Sinsheim - Die TSG 1899 Hoffenheim ist zweifelsohne zum Spitzenteam gereift. Teil des erfolgreichen Teams und mitverantwortlich für den Aufschwung ist Andrej Kramaric. Der Stürmer spricht mit bundesliga.de über die Gründe für den Höhenflug der Kraichgauer, über Trainer Julian Nagelsmann, die Unterschiede zwischen der Bundesliga und der Premier League, die WM-Qualifikation mit Kroatien - und übers Skifahren.

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bundesliga.de: Herr Kramaric, Sie sind jüngst zum beliebtesten Fußballer in Ihrer Heimat gewählt worden, wie fühlt sich das an?

Andrej Kramaric: Das ist natürlich ein schönes Gefühl. Ich kann mich nur bei den Fans bedanken, die mich gewählt haben. Es bedeutet mir viel.

bundesliga.de: Was glauben Sie, warum sind Sie gewählt worden?

Kramaric (schmunzelt): Ich weiß es nicht, aber wahrscheinlich kommt alles von meinen Leistungen auf dem Platz.

bundesliga.de: Da drängt sich die Frage auf: Sind Sie eigentlich ein guter Skifahrer?

Kramaric (lacht): Nein, das habe ich nie probiert? Warum fragen Sie?

bundesliga.de: Weil Ihre Dribblings so wirken, als seien Sie ein guter Slalomfahrer, Kroatien ist ja auch eine Ski-Nation.

Kramaric: Ich muss sagen, dass ich das schon einmal gehört habe, weil ich die Richtungen so schnell ändern kann im Dribbling. Aber ganz ehrlich: Ich habe Skifahren nur ein einziges Mal probiert, das war eine interessante Geschichte.

bundesliga.de: Erzählen Sie…

Kramaric: Ich war einmal mit meinem Vater und meinem Onkel zum Skifahren. Aber wir hatten diese wirklich sehr alten Ski dabei. Bei meinem ersten Versuch, die Piste hinunterzufahren, lag ich natürlich schon nach 15 Metern auf dem Boden. Und beim zweiten Versuch bin ich wieder nach 15 Metern hingefallen - und die Ski sind dabei kaputtgegangen. Also: Nach 30 Metern war meine Karriere als Skifahrer beendet, danach habe ich es nie wieder probiert.

bundesliga.de: Warum können Sie also so flink Haken schlagen wie kaum ein anderer? Sind Sie vielleicht ein guter Tänzer?

Kramaric: Oh nein, ich bin sicherlich einer der schlechtesten Tänzer überhaupt. Das ist nicht meine Meinung, das sagen aber die Mädchen, die bislang mit mir getanzt haben. Nein, ich weiß nicht, warum das so ist. Ich hatte diese Fähigkeit als Kind schon, es ist wahrscheinlich Veranlagung.

bundesliga.de: Welche Position spielen Sie eigentlich am liebsten? Sind Sie eher ein Mittelstürmer, ein Außenstürmer, oder vielleicht doch eine Nummer zehn?

Kramaric: Ich würde sagen, dass ich eine Neuneinhalb bin, vielleicht eher eine zehn als eine neun. Ich agiere normalerweise nicht so tief in der Hälfte des Gegners, da stehen die kräftigeren Torjägertypen. Ich bin kein klassischer Mittelstürmer, der auf den Ball und auf Chancen wartet - ich liebe es, Fußball zu spielen.

bundesliga.de: Die aktuellen Konstellationen sind demnach im Verein und in der Nationalmannschaft perfekt für Sie: Bei der TSG spielt Sandro Wagner ganz vorne, für Kroatien Mario Mandzukic - beide sind klassische Mittelstürmer.

Kramaric: Ja, das ist gut für mich. Manchmal entscheiden die Trainer, mit einer Nummer Zehn zu spielen, manchmal ohne. Aber ich kann nur betonen, dass ich sehr glücklich bin, wie wir im Verein und in der Nationalmannschaft spielen.

bundesliga.de: Mitunter kommen Sie auch als Ersatzspieler zum Einsatz und man hat den Eindruck, Sie brauchen keine Eingewöhnungszeit. Woher kommt das?

Kramaric: Manchmal ist es schwer, in ein Spiel reinzukommen, wenn man eingewechselt wird, weil der Körper noch nicht bereit ist. Aber man hat keine Zeit, um lange aufzuwachen, wenn man eingewechselt wird - man muss sofort funktionieren. Es muss auch als Einwechselspieler sofort die Motivation da sein, sein Bestes zu geben und der Mannschaft zu helfen.

bundesliga.de: Sie können Spiele entscheiden. War das immer so, oder haben Sie das im Laufe Ihrer Karriere gelernt?

