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Auch wenn Reiner Calmund derzeit nicht mehr auf der ganz großen Fußballbühne steht, ist es doch selten leise um ihn. Nach fast drei Jahrzehnten bei Bayer Leverkusen schlägt sein Herz natürlich immer noch für die "Werkself".

Der Titel gehe zwar an die Bayern, aber auch dieses Jahr könne sein Ex-Club mächtig stolz sein. "Wenn man mit viel Glück vielleicht sogar noch Zweiter wird, können sie die Sektkorken knallen lassen", so "Calli" im bundesliga.de-Interview vor dem Meisterschafts-Endspurt.

bundesliga.de: Herr Calmund, noch vier Spieltage sind zu absolvieren, dann steht die wichtigste Entscheidung fest. Wer wird Deutscher Meister 2010?

Reiner Calmund: Das wird vermutlich Bayern München werden. Vor dem Verein habe ich Respekt und Hochachtung. Sowohl vom Management als auch vom sportlichen Potenzial her ist es unsere Nummer 1 und unser Flaggschiff im internationalen Vereinsfußball. Aber: So sehr ich deutscher Fußball-Patriot bin und denen gegen Florenz und Manchester die Daumen und Zehen gedrückt habe, hätte ich lieber Schalke und vor allem natürlich Leverkusen als Meister gesehen. Die Bayern haben schon so viele Schalen und Pokale, die müssen ja jetzt schon wieder anbauen... Mein Wunsch wird sich aber wohl nicht erfüllen. Meine Hochrechnung der letzten Spieltage hat ergeben: Wenn nichts ganz Unvorhergesehenes passiert, wird Bayern München Meister, Schalke Zweiter und Leverkusen Dritter.

bundesliga.de: Glauben Sie denn zumindest, dass es bis zum Ende noch spannend bleibt?

Calmund: Bis zum vorletzten Spieltag bleibt's noch spannend. Am kommenden Wochenende geht es in jeder der neun Paarungen um Meisterschaft, internationale Plätze und Abstieg - da ist keine Partie dabei, wo es nur um die "Goldene Ananas" geht. Das zeigt, wie dicht in der Bundesliga alles beisammen ist.

bundesliga.de: Die Münchener stehen neben dem Titelkampf auch noch im Halbfinale der Champions League. Könnte diese Doppelbelastung die letzte Hoffnung für die Konkurrenz sein, oder stecken die Bayern das straffe Programm weiterhin so gut weg?

Calmund: Ich habe das vor ein paar Wochen nicht so rosarot für die Bayern gesehen. Sie hatten teilweise erhebliche Probleme in der Bundesliga: Sie haben in Frankfurt verloren und zuhause gegen Stuttgart, auswärts bei den beiden Abstiegskandidaten Köln und Nürnberg nur unentschieden gespielt und gegen Freiburg nur mit Hängen und Würgen durch einen Elfmeter kurz vor Schluss gewonnen - in diesen fünf Spielen haben sie nur fünf von 15 möglichen Punkten geholt. Vor diesen letzten heißen Wochen sind die Bayern also schon ein bisschen gestolpert, und das waren alles keine Schlagerspiele wie zuletzt. Es gab Probleme mit der verletzungsanfälligen Weltklasse-Flügelzange (Franck Ribery und Arjen Robben, Anm.d.Red.), die Defensive hat auch nicht gerade auf internationalem Top-Format agiert - ich war doch positiv überrascht, dass sie die beiden Matchbälle auf Schalke im Pokal sowie der Liga verwandelt haben und dass sie Manchster United rausgeschmissen haben und nach dem Unentschieden in Leverkusen bestens dastehen. Das spricht für die Klasse und Qualität, deswegen muss man jetzt sagen: Chapeau, alle Achtung! Auch als sogenannter Fußball-Experte habe ich mit solchen Leistungen in diesen schwierigen englischen Wochen mit enormer nervlicher und körperlicher Belastung nicht gerechnet.

bundesliga.de: Also haben diese absoluten Highlights - erst das Rückspiel in Florenz, dann Pokal auf Schalke und zwei Mal Manchester - den Bayern eher einen Kick gegeben...

