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Köln - Es gibt nicht wenige Leute, die sagen, Hennes sei der letzte verbliebene Superstar des 1. FC Köln. Aus dem aktuellen Spielerkader drängt sich seit dem Abgang von Lukas Podolski keiner mehr so richtig auf. Die große Identifikationsfigur fehlt. Die Kicker verrichten ihren Job inzwischen in der 2. Bundesliga und das mit derzeit überschaubarem Erfolg. Aber den Geißbock Hennes, das Vereinsmaskottchen des 1. FC Köln, kennt jedes Kind. Hennes ist populärer denn je.

Genau genommen reden wir von Hennes VIII. Es ist eine schöne Geschichte, die auch aus der Feder eines Ottfried Preußler, dem berühmten Kinderbuchautoren, stammen könnte. Selbst die Namen passen herrlich ins Bild. Denn der Geißbock hat seine Bleibe im Kölner Ortsteil "Widdersdorf" gefunden, wo er von der Betreuerin Hildegard Schäfer liebevoll gehegt und gepflegt wird. Ein Geißbock in Widdersdorf bei Frau Schäfer.

Tierisches WG-Leben auf 20 Quadratmetern



Hennes VIII. geht es gut. Er lebt in einem vielleicht 20 Quadratmeter großen Stall. Und er ist nicht allein. Er teilt sich seine mit reichlich Heu und Stroh ausgestattete ehemalige Pony-Box mit "Willi". Willi ist auch ein Vierbeiner, allerdings deutlich kleiner als Hennes, dafür hat er aber große Ohren. Willi ist ein Kaninchen mit schwarz-weißem Fell. Die beiden verstehen sich prächtig.

Es ist eine kleine Idylle, da draußen auf dem Kölner Land. Eigentlich nichts Außergewöhnliches, wäre Hennes nicht das vielleicht traditionsreichste lebende Maskottchen eines deutschen Fußballvereins. Hennes ist eine Berühmtheit, die immer wieder regelmäßig die Medien aus der ganzen Welt anzieht. Alleine in den letzten Wochen bekam Hennes in seinem Stall Besuch von Kamerateams der britischen BBC sowie von TV-Stationen aus Brasilien und Japan.

Hennes wird dann immer schick gemacht, bekommt sein rotes Deckchen mit dem Vereinswappen und seinem Namen umgehängt und posiert dann für die Kameras. Hildegard Schäfer ist mit dabei und auch Ingo Reipka, seit zehn Jahren der offizielle "Hennes-Betreuer" des Vereins. Der 49-Jährige, der bei einem dem FC nahestehenden Transport- und Logistikunternehmen arbeitet, begann zunächst als Fahrer des Geißbocks.

Unterwegs auf Rollrasen und Heu



Vorher war noch der Bauer Wilhelm Schäfer die wichtigste Bezugsperson des Tiers. Seit 1970 hatte er sich um die Geißböcke gekümmert, angefangen mit Hennes III. Doch im Jahr 2006 verstarb Wilhelm Schäfer unerwartet. Seitdem haben dessen Witwe Hildegard und Ingo Reipka die Pflege und die Betreuung bei öffentlichen Auftritten übernommen, erst mit Hennes dem VII. und seit Sommer 2008 mit dessen Nachfolger. Ingo Reipka kutschiert den Geißbock in einem komfortabel ausgestatteten Transporter durch die Gegend. Hennes hat genug Platz darin und kann es sich auf Rollrasen und Heu richtig bequem machen.

Hunderte Auftritte hat alleine Hennes VIII. inzwischen bereits absolviert. Ohne die Fußballspiele. Denn dass er bei allen Heimspielen des 1. FC Köln an der Seitenlinie nicht allzu weit entfernt von der Trainerbank vor dem westlichen Teil Südkurve die Spiele verfolgt, ist obligatorisch. Aber das ist noch lange nicht alles. Hennes kann für Geburtstage und Hochzeiten gebucht werden, er ist beim St. Martinszug, der einmal um das Kölner Stadion führt, dabei, ebenso bei Jugendfußballturnieren und anderen Anlässen.

