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Bielefeld - Nach dem bitteren Abstieg in die 3. Liga im vergangenen Sommer war nicht jeder davon überzeugt, dass Arminia Bielefeld der direkte Wiederaufstieg gelingen würde. Die Mannschaft von Trainer Norbert Meier aber strafte alle Pessimisten Lügen und schaffte zudem im DFB-Pokal einen bemerkenswerten Siegeszug, der das Team bis ins Halbfinale führte. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Meier darüber, dass dieser Wiederaufstieg dennoch alles andere als ein Selbstläufer war, er freut sich über die neue Euphorie in Bielefeld und wirft kurz vor Saisonstart einen Blick auf die Entwicklung der 2. Bundesliga.

bundesliga.de: Herr Meier, vor 14 Monaten musste die Arminia den bitteren, nach dem Verlauf der Relegationsspiele kaum noch für möglich gehaltenen Weg in die 3. Liga antreten. Wie groß war damals Ihre Enttäuschung?

Norbert Meier: Die Enttäuschung war bei uns allen ähnlich groß, bei den Spielern, den Fans, den Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle, den Offiziellen und selbstverständlich auch beim Trainer-Team. Wir waren eigentlich schon so gut wie abgestiegen, konnten uns aber gegen Ende der Saison zurückkämpfen und noch die Relegation erreichen. Die aber hatte eine Dramaturgie, die für uns ein echter Schlag ins Kontor war. Positiv war allerdings, dass es uns nach einer kurzen Phase der tiefen Enttäuschung gelungen ist den Blick wieder nach vorne zu richten. In nur drei Wochen haben wir damals eine Mannschaft aufgebaut, in der alle in eine Richtung marschiert sind.

bundesliga.de: Weder haben Sie hingeworfen noch hat man Sie entlassen: Damit taugt Arminia als Vorbild, was möglich ist, wenn ein Trainer die Zeit bekommt, seine Ideen umzusetzen.

Meier: Der Verein wollte damals gerne mit mir weitermachen, und ich habe gesagt "So, mit dem Abstieg, möchte ich mich hier nicht verabschieden" - immer mit dem Wissen, dass diese 3. Liga kein Selbstläufer werden würde. Wie gesagt, Samir Arabi (Manager der Arminia, d. Red.) und ich hatten gerade einmal drei Wochen Zeit, um eine Mannschaft zusammenzustellen, die wir zum Glück im Laufe der ersten Transferperiode noch verstärken konnten.

"Jetzt erst recht"

bundesliga.de: Waren Sie überrascht von der souveränen Saison-Leistung mit DFB-Pokal-Halbfinale und direktem Wiederaufstieg?

Meier: Wir haben damals zum Saisonauftakt in Mainz 2:1 gewonnen, hätten aber ebenso gut verlieren können. Und auch in den folgenden vier, fünf Spielen haben wir uns sehr schwer getan. Allmählich aber ist die Mannschaft zusammengewachsen und hat sich wieder ans Gewinnen gewöhnt. Das mag sich zunächst etwas komisch anhören. Wenn man in der 2. Bundesliga aber lange so tief unten gestanden hat, ist es logisch, dass wir weit mehr Negativ- als Erfolgserlebnisse hatten. Wichtig war zudem, dass wenn auch nicht ganz Ostwestfalen, so aber doch das Ostwestfalen, das Arminia stets die Daumen drückt, den Kopf wieder hoch genommen hat, ganz nach dem Motto "Jetzt erst recht". Die Pokal-Serie, die uns bis ins Halbfinale geführt hat. hat daran sicherlich einen großen Anteil. Dennoch war uns immer bewusst, dass diese 3. Liga kein Selbstläufer ist und auch nie einer sein wird. Zum Beweis braucht man nur einmal zu schauen, wie viele verschiedene Tabellenführer es gab, die teilweise bereits einen ordentlichen Vorsprung herausgearbeitet hatten.

bundesliga.de: Heute scheint die Euphorie in Bielefeld größer denn je, mit über 8.500 Dauerkarten hat man einen neuen Rekord aufgestellt.

Meier: Das stimmt. Und beinahe könnte man sagen, dass die ganze Geschichte, der Abstieg und die folgende sehr gute Saison mit dem Aufstieg kein Fluch, sondern ein Segen war. Aber das wäre zu einfach gedacht. Für einen Verein wie Arminia mit seinen finanziellen Mitteln ist es nicht so einfach in der 3. Liga zurechtzukommen. Zudem darf man nicht vergessen, dass wir mit 38 Ligapartien, mit Westfalen- und mit DFB-Pokal insgesamt 48 Pflichtspiele absolvieren mussten. Das ist ein Wert, den gemeinhin Nationalspieler erreichen.

