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München - Die Position des Linksverteidigers im deutschen Fußball gilt als neuralgisch. Seit Philipp Lahm auf seiner bevorzugten rechten Seite antritt, ist die Stelle in der deutschen Nationalmannschaft vakant. Bundestrainer Joachim Löw hat in seiner seit 2006 laufenden Amtszeit verschiedene Personalien auf der linken Abwehrseite ausprobiert - von Heiko Westermann, Holger Badstuber über Jerome Boateng bis zu Thomas Hitzlsperger.

Der eigentlich hoffnungsvollste Kandidat, Christian Pander, kommt aufgrund zahlreicher Knieoperationen seit Jahren nicht auf die Beine, die aktuellen Anwärter Marcell Jansen und Dennis Aogo sind verletzt, Diego Contento vom FC Bayern träumt davon, für das Land seiner Eltern - Italien - zu spielen.

Beim Testländerspiel in Schweden bot Löw mit Marcel Schmelzer erstmals einen der neuen vielversprechenden Abwehrleute auf, die momentan für Furore sorgen. Kann der Bundestrainer die "Baustelle Linksverteidigerposition" schon in naher Zukunft schließen?

bundesliga.de hat sich in der Liga umgesehen und nennt die fünf aussichtsreichsten Kandidaten:

Felix Bastians (SC Freiburg)

Vielleicht liegt es an der beschaulichen Lage des Breisgau und der überschaubaren Einwohnerzahl und Medienlandschaft der Stadt Freiburg, dass Felix Bastians bislang noch nicht so richtig in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist. Nach seinem Wechsel im Sommer 2009 von den Young Boys Bern zum Sport-Club stand der 22-Jährige in jedem Bundesligaspiel auf dem Platz. Nachdem er in der vergangenen Saison den verletzten Ömer Toprak in der Innenverteidigung blendend ersetzte, darf er seit dieser Spielzeit auf seiner angestammten Position links hinten in der Abwehrkette ran und erfüllt diese Aufgabe mit Bravour. Der Blondschopf, der seine fußballerische Ausbildung zunächst im Ruhrgebiet bei Wattenscheid, Bochum und Dortmund, später in England unter anderem bei Nottingham Forest genoss, gewann 51 Prozent seiner Zweikämpfe, lieferte schon vier Assists und legte 15 Mal für den Torschuss eines Mitspielers auf. Vor allem seine Flankengenauigkeit von 32 Prozent spricht für ihn. Zudem fanden 75 Prozent seiner Pässe einen Teamkollegen, lediglich auf sein zweites Bundesligator muss er in dieser Spielzeit noch warten. In der U 21 absolvierte Bastians bereits neun Spiele. Sollte seine Formkurve weiterhin den eingeschlagenen steilen Aufstieg nehmen, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis Joachim Löw - immerhin Ehrenspielführer des SC Freiburg - mal durchklingelt.

Marcel Schmelzer (Borussia Dortmund)

Vor einigen Jahren trug Marcel Schmelzer noch das Trikot seines Idols Dede - inzwischen hat er die deutsch-brasilianische Kultfigur aus der Dortmunder Startelf komplett verdrängt. Mit dem Erfolg des BVB wuchs auch das Selbstbewusstsein und das Leistungsvermögen des 22-Jährigen - zur Belohnung berief ihn Bundestrainer Löw gegen Schweden nun erstmals in den A-Kader der Nationalmannschaft, beim 0:0 in Göteborg feierte Schmelzer ein gelungenes Debüt. "Nach meiner Meinung gibt es auf seiner Position in Deutschland derzeit keinen Besseren", lobt BVB-Sportdirektor Michael Zorc den Linksfuß, der sich durch Löws Nominierung sehr geehrt gefühlt: "Natürlich ist die Nationalmannschaft etwas ganz Großes." Bei der U 21 gehörte Schmelzer 2009 zum Stamm der Mannschaft, die die Europameisterschaft gewann! Für die Borussia absolvierte Schmelzer inzwischen 58 Bundesligapartien, ein Tor gelang ihm dabei allerdings noch nicht. Doch BVB-Coach Jürgen Klopp schätzt andere Werte an seinem Außenverteidiger. Vor allem seine Grundschnelligkeit passt in Klopps taktisches Konzept, außerdem bringt Schmelzer die erforderliche Zweikampfhärte mit: 57 Prozent der Duelle Mann gegen Mann konnte er in dieser Spielzeit für sich entscheiden. Außerdem lieferte er in zwölf Bundesligaspielen fünf Torschussvorlagen und brachte 72 Prozent seiner Pässe an den Mann. Dass noch kein Assist zu Buche steht, liegt weniger an Schmelzer, sondern eher an den Abnehmern: Die Flankengenauigkeit von 28 Prozent ist beachtlich.

