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In seiner ersten Karriere als Fußballer spielte er für den VfB Stuttgart, Eintracht Braunschweig und den FC St. Pauli. Ein Trainingslager mit St. Pauli auf Kuba war der Anfang einer ganz anderen beruflichen Entscheidung von Benjamin Adrion.

Der 27-Jährige rief 2005 das Projekt "Viva con Agua de St.Pauli" ins Leben, das sich um die Verbesserung der Trinkwasserversorgung in Entwicklungsländern kümmert.

Große Unterstützung findet das Projekt in Fankreisen des FC St. Pauli. bundesliga.de hat mit Adrion über die Arbeit, Stellenwert und Perspektiven von "Viva con Agua de St.Pauli" gesprochen.

bundesliga.de: Herr Adrion, vorweg erst mal Glückwunsch. Sie haben jüngst den Publikumspreis beim Utopia Award 2008 in der Kategorie Vorbilder gewonnen: Dank ihres Einsatzes mit dem Projekt "Viva con Agua de Sankt Pauli", das sich um eine saubere und sichere Trinkwasserversorgung in Entwicklungsländern kümmert. Was steckt eigentlich hinter dem Utopia Award?

Bennjamin Adrion: Der Utopia Award wurde jetzt zum ersten Mal vergeben. Von daher hat er sicher noch nicht das Renommee, das er meiner Ansicht nach in den nächsten Jahren bekommen wird. Weil dem Award ein Kongress vorangegangen ist, bei dem maßgebliche und weltweit führende Forscher, Professoren und Autoren anwesend waren, die sich mit Umwelt, strategischem Konsum und nachhaltigem Lebensstil auf der Erde auseinandersetzen. Das wird sicher in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen und der Preis wird deshalb auch einen höheren Stellenwert haben. Aber in bestimmten Kreisen erregt der Preis auch jetzt schon Aufsehen.

bundesliga.de: Welche Persönlichkeiten engagieren sich bei Utopia?

Adrion: Die amerikanische Schauspielerin Darryl Hannah, die zum Beispiel in den beiden "Kill Bill"-Filmen mitgespielt hat, hat auf dem Kongress eine Laudatio gehalten. Es war einer der Co-Regisseure von Al Gores Umweltfilm "Eine unbequeme Wahrheit" anwesend, also schon eine gewisse Hollywood-Prominenz. Dazu natürlich allerlei Vertreter aus Unternehmen und Organisationen aus dem Bereich Umwelt oder Nachhaltigkeit.

bundesliga.de: Wie ist ihr Projekt "Viva con Agua de Sankt Pauli" entstanden?

Adrion: Als ich noch Profi bei St. Pauli war, sind wir 2005 im Trainingslager auf Kuba gewesen. Als wir zurückgekommen sind, wurde mein Vertrag bei Pauli verlängert. Aber ich habe mir nach den Eindrücken auch Gedanken gemacht, wie man meine Tätigkeit als Fußballer und meinen Wunsch zu helfen, verbinden könnte. Da kam mir Idee, dem Image St. Pauli mal eine konkrete Form zu geben und durch den Namen "Viva con Agua de Sankt Pauli" herauszufinden, ob das so oft gelobte Umfeld von St. Pauli tatsächlich die Attribute besitzt, die man ihm zuschreibt.

bundesliga.de: Nämlich?

Adrion: Ein hohes soziales Engagement, hohes Bildungsniveau oder ein hoher Frauenanteil. Und dann zu sehen, ob die Leute sich wirklich einbringen und anpacken?

bundesliga.de: Haben die St. Paulianer auch das gehalten, was Sie sich von ihnen versprochen haben?

Adrion: Ja, absolut! Allein die Tatsache, dass "Viva con Agua" noch besteht und nicht nur ein einziges Projekt seinerzeit auf Kuba umgesetzt hat - deshalb auch der spanische Name des Projekts. Es war eigentlich nie geplant, eine wirkliche Organisation aufzubauen. Aber jetzt sind wir dabei, langfristige Strukturen zu bilden und versuchen in ganz Deutschland Unterstützung für diese Idee zu finden. Wir sehen St. Pauli zwar als Keimzelle, wollen uns aber nicht nur auf den Stadtteil beschränken.

bundesliga.de: Wie haben sich die Fans von St. Pauli konkret in das Projekt eingebracht?

Adrion: Das Projekt ist wie ein offenes Netzwerk angedacht, wo jeder mitmachen und sich einbringen kann. Von Beginn haben sich Leute in vielfältiger Art und Weise engagiert: Ob das selbst veranstaltete Konzerte waren oder Hebammen, die pro Geburt fünf Euro gespendet haben. Ob das Mütter waren, die Mützen gestrickt haben oder Weihnachtsgeschenke gespendet haben. Oder auch Leute, die einfach zu unseren Veranstaltungen gekommen sind und aus denen sich später eine feste Crew gebildet hat, die sich regelmäßig trifft.

bundesliga.de: Wie haben Sie Profikarriere und Engagement für "Viva con Agua" vereinbaren können?