Kramaric: Ich glaube nicht, dass man das lernen kann, es ist Teil des Charakters und liegt in der Natur eines Spielers. Bei mir war es schon als Kind so: Je mehr Drama und Druck auf dem Platz herrschen, desto einfacher ist es für mich. Ich mag Situationen, in denen man nichts zu verlieren hat: Man geht los und versucht, alles zu geben.

Video: Andrej Kramaric erzielt das Tor des 24. Spieltags

bundesliga.de: Beschreibt das am besten ihren Charakter?

Kramaric: Ja. Man muss es immer versuchen.

bundesliga.de: Im kroatischen Fußball nimmt die Talenteflut nicht ab, woher kommt diese Sportbegeisterung in diesem Land mit nur rund vier Millionen Einwohnern.

Kramaric: Es stimmt, die Kroaten sind im Allgemeinen sportlich sehr talentiert. Jedes Jahr gibt es neue starke Sportler im Basketball, im Handball, im Wasserball, in fast allen Sportarten. Es muss einen Grund dafür geben, aber ich kenne ihn nicht. Das Talent ist einfach da.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass die aktuelle Fußballer-Generation aus dem Schatten der großen Generation treten kann, die 1998 in Frankreich Dritter bei der WM geworden ist?

Kramaric: Jeder spricht über diese Frage in Kroatien. Alle glaubten, dass wir es während der EM in Frankreich hätten schaffen können. Aber es stimmt, wir haben sehr, sehr gute Fußballer derzeit. Ich bin sicher, dass es diesen Wunsch gibt bei der aktuellen Generation.

bundesliga.de: Die Modrics, Rakitics und Mandzukics werden aber auch nicht jünger…

Kramaric: Ja, ich weiß. Die WM in Russland wird für einige vielleicht die letzte große Chance sein, etwas Großes zu erreichen. Es ist interessant, wir haben eine gute Mannschaft und spielen sehr guten Fußball. Es ist sehr schwer darüber zu sprechen, was nach dem Aus bei der EM gegen Portugal passiert ist.

bundesliga.de: Die EM in Frankreich letzten Sommer endete mit einer Enttäuschung für Kroatien, dem Achtelfinal-Aus gegen den späteren Europameister Portugal…

Kramaric: Klar waren die Erwartungen hoch nach unserer starken Vorrunde. Jeder hat gesagt, Kroatien spielt den besten Fußball des Turniers. Von daher kann man nicht unbedingt sagen, Kroatien habe enttäuscht. Aber Im Leben ist es manchmal so, dass man auch Glück braucht. In diesem Achtelfinale hatte Portugal das Glück und gewann das Spiel und am Ende das Turnier.

bundesliga.de: Nach der EM wechselten Sie endgültig nach Hoffenheim, nachdem Sie in der vergangenen Rückrunde von Leicester City ausgeliehen waren. Haben Sie mit dem früheren TSG-Spieler Josip Simunic, dem aktuellen Assistenztrainer der kroatischen Nationalmannschaft, über den Wechsel gesprochen?

Kramaric: Ich habe ihn natürlich ein paar Fragen über den Klub gestellt, aber das war nicht entscheidend für den Wechsel.

bundesliga.de: Was denn?

Kramaric: Ich hatte von Anfang an ein gutes Gefühl hier, und das hat sich bestätigt. Es macht mir sehr viel Spaß in Hoffenheim, ich bin sehr froh, diesen Weg gegangen zu sein.

bundesliga.de: Wie wichtig war Niko Kovac für Ihre Karriere? Der heutige Trainer von Eintracht Frankfurt gilt als Ihr Entdecker, als er noch die kroatische Nationalelf trainierte.

Kramaric: Er war sehr wichtig für mich. Als er Nationaltrainer war, machte ich mein erstes Spiel und mein erstes Tor für die Nationalmannschaft. Ich werde das mein ganzes Leben nicht vergessen, er ist ein großer Mann und ein großer Coach und ich bin froh, dass er mit Eintracht Frankfurt so erfolgreich ist. Wir stehen noch in Kontakt, wenn wir gegeneinander spielen. Er war immer eine spezielle Person für mich und gab mir immer spezielle Energie.

bundesliga.de: Welchen Stellenwert hat der aktuellen Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann für Sie?