Marcel Schäfer (VfL Wolfsburg)

Marcel Schäfer ist mit 198 Spielen in Bundesliga und 2. Bundesliga unter den an dieser Stelle aufgeführten Linksverteidigern der erfahrenste und mit 26 Jahren auch der älteste. Vor knapp zwei Jahren gab er bereits sein Debüt in der Nationalelf und hat inzwischen acht Länderspiele auf dem Buckel. Der gebürtige Aschaffenburger profitierte von der glänzenden Jugendarbeit des TSV 1860 München, für die "Löwen" feierte er am 11. Spieltag der Saison 2003/04 sein Profidebüt. Im Sommer 2007 folgte dann der Wechsel nach Wolfsburg. Dort wurde er auf Anhieb Stammspieler und 2009 auch Deutscher Meister. In der aktuellen Spielzeit servierte Schäfer bereits fünf Torvorlagen - zwei davon am vergangenen Spieltag gegen Schalke mit Maßflanken für die VfL-Stürmer Grafite und Edin Dzeko. Jede vierte seiner Hereingaben von der Außenbahn findet einen Mitspieler, seine Passgenauigkeit beträgt insgesamt 76 Prozent. 17 Mal legte er für einen Torschuss eines Kollegen auf. Auf seinem Konto stehen sechs Bundesligatreffer, in dieser Saison allerdings wartet Schäfer noch auf einen eigenen Torerfolg. Für die jüngsten Qualifikationsspiele und nun auch gegen Schweden verzichtete der Bundestrainer auf eine Nominierung des schnellen Linksfußes, der beim VfL in allen bisherigen zwölf Saisonspielen zum Einsatz kam. Dennoch gehört Schäfer sicherlich zu den aussichtsreichsten Anwärtern auf den Linksverteidigerposten in der Nationalelf.

Bastian Oczipka (FC St. Pauli)

Bastian Oczipkas Aktion brachte sogar den gegnerischen Trainer ins Schwärmen. Ein starker Antritt auf der linken Seite, erst ein Doppelpass mit Rouwen Hennings, dann noch einer mit Max Kruse, herrliche Flanke in den Strafraum, wo Marius Ebbers nur noch den Kopf hinhalten muss und fertig war das 1:0-Siegtor FC St. Pauli beim Auftritt in Hannover. "Ein schönes Tor, so stelle ich mir Konter-Fußball vor", sagte 96-Coach Mirko Slomka hinterher. Oczipka steht eigentlich bei Bayer Leverkusen unter Vertrag. Nachdem er 2008 zunächst an Hansa Rostock ausgeliehen wurde und 42 Zweitligapartien für die "Kogge" absolvierte, spielt er nun seit Januar 2010 bei St. Pauli. Im Sommer 2011 endet der Leihvertrag. Ob die Rheinländer dann ihren Linksverteidiger wieder zurückfordern, ist noch offen, doch die starken Leistungen dürften Trainer Jupp Heynckes und Sportdirektor Rudi Völler in Leverkusen nicht entgangen sein. "Einen Linksverteidiger mit viel Offensivdrang haben wir gesucht und genau das füllt Basti gut aus", weiß St. Pauli-Coach Holger Stanislwaski um die Stärken des 21-Jährigen. Im Defensivverhalten sieht er zwar noch Steigerungspotenzial, beeindruckende 60 Prozent an gewonnenen Zweikämpfen widersprechen dieser Einschätzung allerdings. Der Assist zum 1:0 in Hannover blieb zwar bislang sein einziger, dafür kommen 72 Prozent seiner Pässe zu einem Mitspieler. Wie Schmelzer gehörte er zu den U-19-Europameistern von 2009, auch in der U 20 kam Oczipka schon zum Einsatz. Legt der gebürtige Bergisch-Gladbacher noch seine gelegentliche Zurückhaltung im Offensivspiel ab, liegt auch ein Einsatz in der A-Nationalmannschaft in nicht allzu weiter Ferne.

Lukas Schmitz (FC Schalke 04)

Gemeinsam mit Joel Matip und Christoph Moritz gehörte Schmitz in der vergangenen Saison zu den neuen "jungen Wilden" auf Schalke, die den völlig unerwarteten Einzug in die Champions League schafften. In 2009/10 absolvierte der physisch starke Schmitz 27 Bundesligaspiele, erzielte zwei Tore und lieferte fünf Assists. Mit scharfen Flanken und gefährlichen Standards hatte der Neuzugang vom VfL Bochum II, der eigentlich für die Regionalliga-Mannschaft vorgesehen war, bei Felix Magath auf sich aufmerksam gemacht. In seinen neun Partien in der aktuellen Spielzeit gelang ihm noch kein Scorerpunkt, lediglich vier Torschussvorlagen stehen zu Buche. Offensichtlich befindet sich Schmitz wie der Rest der "Königsblauen" noch auf der Suche nach der Bestform. Seine Zweikampfquote von lediglich 43 Prozent gewonnenen Duellen ist nur ein Ausdruck des momentanen Leistungsknicks. Nur jede zehnte seiner Flanken kommt bei einem Mitspieler an, dafür weist der 22-Jährige eine extrem hohe Passgenauigkeit von 83 Prozent auf. Schmitz, der eigentlich eher im linken defensiven Mittelfeld zuhause ist, geht aber gelassen mit der momentanen Situation um: "Wenn du als junger Spieler quasi aus dem Nichts kommst, dann bist du erstmal interessant für die Öffentlichkeit. Dass sich das mittlerweile relativiert hat, ist keine Überraschung. Für mich ist das öffentliche Interesse um meine Person auch nicht wichtig. Ich will auf Schalke sportlich eine gute Rolle spielen. Das ist mein Ziel."



Denis Huber