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Braunschweig - Die Vergangenheit hat oft genug gezeigt, dass längst nicht jeder Club einen Bundesliga-Abstieg so gut verkraftet, wie das Eintracht Braunschweig in der vergangenen Zweitliga-Saison gelungen ist. Fast bis zuletzt hatte die Eintracht mehr oder weniger engen Kontakt zu den ersten drei Plätzen, so dass der direkte Wiederaufstieg keine allzu große Überraschung gewesen wäre. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de lässt Trainer Torsten Lieberknecht noch einmal Revue passieren, welchen Nutzen der Club aus einem Jahr Bundesliga-Zugehörigkeit ziehen konnte, er spricht über die Zielsetzung für die kommende Saison und nimmt seinen vom HSV umworbenen Stürmer Berggreen in die Pflicht.

bundesliga.de: Herr Lieberknecht, lassen Sie uns zu Beginn den Bogen etwas weiter schlagen: Der bejubelte Aufstieg in die 1. Liga liegt bereits zwei Jahre zurück, der tränenreiche Abstieg ein Jahr. Was ist nach einer weiteren Saison in der 2. Bundesliga geblieben von der Aufstiegs-Euphorie?

Torsten Lieberknecht: Geblieben ist uns die Erinnerung an die großen Emotionen, gepaart mit der starken Motivation Eintracht Braunschweig weiterhin ein unverwechselbares Gesicht zu geben. Ich glaube, dass unser Aufstieg zudem ein Signal war für folgende Aufsteiger wie Paderborn oder Darmstadt. Wir haben gezeigt, dass man auch mit bescheidenen finanziellen Mitteln Großes erreichen kann.

"Keine Selbstverständlichkeit"

bundesliga.de: Das steht außer Frage, trotzdem konnte man die Klasse nicht halten...

Lieberknecht: Selbstverständlich war der Abstieg aus der Bundesliga enttäuschend, weil wir trotz unserer bescheidenen finanziellen Mittel den großen sportlichen Ehrgeiz hatten die Klasse zu halten. Umso wichtiger war es, dass wir in der Folge eine sehr stabile Zweitliga-Saison gespielt haben, in der wir immer wieder auch Kontakt zu den Aufstiegsplätzen herstellen konnten. Das war keine Selbstverständlichkeit.

bundesliga.de: Sie sprechen es an: In der Vergangenheit gab es Clubs, für die ein Aufstieg sowie der folgende Abstieg zur schweren Hypothek wurden...

Lieberknecht: Für uns war und ist die Zugehörigkeit zur 2. Bundesliga nichts Despektierliches. Im Gegenteil: Wir verstehen die 2. Bundesliga als große und anspruchsvolle Herausforderung. Eine Herausforderung, der wir auch dank des einen Jahres in der Bundesliga gewachsen sind. Denn nicht nur sportlich, sondern gerade auch administrativ haben wir große Fortschritte gemacht. Wir konnten unsere Infrastruktur auf Vordermann bringen und verfügen nun über ein Nachwuchsleistungszentrum, das unter den Top drei im Norden ist.

"Großer Siegeswillen zu erkennen"

bundesliga.de: Vor der vergangenen Saison haben die Eintracht-Verantwortlichen gesagt, man sei zufrieden, wenn man es in drei bis fünf Jahren zurück in die Bundesliga schaffe. Bleibt es bei dieser Zielsetzung?

Lieberknecht: Wir sind ehrgeizig und wir wollen an jedem Wochenende  gewinnen. Aber wir wissen, wie schwer ein Aufstieg gerade in dieser Saison werden dürfte. Ich glaube, dass diese 2. Bundesliga die vielleicht stärkste der vergangenen Jahre ist. Da sind die Aufsteiger, Duisburg und Bielefeld, die bekannte Marken darstellen und schon deshalb großes Potenzial mitbringen. Dazu kommen die Absteiger, Freiburg und Paderborn, die man immer auf der Rechnung haben muss, sowie noch weitere ehemalige Bundesligisten, ob nun Nürnberg, Kaiserslautern, Karlsruhe oder Fürth. Und dann ist da mit Leipzig noch ein besonders ambitionierter Vertreter, der - Stand heute - bereits 25 Millionen Euro investiert hat. Das ist ein absolutes Novum in der 2. Bundesliga. Deshalb ist es in Ordnung, dass wir bei allem Ehrgeiz, den wir mitbringen, diese Saison erst einmal nüchtern und realistisch angehen wollen.

bundesliga.de: Testspiel-Siege gegen europäische Top-Clubs wie Rubin Kasan oder Schachtjor Donezk zeigen Ihr Team gut vorbereitet auf die neue Saison...

