst mit zehnminütiger Verspätung die Domstadt verließ. Das Erreichen des Anschlusszuges und damit das ganze „Vorhaben 34er“ waren plötzlich extrem gefährdet. Die Verbindungen gen Osten waren rar an diesem Samstag. Die nächste hätte den Leipziger Bahnhof erst um 15.30 Uhr, also genau zur Anstoßzeit erreicht. Zu spät für eine komplette Saison! Doch der Lokführer drückte auf die Tube, und der Anschlusszug wartete. Alles ging gut.

Bekanntlich auch sportlich. Leverkusens Darbietungen sorgten bei Stoll für so manches Wechselbad der Gefühle und etwas mehr Kopfkino als erwartet und gewünscht. Ambitioniert gestartet, tief gefallen. Mitte März noch im Achtelfinale der Champions League bei Atletico Madrid, Anfang Mai dann plötzlich im Abstiegsstrudel in Ingolstadt. "Als wir dort kurz vor Schluss das 0:1 kassierten, bekam ich Panik. Ja sogar Herzrasen", gibt Stoll zu, um sofort zu ergänzen: "Ich sehe das Fansein ein bisschen wie eine Ehe: Läuft es gut, muss man vehement seine Position vertreten. Läuft es nicht, muss man zu seinem Partner stehen. Das sind die wahren Fans! Natürlich hätte ich nach dem 28. oder 29. Spieltag sagen können, dass ich aufgrund der schwierigen und belastenden sportlichen Situation die ganze Sache abbreche. Aber das ist gegen mein Naturell."

Video: Leverkusens Gala am 34. Spieltag

Die Treue wurde belohnt, und die finale Tour nach Berlin geriet zur entspannten Triumphfahrt. "Sir Gerhard", wie Stoll in der Szene wegen seiner extravaganten und geradezu britischen Art seit Jahren mit Spitznamen genannt wird, machte die 34 voll und ist dadurch endgültig in den "Fan-Adelsstand" erhoben worden. Die Mannschaft untermalte das Ganze mit ihrer besten Offensivleistung und einem Mehrfach-Tusch, der Stoll gleich sechsmal jubelnd von seinem Sitz im Olympiastadion aufspringen ließ.

"Jetzt bin ich aber auch platt und echt froh, dass alles vorbei ist und ich ein paar Tage Ruhe habe", sagt Gerhard Stoll. Ein bisschen fiebert aber auch schon wieder dem 29. Juni entgegen, wenn die DFL den Spielplan für 2017/18 bekannt gibt. Im September will er schließlich noch einmal richtig feiern und dazu alle einladen, die ihm beim Gelingen seiner verrückten Idee unterstützt haben – ganz standesgemäß bei einem Heimspiel von Bayer und anschließendem gemeinsamen Essen.

Broder-Jürgen Trede