Allgegenwärtiger Filmstar



Hennes VIII. war außerdem bereits zu Gast bei Stefan Raab oder der Kölner Stunksitzung. Der Geißbock und sein Betreuer Ingo Reipka hatten Gastauftritte in einem ARD-Tatort, bei Bastian Pastewka und sogar in dem Kinofilm "Der Superbulle" mit Tom Gerhardt. Mal verwüstete er ein Blumenbeet, mal wurde er angefahren, einmal wurde er entführt. Bis auf den roten Teppich bei der Premiere vor dem Kölner Cinedom hat es Hennes schon geschafft. Dabei hat er den Stars die Show gestohlen und das nicht etwa, weil er auf dem teuren Stoff auch direkt sein Geschäft verrichtet hat.

Der Geißbock ist so mit das Beste, was dem 1. FC Köln in seiner bewegten Vereinsgeschichte passieren konnte. Er ist allgegenwärtig, es gibt etliche Fanartikel von ihm, Bücher über ihn. Hennes hat seine eigene Autogrammkarte. Im Vereinswappen, in dem er die beiden Türme des Kölner Doms zu überspringen scheint, ist er vertreten, das Clubmagazin heißt passenderweise "Geißbock-Echo", das Vereinshaus "Geißbockheim". Und im Kölner Stadion kündigt über die Lautsprecher ein munteres Hennes-Meckern die Zwischenstände auf den anderen Plätzen an.

1950 fing alles an



Angefangen hat die Geschichte 1950. Der 1. FC Köln war gerade erst zwei Jahre zuvor gegründet worden und wurde damals von Spielertrainer Hennes Weisweiler gecoacht. Am 13. Februar 1950 schenkte die Zirkusdirektorin Carola Williams auf einer Karnevalssitzung dem Verein einen jungen Geißbock als Glücksbringer. In Anlehnung an den Namen des Trainers, wurde das Tier auf den Namen Hennes getauft.

Hennes I. wurde erst beim Vereinsmitglied Wilhelm Siepen untergebracht, später beim Bauern Peter Filz. Er war bis 1966 "im Amt", ehe er an Altersschwäche starb. Seiner Rolle als Glücksbringer wurde er vollauf gerecht, mit ihm gewann der 1. FC Köln zwei Deutsche Meisterschaften. Weniger Glück hatte Hennes II., der nach nur vier Jahren eines Morgens tot aufgefunden wurde und wie sich später herausstellte, an den Folgen einer Schäferhundattacke verendet war. Er war in einem kleinen Gehege am Vereinsheim untergebracht.

Etwas kinderscheu



Danach ging der FC auf Nummer sicher und vertraute alle kommenden Wappentiere dem Bauern Wilhelm Schäfer in Widdersdorf an, wo Hennes VIII. heute wie bereits erwähnt mit dem Kaninchen Willi in einer WG wohnt und sich über Besuch freut. Der neue FC-Präsident Werner Spinner hat ihm bereits zwei Mal seine Aufwartung gemacht, andere Größen wie Toni Schumacher oder Weltmeister Hans Schäfer schauen auch schonmal vorbei.

Hennes III. ist ein liebes Tier, ein wenig menschenscheu, jedenfalls dann, wenn viele Kinder ihm zu nahe kommen und ihn partout streicheln wollen. Die Stadionatmosphäre macht ihm dagegen nichts aus. Knapp zwei Stunden vor dem Anpfiff ist er bereits im Stadion, wo er mit allen Wegen bestens vertraut ist. Kurz vor dem Abpfiff geht es dann zurück ins Auto und nach Hause in den Stall von Frau Schäfer in Köln-Widdersdorf. Ob er dort vom Aufstieg des FC träumt?

Tobias Gonscherowski