Calmund: Genau, das waren richtige Motivationsspritzen. Es sieht so aus, dass sie Titel gewinnen: Sie nehmen Kurs auf die Meisterschaft, sind im Pokalfinale und haben eine realistische Chance auf ein Weiterkommen gegen Lyon. Und wenn es in Madrid dann gegen Barcelona geht, könnte das ja quasi ein Heimspiel werden, weil die Madrilenen bestimmt nicht ihre Erzfeinde unterstützen. So weit soll man zwar noch nicht blicken, aber in einem einzigen Spiel ist vielleicht sogar gegen Messi, Iniesta und wie sie alle heißen eine Überraschung machbar.

bundesliga.de: Kommen wir auf Ihren Ex-Club Bayer Leverkusen zu sprechen. Nach drei Niederlagen in Folge gab es zuletzt das 1:1 gegen die Bayern. Wie bewerten sie die Situation?

Calmund: Erstens: Die Mannschaft war 24 Spiele ungeschlagen, das spricht für sich. Und das 1:1 am Samstag war hochverdient, obwohl es in der letzten Minute natürlich einen Elfmeter für München hätte geben können. Aufgrund der Spielanteile in der zweiten Halbzeit hätte Bayer sogar gewinnen müssen, trotz der vielen Ausfälle: Der junge Stefan Reinartz ersetzt Sami Hyypiä, Kapitän Simon Rolfes fehlt die gesamte Rückrunde, der technisch brillante Renato Augusto ist verletzt, Patrick Helmes saß nach seiner langen Verletzungspause auf der Tribüne - da fehlt dann auch ein Stück weit Erfahrung auf der Bank, die man nicht kompensieren kann. Rudi Völlers Aussage, dass man nur durch Patzer des FC Bayern Meister werden könne, waren für mich kein taktisches Understatement.

bundesliga.de: Muss Bayer sich denn jetzt nicht vielleicht eher nach hinten orientieren?

Calmund: Ich drücke ihnen die Daumen, aber es wird noch ein hartes Rennen mit den Verfolgern Dortmund und Bremen. Wenn man aber letztlich Dritter - mit viel Glück vielleicht sogar noch Zweiter - wird, können sie die Sektkorken knallen lassen. Dann ist das eine Riesensaison mit einem Top-Ergebnis.

bundesliga.de: In den vergangenen Wochen wurde immer wieder der Begriff "Vizekusen" hervorgeholt. Zu Recht?

Calmund: Nein, ich halte es für unfair, die jetzige Mannschaft immer mit den Vizemeisterschaften der Vergangenheit in Verbindung zu bringen. Zum Abschluss der Saison 2000 hatten wir 73 Punkte, 2002 waren es 69 Zähler. Beides würde heute sicher reichen, um Meister zu werden. Wir hatten damals eine Menge Weltklasse-Spieler: Emerson, Lucio, Schneider, Ballack, Ze Roberto - die hatten alle noch kein Moos im Rücken. Wir haben damals spielerisch in der Liga den Ton angegeben und waren in der Schlussphase großer Favorit. Die Vizetitel in letzter Sekunde waren dann natürlich große Enttäuschungen.

bundesliga.de: Der Verein hat sich kürzlich beim Marken- und Patentamt in München den Begriff "Vizekusen" rechtlich schützen lassen...

Calmund: Ich sehe das überhaupt nicht kritisch. Außer Bayern München würde doch jeder Bundesligist vor der Saison sofort unterschreiben, dass er Vizemeister wird und sich damit direkt für die Champions League qualifiziert. Warum soll man sich da nicht ironisch ein bisschen selbst auf die Schippe nehmen? Dieses "Vizekusen" ist ein In-Begriff geworden und grundsätzlich kann man da jedes Jahr gut mit leben. Ich habe schon damals immer gesagt, dass ich mit meinem eigenen Blut ein Abo auf den 2. Platz unterschreiben würde. Es ist ein bisschen schwarzer Humor, aber ich finde es absolut okay. Und trotzdem hindert dich ja keiner, doch mal irgendwann Meister zu werden.

Das Gespräch führte Tim Tonner


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