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"Super-Kevin" rettete jede Woche ein Mal Hamburg und die Welt. In einer Cartoonserie, die regelmäßig in einer großen Tageszeitung abgedruckt wurde, tat er wie sein in blau-rot gewandetes amerikanisches Vorbild nur Gutes. Doch Hamburgs Superman kam nicht vom Planeten Krypton sondern aus Liverpool.

"Außerirdisch" aber waren die Leistungen von Kevin Keegan in seinen drei Jahren beim Hamburger SV schon. Der kleine Engländer führte den hanseatischen Traditionsclub 1978/79 zu seiner ersten Bundesliga-Meisterschaft und wurde 1978 und 1979 zu "Europas Fußballer des Jahres" gewählt.

Keegan erster ausländischer Superstar

Keegan war der erste aus dem Ausland verpflichtete wirkliche Superstar in der Bundesliga. 2,2 Millionen Mark ließ sich HSV-Manager Dr. Peter Krohn im Sommer 1977 die Verpflichtung des englischen Offensivspielers vom FC Liverpool kosten. Eine Wahnsinnssumme in der damaligen Zeit, aber Geld, das gut angelegt war.

Auch wenn die "Mighty Mouse", die mächtige Maus, in der ersten Saison noch einige Eingewöhnungsprobleme hatte.
1978/79 platzte beim HSV-Star endgültig der Knoten. Im Durchschnitt 40.377 Fans strömten zu den Spielen im Volkspark, Vereinsrekord bis vor wenigen Jahren.

Viele Puzzleteile führten zum Titel

Keegan bot Woche für Woche eine Gala. Mit seinen 17 Toren und den 13 von Horst Hrubesch hatte der HSV den besten Sturm. Die "Mighty Mouse" hat Hamburg nie vergessen. "Danke für die tolle Zeit", sagte er noch im Sommer 2002 zu den Fans, als er als Teammanager von Manchester City nach Hamburg zurückkehrte. Er wurde mit Sprechchören gefeiert. Der eher klein gewachsene, dunkelhaarige Wirbelwind war das fehlende Mosaiksteinchen im Hamburger Meisterpuzzle, das schon im Jahr eins nach Uwe Seeler Anfang der 1970er Jahre begonnen wurde.

Die Nachwuchstalente Manfred Kaltz, Rudi Kargus, Caspar Memering und Peter Hidien hatten den Sprung in die Stammelf geschafft und bildeten den Grundstock zum erfolgreichen Team. Die Verpflichtungen von Felix Magath (1976), Ivan Buljan (1977) Jimmy Hartwig und Horst Hrubesch (beide 1978) vervollständigten die Meistermannschaft.

Netzer und Zebec als Titelgaranten

Ein zweiter Glücksfall war Günter Netzer. Eigentlich sollte der 34 Jahre alte Ex-Mittelfeldstar aus Gladbach nur das Stadionheft des HSV reorganisieren. Doch er war so überzeugend, dass ihn Präsident Paul Benthien Ende Oktober 1977 auf den Managersessel für den zurückgetretenen Dr. Krohn hievte.

Ein ehemaliger Weltklassekicker in Verantwortung hinter den Kulissen. Ebenfalls eine Hamburger Pionierleistung, die zum erfolgreichen Vorbild für andere Vereine wurde - vor allem für Bayern München (Uli Hoeneß) zwei Jahre später.

Unrühmliche Meisterfeier

Netzer wollte zur nächsten Saison 1978/79 bereits Ernst Happel verpflichten, doch der Österreicher war (noch) nicht zu bekommen. So holte er aus Braunschweig den Kroaten Branko Zebec, der Bayern München 1969 zum "Double" geführt hatte. Ein knallharter Arbeiter und Disziplin-Fanatiker, "der im Jahr nur zwei Mal lacht". Doch für Hamburgs Starensemble war er genau der Richtige. "Die Meisterschaft war allein Brankos Werk", wehrte Netzer alle ab, die ihm eine Mitverantwortung am Titel geben wollten.

Die Meisterfeier im Volksparkstadion nach der unbedeutenden 1:2-Niederlage am letzten Spieltag gegen Bayern München überschattete die glanzvolle Saison. Hunderte stark alkoholisierter Fans stürmten nach der Übergabe der Meisterschale den Innenraum. 71 zum Teil schwer Verletzte wurden schließlich in den Krankenhäusern behandelt. Kapitän Peter Nogly rannte mit der "Salatschüssel" in Panik in die Kabine, "ohne Trikot, Schuhe, Strümpfe, zerkratzt und erschöpft".