ANZEIGE

München - Borussia Dortmund erlebte 2010/11 eine Spielzeit wie im Märchen. Während die jüngste Mannschaft der Bundesliga von einem Sieg zum nächsten eilte und die Herzen der Fans im Sturm eroberte, stand jedoch einer der etatmäßigen Hauptdarsteller im Schatten: Kapitän Sebastian Kehl.

Wie so häufig in den vergangenen Jahren hatte der defensive Mittelfeldspieler mit schweren Verletzungen zu kämpfen. Die Liste seiner Leiden kommt dem Inhaltsverzeichnis eines Lehrbuchs für Sportmedizin inzwischen immer näher: Knochenstauchungen, Bänder- und Sehnenrisse, Leisten-, Adduktoren- und Rückenprobleme usw.

"Ich bin ein Kämpfer"

Seit Sommer 2006 konnte der 31-malige Nationalspieler daher nur 60 von 170 möglichen Liga-Partien absolvieren und kam in der abgelaufenen Saison insgesamt nur auf 229 Spielminuten. Dabei hatte alles so gut angefangen. Immerhin stand Kehl an den ersten drei Spieltagen jeweils in der Startelf, ehe ihn eine Knie-Operation ein weiteres Mal zum Zuschauen verdammte.

Von eisernem Willen getrieben, schuftete der 31-Jährige über Monate in der Reha für sein erneutes Comeback. "Ich bin ein Kämpfer", sagte Kehl im Februar im Interview mit "Der Westen". "Ein weiteres Mal zurückgekommen zu sein, macht mich stolz. Und ich glaube, der eine oder andere wird sich auch noch wundern."

"Weiß, dass ich noch gut bin"

Daran, nach den vielen Rückschlägen mit seinen diversen Teamkollegen im Teenageralter womöglich nicht mehr mithalten zu können, verschwendete der Routinier keinen Gedanken: "Fußball zu spielen, bei Borussia Dortmund zu spielen, das ist für mich noch immer einfach das Größte. Und ich weiß, dass ich noch gut bin."

Über die Regionalliga-Mannschaft der "Schwarz-Gelben" arbeitete sich Kehl im Frühjahr allmählich wieder an die Mannschaft von Trainer Jürgen Klopp heran, musste aber schon nach drei Kurzeinsätzen den nächsten Dämpfer hinnehmen: Eine Schleimbeutelentzündung im Knie machte einen weiteren Eingriff erforderlich - das vorzeitige Saison-Aus.

Mittendrin statt nur dabei

Bei den Meisterfeierlichkeiten war der gebürtige Hesse, der seit 2002 für den BVB spielt und damit zu den dienstältesten Profis gehört, dennoch mittendrin statt nur dabei. Denn bei den Verantwortlichen wie bei den Mitspielern genießt die "Integrationsfigur" (Klopp) - ungeachtet der langen Abstinenz - nach wie vor höchstes Ansehen. Auch abseits des Platzes.

Nicht von ungefähr durfte Kehl nach seinem Kurzauftritt bei der 3:1-Gala der Westfalen beim FC Bayern München als erster Spieler das vorher von allen Beteiligten so energisch vermiedene "M-Wort" in den Mund nehmen.

Kehl als neuer alter Leitwolf?

Nichtsdestotrotz wird sich der zweimalige WM-Teilnehmer auf Dauer wohl nicht mit der Rolle des "Klassensprechers" zufrieden geben wollen, sondern in der neuen Saison nochmal voll angreifen. Mit der "Mission Titelverteidigung" im Blick und dem Abenteuer Champions League vor der Brust, ist der Bedarf an Führungspersönlichkeiten auf jeden Fall da.

Gerade nach dem Abgang von Nuri Sahin bleibt abzuwarten, wie die "jungen Wilden" das entstandene Vakuum in der Schaltzentrale kompensieren - da könnte ein Mann mit Kehls Ballsicherheit, Passgenauigkeit (84 Prozent) und internationalen Erfahrung Gold Wert sein.

Stefan Missy

Hier geht's zum großen Saisonrückblick 2010/11