Lieberknecht: Zumindest zeigen mir diese Siege, dass die Jungs viele der Trainingsinhalte, die wir umgesetzt sehen wollten, wenn auch nicht über eine komplette Spielzeit, so aber doch weitgehend sehr gut umsetzen können. Die Mannschaft ist absolut gewillt, sich an ein neues System zu gewöhnen, und hat trotz aller Müdigkeit, die eine Vorbereitung mit sich bringt, großen Siegeswillen erkennen lassen. Das, obwohl unsere personelle Situation etwas angespannt war, weil die Umsetzung der Transfers etwas Zeit benötigt hat und wir zudem zwei, drei angeschlagene Spieler hatten, so dass zu den sieben Spielern, die wir ohnehin aus der U19 bzw. U23 hochgezogen hatten, noch drei weitere nachkommen mussten. Diese Schwierigkeiten wurden aber jederzeit aufgewogen durch das große Engagement der Jungs.

"Gute Qualität in der Mannschaft"

bundesliga.de: Gerade haben Sie mit dem Dänen Mads Hvilsom einen Angreifer verpflichtet. Sind Ihre Planungen abgeschlossen?

Lieberknecht: Wir sind uns darüber einig, dass wir den Kader klein halten wollen. Allerdings möchte ich achtzehn Spieler im Team haben, von denen jeder einzelne sofort voll da ist und funktioniert, wenn er gebraucht wird. In der Mannschaft haben wir bereits jetzt eine gute Qualität, wollen aber  auf der einen oder anderen Position noch den Konkurrenzkampf qualitativ verstärken. Im Offensiv-Bereich sehe ich unsere Bemühungen mit Hvilsom, Berggreen, Ademi und Düker aber als abgeschlossen an - immer vorausgesetzt, dass sich nicht noch ein Spieler verletzt.

bundesliga.de: Stichwort Berggreen: Der Hamburger SV zeigt sehr großes Interesse am Dänen, und der wiederum soll nicht abgeneigt sein...

Lieberknecht: Fakt ist, dass Emil bei uns Vertrag bis zum 30. Juni 2017 hat, ohne jegliche Ausstiegsklausel. Wir haben Emil in der Rückrunde der vergangenen Saison behutsam aufgebaut und erwarten nun, dass er sein großes Talent von Beginn an für uns abruft und Vollgas in blau-gelb gibt!

"Sandhausen alles andere als leicht"

bundesliga.de: Grundsätzlich ist man in Braunschweig mit Skandinaviern zuletzt sehr gut gefahren. Was macht die Nordländer für die Eintracht so attraktiv?

Lieberknecht: Zum einen ist das Feld, das unsere Scouting-Abteilung beackert, eher klein abgesteckt. Skandinavische Länder sind für uns gerade noch gut zu bereisen. Dort können wir Spieler bei Vereinen sichten, bei denen wir nicht das Gefühl haben müssen, dass auf der Tribüne noch zwanzig potenzielle Mitbewerber sitzen. Zum anderen lehrt uns die Erfahrung - angefangen mit Omar Elabdellaoui - dass skandinavische Spieler eine sehr teamorientierte Mentalität mitbringen und in aller Regel eine sehr gute Ausbildung genossen haben. Das macht diese Jungs für uns sehr interessant, wie nun auch Mads Hvilsom.

bundeslig.de: In gut einer Woche empfängt die Eintracht den SV Sandhausen. Das sieht nur auf den ersten Blick aus wie ein Wunschgegner zum Saisonstart...

Lieberknecht: Danke! Fakt ist zwar, dass wir mit einem Heimspiel in die Saison starten können, was für unsere Fans sehr schön ist. Aber man muss auch wissen, dass der SV Sandhausen traditionell sehr gut in die Saison startet und auch sonst alles andere als eine leichte Aufgabe darstellt. Für mich bedeutet dieses Duell jedenfalls 2. Bundesliga pur!

Das Gespräch führte Andreas Kötter