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Wolfsburg - Für Dieter Hecking ist der Gewinn des DFB-Pokals mit dem VfL Wolfsburg sein erster ganz großer Erfolg als Trainer. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Hecking über seine Gefühle nach dem Triumph von Berlin, über die Aufgaben, die nun für ihn und den VfL anstehen, und über die Zusammenarbeit mit Klaus Allofs.

bundesliga.de Herr Hecking, vor einigen Jahren - damals waren Sie noch Trainer in Nürnberg - haben Sie gesagt: "Ich wüsste gerne, ob ich auch ein Spitzenteam trainieren kann und wie es sich anfühlt Titel zu gewinnen"; den ersten Teil der Frage hat die abgelaufene Saison eindrucksvoll beantwortet...

Dieter Hecking:Wie es sich anfühlt? Großartig, einfach großartig! Ob in meiner Zeit als Spieler oder später als Trainer, ich erinnere mich zwar an einige tolle Spiele. Ein Titel aber hat noch einmal eine ganz andere Bedeutung und rundet das Bild mehr als ab. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass dieser Erfolg Ausdruck der großartigen Zusammenarbeit von allen ist, die beim VfL Wolfsburg hart dafür gearbeitet haben.

 bundesliga.de: "Heckings Krönung", so eine Zeitschrift nach dem Triumph von Berlin; wie ist das für jemanden, der gemeinhin den Fokus der Öffentlichkeit nicht sucht?

Hecking: Ich weiß das einzuordnen. In dem Augenblick, in dem man den deutschen Pokal gewinnt, verändert sich der Fokus der Medien zwangsläufig, und auch ein Trainer, der sonst weniger in den Schlagzeilen steht, wird jetzt ausgiebig beleuchtet. Im Augenblick kann ich damit sehr gut leben (lacht).

bundesliga.de: Können Sie den Erfolg genießen, oder sind Sie in Gedanken schon bei dabei, das Team für die kommenden Aufgaben zu rüsten?

Hecking: Im Moment steht der Genuss für mich noch an erster Stelle! Ich möchte die abgelaufene Saison in aller Ruhe verarbeiten. Wir konnten nach erfolgreichen Spielen kaum einmal durchatmen, weil uns der 3-Tage-Rhythmus voll in Beschlag genommen hatte. Einige besonders schöne Erlebnisse sind dadurch ein wenig untergegangen. Deshalb werde ich die kommenden zwei, drei Wochennutzen, um alles Revue passieren zu lassen und zu verarbeiten. Das gehört für mich einfach dazu.

"Liegen vor dem ursprünglichen Zeitplan!"

bundesliga.de: Im vergangenen Winter stand der VfL durch den Unfalltod von Junior Malanda vor sehr schwierigen Wochen; hatten Sie Zweifel, ob sich das negativ auf die Mannschaft auswirken würde?

Hecking:Zweifel ist vielleicht das falsche Wort, auch wenn man in diesem Januar sicher kurz ins Grübeln gekommen ist. Das möchte ich gar nicht ausschließen. Aber ich habe von Beginn an gespürt, wie die Mannschaft mit der Situation umgeht, das hat sie hervorragend gemacht. Deshalb war ich mir sicher, dass selbst dann, wenn der Rückrundenauftakt gegen Bayern München (4:1, d. Red.) in die Hose gegangen wäre, wir dennoch aus dieser Situation heraus gekommen wären. Zudem hatten wir überhaupt keine Gelegenheit lange zu zweifeln. Denn es galt sehr schnell Entscheidungen zu treffen und den Blick wieder nach vorne zu richten. Wir hatten eine sehr gute Vorrunde gespielt und wollten unbedingt daran anknüpfen und zumindest unter den top Vier bleiben, um uns so für die kommende Saison die Champions League zu sichern. Das hat uns bei aller vorhandenen Trauer immer wieder angetrieben.

bundesliga.de:Ihre Mannschaft hat in der vergangenen Saison auch gezeigt, dass sie die Zusatzbelastung durch die Europa League schultern kann, da dürfte Ihnen auch vor der Königsklasse nicht bange sein...

Hecking: Das sehen wir genauso. Wir haben es in der vergangenen Saison gut gemacht, und ich bin optimistisch, dass uns das in der kommenden Spielzeit ebenfalls gelingen wird - auch wenn in der Champions League stärkere Gegner warten werden. Natürlich gehört dazu immer auch ein wenig Glück, etwa dass sich wichtige Spieler nicht verletzen, so dass man die Belastung ein wenig steuern und verteilen kann.

bundesliga.de: Schon im vergangenen Jahr haben Sie die Champions League nur um einen Punkt verfehlt. Sind Sie im Nachhinein sogar froh, dass Ihr Team sich peu à peu an das internationale Niveau gewöhnen konnte?

Hecking: Ich glaube tatsächlich, dass die Erfahrungen, die wir in der Europa League-Saison machen konnten, sehr hilfreich sein werden. im Übrigen liegen wir auch jetzt noch vor unserem ursprünglichen Zeitplan. Den Angriff auf die Champions League hatten wir eigentlich erst für die kommende Saisonvorgesehen. Jetzt sind wir sogar ein Jahr früher dort, wo wir hin wollten.

"Mannschaft hat noch Entwicklungsstufen vor sich"

bundesliga.de: Wie weit sehen Sie Ihren Kader schon gerüstet für die Aufgaben der kommenden Saison?

Hecking: Wir haben schon jetzt einen sehr guten Kader und haben mit Max Kruse und Koen Casteels bereits zwei weitere gute Transfers vollzogen. Ich habe schon vor ein paar Wochen gesagt, dass ich davon überzeugt bin, dass meine Mannschaft auch in der jetzigen Zusammensetzung in der Lage ist, erfolgreich Champions League zu spielen. Ich sehe uns sehr gut gerüstet.

bundesliga.de: Die Entwicklung der Mannschaft scheint längst nicht abgeschlossen; wo sehen Sie Ihr Team auf einer angenommen Erfolgskurve?

Hecking: Man hat in diesem Jahr gesehen, dass sich einige unserer Spieler noch einmal besonders weiter entwickelt haben. Exemplarisch möchte ich Daniel Caligiuri nennen, der einen deutlichen Leistungssprung nach vorne gemacht hat, der so wohl nicht von jedem erwartet worden wäre. Ob es 40, 50 oder 60 Prozent unseres Leistungsvermögens sind, die wir bisher ausgeschöpft haben, ist nur schwer zu sagen. Ich glaube, dass es bei uns immer noch besser geht. Das ist das Wichtigste, dass man das Gefühl hat, dass aus jedem Einzelnen noch ein bisschen mehr herausgekitzelt werden kann. Diese Mannschaft hat noch weitere Entwicklungsstufen vor sich. Und es ist sehr hilfreich, dass die Spieler nun wissen, dass sie auch Titel gewinnen und Drucksituationen bewältigen können.

bundesliga.de: Welchen Stellenwert hat eine vertrauensvolle Partnerschaft, wie Sie zwischen Klaus Allofs und Ihnen zu bestehen scheint?

Hecking: Das ist die Grundvoraussetzung, dass es zwischen Sportdirektor und Cheftrainer stimmt. Wir sind im ständigen Austausch und versuchen stets gemeinsam eine Lösung für etwaige Probleme zu finden. Die Spieler müssen spüren, dass die Verantwortlichen eine gemeinsame Sprache sprechen. Nur so ist großer sportlicher Erfolg möglich!

Das Interview führte Andreas Kötter