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Es ist eigentlich immer dasselbe, wenn das Wochenende bevorsteht. Der weibliche Teil der Beziehung freut sich auf Kino, Zweisamkeit und, vor allem, dicht gedrängte Menschenmassen in der Fußgängerzone, das Ziel immer klar vor Augen: Shoppen.

Der männliche Part, in Abwägung der zu erwartenden Pflichten in punkto Einkaufen und Beziehungspflege, zermartert sich hingegen schon zu Wochenbeginn das Hirn, wie er die Anstoßzeiten des Bundesliga-Spieltags mit den Wünschen seiner Holden in Einklang bringen kann. Wer kennt diese unheilvolle Konstellation aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis nicht?

Artikel in der New York Times

Doch am Freitagabend des bevorstehenden 16. Spieltags stellt sich das Problem ausnahmsweise nicht. Denn auf dem Programm steht das "Spiel der Spiele", der Zweite empfängt den Tabellenführer, Starensemble gegen Torfabrik, 168 Länder übertragen live.

Sogar die New York Times fühlt sich verpflichtet, ihren traditionell eher fußballuninteressierten Lesern die Bedeutung des heutigen Duells zwischen Bayern München und 1899 Hoffenheim (ab 20 Uhr im Live-Ticker/Liga-Radio) zu erklären.

Die Resonanz ist beeindruckend, auch FCB-Manager Uli Hoeneß, "hätte das nicht für möglich gehalten, dass wir in diesem Spiel bis auf den letzten Platz ausverkauft sind". 150.000 Karten hätten abgesetzt werden können, heißt es aus der Ticketabteilung an der Säbener Straße - Ausmaße, die ansonsten nur bei Champions-League-Spielen gegen Real Madrid oder Manchester United zu bestaunen sind.

Keine Angst vor dem Bayern-Publikum

Die Partie zieht jeden in ihren Bann, WM 2006-ähnliche Dimensionen werden erreicht. "Das ist ein Spiel, auf das ganz Deutschland wartet", meint Franck Ribery, im Bayern-Mittelfeld für die Unterhaltung zuständig. Für Stefan Effenberg, Ex-Kapitän des FC Bayern, ist das genau das richtige Umfeld für seinen ehemaligen Club: "Die Münchner zeigen in solchen Spielen ihr wahres Gesicht."

FCB-Präsident Franz Beckenbauer rätselt noch, "wie Hoffenheim auf die ungewohnte Kulisse reagiert", vor 69.000 Zuschauern in der Allianz Arena. Doch des "Kaisers" Sorgen kann Hoffenheim-Trainer Ralf Rangnick nicht nachvollziehen.

Im Gegenteil, der Coach, der mit Stuttgart und Schalke insgesamt fünf Mal gegen den deutschen Rekordmeister gewann, garniert seine Antwort mit einer kleinen Spitze: "Das beeindruckt uns nicht. Wir haben gerade erst in Köln vor einer ähnlich großen Zuschauermenge gespielt. Die sind dort etwas temperamentvoller, mit dem Bayern-Publikum nicht zu vergleichen."

Keiner kann sich dem Spiel entziehen

Ein weiterer Akteur in Reihen des Aufsteigers kennt sich ebenfalls bestens mit Erfolgen gegen die Bayern aus und zwar ausgerechnet der Toptorjäger der Bundesliga, Vedad Ibisevic. "Ich habe in der Saison 2006/07 drei Mal mit Aachen gegen Bayern gespielt und zwei Mal gewonnen", erinnert sich der Mann aus Bosnien-Herzegowina, der schon 17 Mal in den bisherigen 15 Spielen traf.

Das Aufeinandertreffen verspricht Spannung und höchsten Unterhaltungswert. Menschen, die sich eigentlich nicht im Geringsten für Fußball interessieren, diskutieren plötzlich über Aufstellungen, "magische Dreiecke" oder eine vorzeitige Herbstmeisterschaft.
Und siehe da, schon erreichen merkwürdige Emails oder SMS den normalerweise in seiner Fußball-Leidenschaft ziemlich alleinstehenden männlichen Beziehungsteil. Absender: die Freundin, die dem Treiben auf dem Spielfeld ansonsten höchstens modische Diskussionspunkte abringen kann; Inhalt: "Schatz, wo schauen wir denn am Freitagabend Bayern gegen Hoffenheim?"

Denis Huber