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Mainz - Nach dem Abpfiff feierte das Mainzer Publikum die Mannschaft wie nach einem Pokalsieg gegen einen klassenhöheren Favoriten. Dabei hatte Mainz 05 gar nicht gewonnen, beim 1:1 gegen den VfL Wolfsburg aber den Tabellenzweiten am Rande einer Niederlage gehabt! Selbst FSV-Manager Christian Heidel, immerhin  23 Jahre im Amt, konnte sich nicht erinnern, dass je in Mainz nach einem 1:1 ein ganzes Stadion Kopf gestanden habe.

"Die Leute wollen, dass sich hier Spektakel und kleine Dramen abspielen", freute sich Heidel. Am Sonntag war das mal wieder so. Nach dem Trainerwechsel vom ruhigen Dänen Kasper Hjulmand zum puschenden Schweizer Martin Schmidt holte Nullfünf acht Punkte in fünf Spielen. Der Trend stimmt, die Mannschaft spielt wieder den typischen aggressiven Vorwärtsverteidigungsfußball, den die Fans seit den Zeiten der Trainer Jürgen Klopp und Thomas Tuchel sehen wollen. Dieser Punkt, glaubt Mittelfeldspieler Yunus Malli, könne am Ende noch Gold wert sein im Abstiegskampf.

Geis wird zur prägenden Figur

Die Mainzer haben unter dem neuen Trainer erneut ihre Klasse bewiesen. "Wir kommen immer besser in die Saison rein", findet Stratege Johannes Geis. Der 21 Jahre junge, zentrale Mittelfeldspieler hat sich längst zur prägenden Figur des Mainzer Spiels entwickelt. Seit er vor 20 Monaten aus Fürth nach Mainz kam, wird Geis immer stärker. Ohne Übertreibung darf man behaupten, dass Geis derzeit einer der besten defensiven Mittelfeldspieler der Liga ist.

Mit seinen präzisen Pässen aus dem Fußgelenk, die er millimetergenau aus der Zentrale auch über 50 Meter den Flügelspielern in den Fuß schlagen kann, verfügt er über ein Talent, das nur wenige haben. Geis strahlt am Ball eine beeindruckende Ruhe aus, er konzentriert sich auf die einfachen Dinge und vermeidet so Fehlpässe. Zudem sind die von ihm getretenen Standardsituationen bei den Gegnern zu Recht gefürchtet. Es ist kein Zufall, dass der FSV gegen Wolfsburg nach sieben Minuten und einer Ecke von Geis und einem Kopfball von Niko Bungert in Führung ging.

Im Schnellgang vom Talent zum Leistungsträger

Mit seinem knallharten Schuss ist Geis auch aus der Distanz gefährlich. Gegen Wolfsburg donnerte er den Ball aus 25 Metern nach einem Freistoß ans Lattenkreuz. Dabei ist das Selbstvertrauen des im Schnellgang vom Talent zum Leistungsträger gereiften Geis enorm. Er steht bei den Freistößen mittlerweile alleine am Ball, und obwohl so jeder Torwart weiß, was passieren wird, sind die Schüsse trotzdem meist hochgefährlich.

Geis brauchte keine Anlaufzeit in Mainz, unter Thomas Tuchel wurde er sofort Stammspieler und machte schon in der vergangenen Saison A-Nationaltrainer Joachim Löw auf sich aufmerksam. Und auch unter Kasper Hjulmand stand er ebenso  zweifellos immer in der Startelf wie nun unter Martin Schmidt. Das Zusammenspiel mit dem zweiten Sechser Julian Baumgartlinger klappt fast perfekt. "Wir verstehen uns hervorragend", sagt Geis.

Geis stark in Offensive und Defensive

Dabei überlässt Baumgartlinger Geis den Spielaufbau und hält dem Partner den Rücken frei. Zudem variierte Geis zuletzt in der Auslegung seiner Rolle zwischen Offensive und Defensive immer öfter. Gegen Wolfsburg gelang es ihm oft, dem Gegner den Ball zu stehlen, beim Versuch, aus dem Mittelfeld die Stürmer anzuspielen. Und Geis war an sieben von neun Mainzer Torschüssen beteiligt und schoss selbst doppelt so oft aufs Tor wie die gesamte Wolfsburger Mannschaft (vier Mal).

"Wir sind mental richtig gut drauf", sagt Geis, das wollen wir auch das nächste Mal in Bremen zeigen. Bis zum nächsten Bundesligaspiel sind es aber noch zwei Wochen, zuerst stehen für Geis mit der U 21-Nationalmannschaft zwei Testspiele gegen Italien und England an. Im Sommer will der gebürtige Schweinfurter mit der Auswahl von Trainer Horst Hrubesch in Tschechien den EM-Titel gewinnen. Jetzt freut er sich auf die Testspiele, er sagt: „Es ist geil, gegen England und Italien zu spielen. Es ist ein schönes Gefühl, das Trikot mit dem deutschen Adler zu tragen.“ Wenn Johannes Geis so weitermacht, ist das Tragen des Trikots der A-Nationalelf in der Zukunft für ihn keine Utopie.

Aus Mainz berichtet Tobias Schächter