Kramaric: Er ist ein bisschen anders als andere Trainer, nicht nur, weil er der jüngste aller Zeiten in der Bundesliga ist. Julian hat alles, um einer der größten Trainer überhaupt zu werden. Ich kann nur sagen, dass wir Spieler sehr glücklich sind über das Training und wie wir in die Spiele gehen. Deshalb stehen wir auch da, wo wir im Moment stehen.

Video: Der Hoffenheimer Erfolg hat System

bundesliga.de: In der Vorrunde hatten Sie ab dem siebten Spieltag bis Weihnachten Ladehemmung. Julian Nagelsmann meinte, Andrej solle vor dem Tor nicht so viel denken. In der Rückrunde treffen Sie wieder: Haben Sie in der Winterpause gelernt, vor dem Tor nicht zu denken?

Kramaric: Ach, ich weiß nicht. Das liegt hinter mir, in dieser Phase hatte ich Chancen, um mehr Tore zu erzielen, aber im Fußball gibt es eben nicht nur schöne Tage. Das Tor war in dieser Zeit einfach ein bisschen zu klein für mich. Aber das ist okay, wenn die Mannschaft gewinnt. Meine Leistungen waren ganz gut, aber natürlich ist man nicht zufrieden, wenn man das Tor nicht trifft. Aber wir alle sollten mit dieser Saison sehr zufrieden sein bis jetzt.

bundesliga.de: Haben Sie eine so erfolgreiche Runde der TSG erwartet?

Kramaric: Ganz ehrlich: Niemand hat das erwartet, gerade wenn man sich erinnert, in welcher Situation sich der Klub sechs Monate zuvor befand. Wir gingen in die Vorbereitung mit neuen Spielern, die Mannschaft hat sich ein bisschen verändert und mit diesem Trainer verbessern wir uns bis heute von Training zu Training.

bundesliga.de: Sie spielten bislang in Kroatien und in England, wie beurteilen Sie das Niveau der Bundesliga?

Kramaric: Ich mag den Stil in Deutschland sehr, er ist mehr auf Ballbesitz ausgelegt, selbst die kleinen Klubs versuchen, Spiele zu gewinnen. Alles ist hier sehr professionell, die Klubs, die Trainingszentren, die Organisation, die Stadien sind voll. Viele Klubs arbeiten auf dem höchsten Niveau, es ist ein Vergnügen für mich, hier Fußball zu spielen.

bundesliga.de:Und was ist mit Hoffenheim möglich? Champions League?

Kramaric: Wir haben sehr viel Potenzial im Team. Es ist aber ratsamer, ruhig bleiben und nicht das magische Wort zu sagen. Wir müssen weiter arbeiten und uns weiter beweisen. Jedes Spiel ist wichtig.

bundesliga.de: Wie erleben Sie den großen Konkurrenzkampf im Angriff der TSG, wo Sie mit Sandro Wagner, Mark Uth, Adam Szalai und Marco Terrazzino um den Startelfeinsatz kämpfen?

Kramaric: Es ist immer gut, Konkurrenzkampf zu haben, man kann nicht ein ganzes Jahr auf dem gleichen Niveau spielen. Wir trainieren zusammen, jeder gibt sein Bestes, am Ende entscheidet der Trainer. Ich muss wirklich sagen, dass ich gerne hier bin, wir sind eine Gruppe von netten Menschen. Es macht Spaß, nicht nur auf dem Rasen.

bundesliga.de: Am kommenden Wochenende können Sie mit Kroatien einen großen Schritt Richtung WM machen.

Kramaric: Wir sind auf einem guten Weg, wenn wir so weitermachen, dann werden wir die Qualifikation schaffen.

bundesliga.de: Aber es ist eine schwere Gruppe mit der Ukraine, der Türkei, Island, Finnland und Kosovo.

Kramaric: Ja, natürlich, aber wir haben einige wichtige Schritte schon gemacht. Gleichzeitig muss ich aber sagen, dass es noch nicht vorbei ist. Manchmal, das zeigt die Vergangenheit, hat Kroatien immer mal wieder Probleme in der Qualifikation, aber am Ende haben wir es zu fast jedem großen Turnier geschafft. Ich denke, wir können uns diesmal direkt qualifizieren.

bundesliga.de: Wie stehen dann die Chancen in Russland für Kroatien?

Kramaric: Zuerst müssen wir uns qualifizieren, es ist zu früh, um darüber zu spekulieren. Aber wenn wir dahin kommen, ist für uns sicher viel möglich.

Das Gespräch führte Tobias Schächter.