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München - Als Philipp Lahm im Trainingsanzug an der Säbener Straße den Raum zur Pressekonferenz betrat, hatte er bis dahin mehr Journalisten als Mitspieler gesehen und war ein bisschen verdutzt.

Während ein Großteil seiner Mitspieler auf Länderspielreise ist, wurde dem Abwehrspieler von Bundestrainer Joachim Löw eine wohlverdiente Auszeit verordnet - eine neue Erfahrung für den Dauerbrenner.

"Gesundheit" größter Geburtstagswunsch

Die Ruhepause kommt dem Bayern- und DFB-Kapitän allerdings sehr gelegen, da er gerade an einer Nebenhöhlenentzündung leidet. Außerdem wird er am 11. November 28 Jahre alt und kann so seinen Geburtstag in Ruhe feiern.

Dennoch sei die Situation für den 85-maligen Nationalspieler sehr ungewohnt. Er hat frei, während die Kollegen gerade für Deutschland trainieren und spielen. Auf die Frage, was er sich wünsche, bleibt er bescheiden: "Gesundheit. Das ist und bleibt immer das Wichtigste, ansonsten geht es mir sehr gut." In sportlicher Hinsicht möchte er Titel erringen.

Zeit für Titel

Der FC Bayern sei auf einem sehr guten Weg, insbesondere in der Bundesliga. Genauso habe die Nationalelf die Möglichkeit, die Europameisterschaft zu gewinnen. "Wir benötigen sicherlich auch etwas Glück, aber wir besitzen die Qualität im Kader, um das Turnier zu gewinnen und geben uns nicht mehr mit dem 2. Platz zufrieden", sagt Lahm.

Entscheidend sei die Weiterentwicklung jedes Einzelnen und die Breite des Teams im Mittelfeld. Deutschland könne das Spiel selbst gegen Gegner wie Brasilien bestimmen und müsse sich nicht nur aufs Kontern verlassen. Und auch mit der aktuellen Situation beim FC Bayern ist der 28-Jährige sehr zufrieden.

Es stimme die Balance zwischen Defensive und Offensive. Probleme sieht der Münchner nur in Spielen, die direkt nach der Champions League stattfinden: "Man denke nur an Hoffenheim, Hannover oder jetzt Augsburg. Das liegt dann auch häufig an der Fitness." Lahm lobt vor allem den Teamgeist, der besser denn je sei und vor allem an der Arbeit von Coach Jupp Heynckes und Manager Christian Nerlinger läge.

BVB größter Rivale - Lob für Schweinsteiger

Man müsse allerdings abwarten, ob die Stimmung auch in Phasen des Misserfolges gut bliebe. Der FCB-Kapitän sieht in Borussia Dortmund den größten Konkurrenten um die Deutsche Meisterschaft. Wie passend, dass der amtierende Champion am 13. Spieltag zu Gast in München ist. "Wir müssen gerade vor heimischem Publikum in der Allianz Arena die Möglichkeit nutzen und können mit einem Sieg den Vorsprung auf acht Punkte vergrößern", forderte er.

Allerdings beklagen beide Seiten Verletzungen von Leistungsträgern. Während Arjen Robben sich im Aufbautraining befindet und eventuell schon gegen den BVB auflaufen kann, fehlen auf Bayern-Seite Bastian Schweinsteiger wegen eines Schlüsselbeinbruchs und auf Dortmunder Seite Neven Subotic wegen eines Mittelgesichtsbruchs definitiv. Welcher Ausfall wiegt im Spitzenspiel schwerer?

"Ich weiß nicht, wie wichtig Subotic für Dortmund ist, aber Bastian ist sehr wichtig für uns", sagt Lahm auf Nachfrage von bundesliga.de. Denn auf seinen Vize-Kapitän verzichtet er nur äußerst ungern: "Bastian ist sehr wichtig für uns und nicht 1:1 zu ersetzen. Er kennt jede Spielsituation und hat die Erfahrung diese Aufgabe bestmöglich zu lösen. Das kann man nicht trainieren. So etwas bekommt man nur über Spielpraxis. Dennoch muss ein Verein, wie der FC Bayern, in der Lage sein, so einen schwerwiegenden Ausfall zu kompensieren."

Neue Situation in München

Ob aus der letzten Saison, in der München zuhause gegen den späteren Meister Dortmund mit 1:3 verlor, noch eine Rechnung offen sei? Offiziell nicht wirklich. "Die Saison aus dem letzten Jahr lässt sich mit dieser nicht mehr vergleichen", so Lahm, der lieber den Ist-Zustand beschreibt: "Wir lassen wenige Torchancen zu. Außerdem erarbeiten wir uns viele Torchancen. Dortmund ist unser schärfster Konkurrent, aber wir sind gut drauf und brauchen uns in der Liga vor keinem zu verstecken."

Den Schlüssel zum Erfolg sieht der Bayern-Verteidiger im Umschalten von Offensive auf Defensive: "Was uns in dieser Saison, im Vergleich zu den vergangenen Jahren, auszeichnet, ist die exzellente Defensivarbeit der Offensivspieler. Wenn man zum Beispiel sieht, wie Mario (Gomez, Anm. d. Red.), trotz seiner drei Tore gegen Neapel nach hinten arbeitet, dann ist das schon beeindruckend." Genauso praktiziere es der FC Barcelona seit Jahren und das System des FCB nähme ähnliche Konturen an.

Fans sind unterschiedlicher Meinung

Während der Bayern-Kapitän die "Mia san mia"-Mentalität verkörpert, sind die Meinungen bei den Zuschauern des öffentlichen Trainings eher gespalten. Nur wenige der Befragten glaubten an einen deutlichen Sieg des Rekordmeisters wie Michel J. aus Pöttmes (bei Augsburg): "Ich tippe auf ein ganz klares 3:1 für die Bayern. Denen macht es wieder richtig Spaß Fußball zu spielen und deshalb läuft's auch so gut." Viele erwarten eher ein enges Spiel. Marcel F. aus Berlin hofft auf einen knappen 2:1-Sieg seiner Münchner. Der Tabellenführer habe genug Qualität im Team, um Schweinsteiger zu ersetzen.

Kersten D., der extra aus Schwelm (bei Wuppertal) anreiste, traut seinem FCB nur ein Unentschieden zu. "Dortmund ist in guter Form. Schweinsteiger fehlt deutlich. Das sah man schon in Augsburg. Deshalb wäre ich mit einer Punkteteilung zufrieden." Zwei Frauen sehen dagegen den BVB knapp vorne. Sie trauen den Dortmundern durchaus eine Überraschung zu und tippten auf einen 2:1 Auswärtssieg der Borussen. Wer am Ende Recht hat, zeigt sich am 19. November...

Von der Säbener Straße berichtet Thomas Hübert