Adrion: Ich war in dem Jahr, wo das Projekt Fahrt aufnahm, sehr verletzungsanfällig mit Operationen und allem drum und dran. Aber dann kam von mir aus schnell die Entscheidung, dass ich erstens beim FC St. Pauli bleibe, weil ich mich dort sehr wohl gefühlt habe und ich mir nicht vorstellen konnte, zu einer anderen Regionalliga-Mannschaft zu wechseln. Außerdem wollte ich auch wegen des Projekts nicht mehr die Stadt verlassen. Von daher war klar: St. Pauli oder kein anderer Verein. Im Sommer 2006 habe ich dann meine Karriere bei St. Pauli beendet.

bundesliga.de: Das frühe Karriereende haben Sie auch nicht bereut?

Adrion: Nein! Bei einem Blick auf mein Konto könnte man auf die Idee kommen, es zu bereuen, aber das ist nicht das entscheidende Kriterium. Sondern ich hatte ja auch schon während meiner aktiven Karriere immer den starken Wunsch, mich um andere Dinge zu kümmern. Es ist toll, dass dieses spannende Projekt entstanden ist, wo man viele interessante Kontakte hat, viel reist und andere Menschen trifft. Ich hab auch gar keine Zeit, irgendetwas zu bereuen.

bundesliga.de: Wie sehen Sie das Projekt in ein paar Jahren? Ist es eher gesichert oder muss man sich um Sie Sorgen machen?

Adrion: Gesichert ist es nicht, aber man muss sich auch keine Sorgen um mich machen. Ich bin selbständig und quasi vielfältig aufgestellt. Ich versuche in vielen Bereichen einen Fuß in die Tür zu bekommen und "Viva con Agua" ist nur eine Sache. Wobei bei "Viva con Agua" ganz klar das Ziel ist, eine funktionierende Organisation zu schaffen, die auch noch in zehn Jahren besteht.

bundesliga.de: Gibt es mit dem FC St. Pauli auch eine schriftliche Vereinbarung über irgendwelche Maßnahmen zur Unterstützung des Projekts?

Adrion: Wir haben auf eine schriftliche Vereinbarung verzichtet und uns ganz bewusst dagegen entschieden, ein offizielles Vereinsprojekt zu sein. Weil wir dann ja auch an Sponsoren gebunden wären und wir "Viva con Agua" auch in der Schweiz, Köln, Stuttgart, Osnabrück oder Berlin aufbauen wollen. St. Pauli ist also wirklich als Keimzelle zu verstehen, aber nicht etwas, auf das man sich beschränkt. Als offizielles Vereinsprojekt wäre diese weiträumige Entwicklung eher gefährdet. Gleichzeitig ist die informelle Verbindung zwischen dem FC St. Pauli und "Viva con Agua" so stark, dass es auch keiner schriftlichen Vereinbarung bedarf. Diese Verbindung wird von Präsidium, Spielern und Fans wirklich gelebt. Die Spieler haben beispielsweise eine Fotoausstellung im Millerntorstadion bezahlt, wo Bilder zum Thema "Africa meets St. Pauli" gezeigt werden.

bundesliga.de: Gibt es unter den St. Pauli-Fans auch welche, die sich weit über das Normalmaß in das "Viva con Agua"-Projekt eingebracht haben?

Adrion: Zwei der Leute, die bei uns im Büro sitzen und uns dauerhaft unterstützen, kommen aus der Fanszene von St. Pauli. Wie auch viele in Hamburg, die unser Projekt unterstützen, aus dem Fanumfeld von St. Pauli stammen. "Viva con Agua" lebt natürlich durch das enorm hohe Engagement, das viele hier einbringen und die meisten haben irgendwie auch etwas mit dem FC St. Pauli zu tun.

bundesliga.de: Wie lange sind Sie ungefähr in Hamburg und wie lange vor Ort für Ihre Projekt unterwegs?

Adrion: In diesem Jahr war ich etwa neun Wochen in Afrika. Mein Ziel ist es, auf jeden Fall zwei Mal im Jahr zu reisen, den Kontakt zu den Projekten zu halten oder neue Kontakte zu schaffen zu Künstlern, Sportlern oder Klubs. Ich will in dem Land auch sehen, wofür man das alles macht.

bundesliga.de: Welches Projekt läuft aktuell?

Adrion: Im Moment bauen wir neue Brunnen und sanitäre Anlagen im Süden Äthiopiens. Dort in der Umgebung waren wir schon mal und haben mit eigenen Augen gesehen, was Brunnen und sauberes Trinkwasser bewirken können.

Das Gespräch führte Stefan Kusche