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Hannover - Nein, nach dem FC Kopenhagen hatte sich Mirko Slomka beim Gastspiel seiner Hannoveraner in Köln nicht bei Stale Solbakken erkundigt. "Er hätte mir sicher keine Tipps gegeben, die seinem alten Team schaden", war sich der 96-Trainer sicher.

Andersrum hatte sich Roland Nilsson schon bei seinem Vorgänger Solbakken Rat geholt, "wie man gegen Hannover gewinnen kann", gab Kopenhagens Trainer auf der Pressekonferenz vor dem Europa-League-Spiel bei Hannover 96 zu. Köln hatte es in der Bundesliga vorgemacht.

Die Niedersachsen hatten Nestor El Maestro nach Dänemark geschickt, um den Tabellenführer beim Fünften AC Horsens zu beobachten. Doch die Kopenhagener ließen sich nicht in die Karten schauen. Der Tabellenführer unterlag 0:2 und kassierte vor den Augen von Hannovers Co-Trainer die erste Saisonniederlage.

Experiment in der Offensive

Slomka entschied sich am Donnerstagabend für eine Offensiv-Variante mit drei Angreifern. Doch anders als in der Vergangenheit spielte nicht Jan Schlaudraff hinter den Spitzen Didier Ya Konan und Mohammed Abdellaoue, sondern Ya Konan beackerte die rechte Außenbahn, und Schlaudraff/Abdelloue bildeten das Sturm-Duo. Ziel der Hannoveraner war es, eine schnelle Führung vorzulegen und dann das Spiel zu kontrollieren.

Das wäre nicht nur der Taktik der Niedersachsen mit dem schnellen Umschalten von Abwehr auf Angriff gegen die dann offensiver agieren müssenden Dänen entgegen gekommen, sondern die Mannschaft hätte auch ein wenig Kraft sparen können vor dem Bundesliga-Knaller gegen den FC Bayern München am Sonntag.

"Bei unseren Kontern viel zu unkonzentriert"

Es dauerte bis zur 29. Minute, bis Christian Pander die Gastgeber nach einem katastrophalen Fehlpass von Kopenhagens Brasilianer Claudemir in Führung brachte. Slomkas Taktik schien aufzugehen, vom Champions-League-Achtelfinalisten der Vor-Saison war nichts zu sehen. Hannover brachte die 1:0-Führung souverän in die Pause und ließ in Durchgang zwei den Gästen etwas mehr Raum, ohne dass diese allerdings gefährlich werden konnten.

Allerdings konnte auch die Gastgeber kaum noch Chancen herausspielen. "Wir waren bei unseren Kontern viel zu unkonzentriert und haben sie nicht konsequent zu Ende gespielt", hatte Schlaudraff beobachtet.

Zu allem Überfluss stellte dann auch noch Kopenhagens Top-Torjäger Dame N'Doye, der in der dänischen Liga bisher acht Treffer erzielt und drei Vorlagen zu Toren gegeben hat, seinen Torriecher unter Beweis. Mit der ersten Chance des Spiels, die Hannover zuließ, in der 67. Minute zum 1:1. "Danach sind wir wieder zurückgekommen und haben die verdiente Führung erzielt", so Slomka, der nicht fassen konnte, wie "wir die Partie dann noch aus der Hand geben konnten".

"War sicher, dass wir das Spiel gewinnen"

Nur acht Minuten hatte die 2:1-Führung durch Sergio Pinto aus der 81. Minute gehalten, bis der fünf Minuten zuvor eingewechselte Cesar Santin noch zum 2:2-Endstand. "Ich bin total enttäuscht. Nach meinem Tor war ich sicher, dass wir das Spiel gewinnen", sagte ein sichtlich angefressener Pinto: "Das dürfen wir einfach nicht mehr aus der Hand geben."

Des einen Leid, des anderen Freud'. "Wir waren nicht toll. Daher müssen wir mit dem Punkt zufrieden sein", suchte Christian Grindheim nach der Leistung seiner Mannschaft befragt, nicht nach Ausreden. Und Christian Bolanos erklärte auch, warum. "Wir waren viel zu ängstlich", gab Costa Ricas Nationalspieler in einem Gespräch mit bundesliga.de zu und versprach dem Bundesligisten in 14 Tagen einen heißen Tanz. "Im Rückspiel werden wir sicher ganz anders auftreten."

Spannend bis zum letzten Spieltag

Das befürchtet auch Slomka. "Jetzt ist das geschehen, was wir befürchtet hatten. Statt mit sieben Punkten die Tabelle anzuführen, ist in dieser Gruppe alles eng zusammen. Die Entscheidung wird erst am letzten Spieltag fallen", ist sich der 96-Coach nach den beiden Unentschieden gegen die Konkurrenten Standard Lüttich und FC Kopenhagen im eigenen Stadion sicher.

Das sahen seine Spieler auch so. "Die beiden Unentschieden hier zuhause sind natürlich bitter". ärgerte sich Christian Schulz. "Jetzt müssen wir in Lüttich oder Kopenhagen punkten", so der Außenverteidiger. "Aber ich bin sicher, dass wir dazu in der Lage sind."

Zwischen Welt- und Kreisklasse

Auch Schlaudraff war nach dem Spiel genervt. "Die kommen gefühlte zwei-, dreimal über die Mittellinie", ärgerte sich der Angreifer. Der Ex-Nationalspieler konnte den Spielverlauf nicht wirklich begreifen. "Wir hatten genügend Chancen, noch vor der Pause das zweite oder gar dritte Tor zu machen, dann wäre die Partie gelaufen gewesen."

Kopenhagen vor Augen, den FC Bayern im Kopf? "Nein. An den FC Bayern hat noch keiner von uns gedacht", reagierte Schlaudraff auf die Nachfrage von bundesliga.de. "Wir kennen den Rhythmus mittlerweile. Die Doppelbelastung stört uns nicht." Stattdessen bemängelt der Ex-Bayer ein Phänomen, dass er bei den "Roten" "seit Wochen" beobachtet. "Wir spielen eine Halbzeit weltklasse, eine Halbzeit Kreisklasse. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber das müssen wir so schnell wie möglich abstellen."

Am besten schon bis zum Spiel am Sonntag gegen den deutschen Rekordmeister. Spätestens aber bis zum Rückspiel am 3. November in der dänischen Hauptstadt.

Aus Hannover berichtet Jürgen Blöhs