"Was Darmstadt geleistet hat, ist eine tolle Geschichte"

bundesliga.de: Wie zufrieden sind Sie in diesem Zusammenhang kurz vor Ligastart mit dem Leistungsstand Ihrer Mannschaft?

Meier: Wir haben eine gute Vorbereitung mit erfolgreichen Testspielen absolviert. Bis auf Daniel Brinkmann, der am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankt ist, plagen uns kaum größere Verletzungssorgen. Alle Spieler sind daher etwa auf demselben Leistungsstand. Aber wir wissen auch, dass die erfreulichen Testergebnisse und die gute Vorbereitung am Samstag, wenn es losgeht, nicht mehr zählen.

bundesliga.de: Mit welcher Zielvorgabe geht man in die neue Saison?

Meier: Es wird auch in dieser Saison wieder eine Reihe von Vereinen geben, die vielleicht nicht extern, aber intern die Zielsetzung ausgeben, ganz oben mitspielen zu wollen. Unsere Zielsetzung unterscheidet sich intern nicht von der externen. Wir sagen, dass wir die Dinge, die wir zuletzt gut gemacht haben, noch verbessern und uns weiter stabilisieren wollen. Vor allem aber wollen wir weg vom Image der Fahrstuhl-Mannschaft.

bundesliga.de: Taugt Darmstadt 98, das sicherlich über keine größeren Ressourcen verfügt als Arminia Bielefeld, als Blaupause dafür, was möglich ist?

Meier: Das, was Darmstadt in den vergangenen beiden Spielzeiten geleistet hat, ist eine tolle Geschichte. Und man kann den Lilien nur ein Riesenkompliment machen. Ich erinnere hier auch an die Bundesliga-Saison, als der 1. FC Kaiserslautern unter Otto Rehhagel als erster und bisher einziger Aufsteiger Deutscher Meister wurde. Von solchen Geschichten lebt der Fußball - auch wenn ich angesichts der heute vorherrschenden finanziellen unterschiedlichen Möglichkeiten der Vereine nicht daran glaube, dass so etwas noch einmal passieren kann. Allerdings gestehe ich zu, dass wohl auch kaum einer daran geglaubt hat, dass Darmstadt als Neuling den direkten Aufstieg in die Bundesliga schaffen würde. Trotzdem: Der Regelfall wird das nicht sein. Davon auszugehen, wäre vermessen.

"Es gibt keinen Grund durchzudrehen"

bundesliga.de: Das mag sicher stimmen, nichtsdestotrotz gibt es immer wieder Teams, die niemand auf der Rechnung hat, die aber positiv überraschen.

Meier: Es wird immer wieder Teams geben, die überraschen und unerwartet im vorderen Bereich mitspielen können. Ich selbst habe das mit Fortuna Düsseldorf erlebt, als wir als Aufsteiger in der 2. Bundesliga Vierter werden konnten, wenn auch ohne direkten Anschluss an die Aufstiegsplätze. Nein, für Arminia Bielefeld kann es nur darum gehen, sich in der 2. Bundesliga mittelfristig wieder zu etablieren. Das wird schwierig genug, es gibt also keinen Grund durchzudrehen. Schauen Sie doch nur einmal, welche Ablösesummen mittlerweile selbst in der 2. Bundesliga gezahlt werden. Das hat es vor nicht allzu langer Zeit in dieser Form noch nicht gegeben.

bundesliga.de: Und das betrifft nicht nur RB Leipzig?

Meier: Ich werde den Teufel tun, etwas Despektierliches über RB Leipzig zu sagen. Auch RB muss erst einmal entsprechende Leistung bringen, wenn man sportlich erfolgreich sein will. Aber Sie haben Recht, auch einige andere Vereine haben durchaus große Anstrengungen unternommen, ihren Kader zu verbessern oder zu verbreitern.

bundesliga.de: Die Arminia startet beim FC St. Pauli in die Saison. Einerseits gibt es sicher dankbarere Aufgaben, andererseits erfährt die Mannschaft gleich die volle 2. Bundesliga-Dröhnung...

Meier: Und das ist sehr schön, wenn man gleich die volle Dröhnung erleben darf und mittendrin ist in der 2. Bundesliga – so lange diese Dröhnung nicht ins eigene Tor ausschlägt! Keine Frage, Emotionen und Stimmung am Millerntor, wo meines Wissens nach nun auch die letzte Tribüne fertig gestellt ist, sind fantastisch. Aber unsere Jungs müssen wissen, dass mit dem Erklingen von „Hells Bells“, das dort zum Einlaufen der Mannschaften gespielt wird, noch das letzte bisschen Nervosität abgelegt sein muss. Nur dann kann man auf St. Pauli erfolgreich sein.

Das Gespräch führte Andreas Kötter